Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 188
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Außerdem sind an diesem Oktogon noch die
Zeichen von weiteren fünf Steinmetzen nachzu-
weisen, die vorher unter Ulrich am Westteil
des Langhauses in Eßlingen mitgearbeitet ha-
ben; fJ )' Deutlicher kann der Zu-

sammenhang von Meister und Bauhütte nicht
aufgezeigt werden, (j hat um 1370 am Unter-
geschoß des Altstädter Brückenturmes in Prag
gearbeitet, also wieder an einem Parierbau. Zu
den Steinmetzen, die unter Ulrich in Eßlingen,
Ulm und Straßburg tätig waren, gehört auch
; zu Ulrichs Hütte in Straßburg und Ulm
^j- und J1 ; auch die zwei Letztgenannten be-
gegnen vor- oder nachher an Bauten der Parier.
Erinnern Einzelheiten des notwendig einfachen
Westportales der Frauenkirche Eßlingens an
Langhausportale in Gmünd, so kann diese Be-
ziehung auch durch den Steinmetzen j- her-
gestellt worden sein, der in Gmünd am Nord-
westansatz des Chores, in Eßlingen in der Um-
gebung des genannten Portales nachweisbar ist.
So vielfältige Beziehungen der Ulrich-Stein-
metzen zu Hütten der Parier können nicht über-
raschen; hat doch der Meister selbst mehrfach
unmittelbar von den Parlern Bauten übernom-
men. Nicht nur in Ulm, sondern auch in Basel,
in Regensburg vielleicht und sicher in Straß-
burg, ja sogar in Mailand und Wien prallten die
von Ulrich vorgetragenen Ideen mit solchen der
Parler-Familie zusammen. Es kann daher nicht
wundernehmen, daß zwischen den Hütten der
zwei großen süddeutschen Baumeisterfamilien
auch ein reger Wechsel der ausführenden Kräfte
stattfand, soweit das bei der generationsmäßigen
Verschiebung des Auftretens dieser Meister-
reihen überhaupt möglich war. (Um 1420 ist
wohl die Zeit des unmittelbaren Wirkens der
Parier, noch lange aber nicht die der Ensingen
vorbei.) Es wäre falsch, wollte man aus dem
regen Austausch der ausführenden Kräfte zwi-
schen den Hütten der Parier und Ensingen über
Detailverwandtschaften der Bauten hinaus auf
solche ihres Wesens schließen. Im Gegenteil! In
der Antithese Parler-Ensingen versinnbildlicht
sich geradezu das Schicksal der deutschen Bau-
kunst im späten 14. JahrhundertDer ständige

') Die Knauthschen Zeichelltabellen von Straßburg sind
ganz veröffentlicht bei K. Friedrich, Die Steinbearbei-
tung in ihrer Entwicklung vom 11. bis zum 18. Jahrh.,
Ausburg 1932. — Die Ulmer Zeichen, durch Pressel ge-
sammelt, im 3. und 4. Heft d. Ulmer Münsterblätter 1883.
') Hier vgl. die i. V. befindliche Arbeit über „Die Parier
von Ulm", die auch Ulrichs Westportal neu bearbeitet.

Hinweis auf Parierbauten im Rahmen der hier
gezogenen Vergleiche wird nun klar. Es galt,
schon das Frühwerk Ulrichs zu Bauten der Par-
ier in möglichst klare Beziehung zu setzen; es
galt zu zeigen, wieviel Pariergut in diesem Früh-
werk eines Meisters weiterlebt, der wie kein an-
derer berufen war, in oft recht gewaltsamer Aus-
einandersetzung mit den Werken dieser älteren
Meister familie die Geschichte der deutschen
Baukunst um einen neuen, großen Gedanken zu
bereichern.

Die aufgedeckten Hütten-Beziehungen zwischen
den Ensingen und den Parlern erklären in un-
serem Falle nicht nur Einzelheiten am West-
portal, sondern auch das Auftreten des „Ottokar-
Typus" bei den zwei gekrönten Propheten über
dem Südwestportal, die zwischen 1410 und 20
entstanden sind1). — Daß die in den Rahmen
dieser Betrachtungen einbezogene Pfarrkirche
von Owen auch in den Parierkreis gehört, läßt
sich gleichfalls durch Steinmetzzeichen belegen.
Mehr interessiert hier der Zusammenhang zwi-
schen dem Westbau von Eßlingen und dem un-
mittelbar sich anschließenden, ja teilweise
gleichlaufenden Turm- und Langhausbau in
Ulm: Der Befund an Steinmetzzeichen ergibt
hier Folgendes: Der Steinmetz ^ bzw. der
zu den wichtigsten Kräften der Ulmer Parier
gehörte, hat auch nach 1392, unter Ulrich also,
an der Vorhalle des Westturmes und an nörd-
lichen Langhauspfeilern in Ulm gearbeitet; bald
nachher tritt er auch an Ulrich-Teilen in Eß-
lingen auf. Unter Ulrich arbeiteten in Ulm und
Eßlingen auch die Steinmetzen und

Die zwei selbständigsten Leistungen Ulrichs an
der Eßlinger Frauenkirche, daß Südwestportal
und die Anlage des Westturmes müssen nun noch
eingehender betrachtet werden.

Daß das Südwestportal (Tafel 40 b) die Spreng-
wirkung des Mandorlabogens brauchte, um, im
Verein mit recht kräftig behandelten Stirn-
flächen der rahmenden Strebepfeiler die Un-
gleichheiten des Grundrisses zugunsten einheit-
licherer Wirkung der Schauseite zu verdecken,
wurde schon gesagt. Ebenso, daß seine Bild-

*) Über ihre Einordnung in die Bauplastik der Parier
s. O. Kletzl, Zur Parier Plastik. N. F. 2. Bd. d. Wallraf-
Richartz. Jahrbuches Köln, 1933. — P. Hartmann, a. a. 0.
S. 121, schreibt dem Meister der Ulmer Stiftungstafel
auch die Gekrönten Propheten Eßlingens zu. Mit den
bei Kletzl dargestellten Zusammenhängen läßt sich das
zwanglos vereinigen.

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