Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 189
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hauereien Spätlinge eines Stiles sind, der in
Parierhütten schon bald nach der Mitte des
14. Jahrhunderts ausgebildet worden war. Im
Gegensatz zu vielen Mitgliedern der Parler-
Familie scheint Ulrich selbst nicht bildhauerisch
tätig gewesen zu sein. Seine Begabung als Bau-
meister tut sich ja auch oft so sehr als eine in-
genieurmäßige kund, daß man versucht wird zu
sagen, er habe konstruktive Schwierigkeiten ge-
radezu gesucht, um in deren kühnem Bezwingen
sein ganzes Können entfalten zu können. Die
persönliche Uninteressiertheit Ulrichs an der
Bildhauerkunst erklärt auch das Beibehalten
von Plastikern der Parierhütte von Ulm für die
Ausschmückung des neuen Westportals an die-
sem Münster, erklärt die Weiterbeschäftigung
des originellen „Reißnadel-Meisters" in dieser
Hütte auch nach 1392.

Anders aber steht es mit der Architektur des
Südwestportals. Da hat Ulrich eine sehr reife
Lösung geschaffen, für die nur mittelbare
Vorbilder im Elsaß sich finden. Die aus
Korb- und Mandorlabogen gebildete Durchdrin-
gungsform des Tympanons bot auch für die
Aufteilung der zwei überlieferten Hauptszenen
des hier untergebrachten Weltgerichtes neue
Möglichkeiten. Mit besonderem Feingefühl ist
allein der Hauptgrundstab der Leibung des auf-
gesetzten Mandorla-Bogens mit dem als Basis
dienenden Korbbogen verzahnt. Das Gittermotiv
der Kreisbogen-Dreipässe ist weise auf die Tym-
panon-Zone beschränkt. Wie der im Victoria-
and-Albert-Museuin Londons unter Nr. 3547 auf-
bewahrte Riß lehrt, waren Gitter aus Kreis-
bogen-Dreipässen ursprünglich auch am Portal
der Westvorhalle des Münsters von Ulm geplant.
Die Konsequenz der Übereckstellungen bei den
zwei Figuren-Tabernakeln beiderseits des Wim-
pergs begegnet nicht nur an dieser Westvorhalle,
sondern auch an den Tabernakeln der Strebe-
pfeiler des Chorhauptes in Ulm, die sämtlich
noch vor 1391, also unter den Parlern vollendet
worden sind. Von den Parlern übernahm Ulrich
auch das Motiv der Krabben, welche die rah-
menden Fialen regelrecht durchdringen. Peter
Parier hat solche Krabben zuerst am Chorhaupt
des Obergadens vom Prager Dom gebracht, von
da übernahmen sie die Ulmer Parier für ihren
Chorbau. Ulrich endlich hat dieses Motiv dann
nicht nur in Ulm selbst, an den Verblendungen
der Turmpfeiler vor allem angewendet, die
beiderseits der Westvorhalle stehen. Am Süd-

westportal in Eßlingen erscheinen diese Krabben
nicht nur am Hauptwimperg, sondern auch an
den Figurentabernakeln und am Hauplrück-
sprung der rahmenden Strebepfeiler. Hier und
in Ulm brachte Ulrich dieses Motiv nur noch in-
sofern in gesteigerterer Form, als er selbst die
Dreiecksgiebel der kleinen Wimperge zu kon-
kav-geschmeidiger Schwingung einzog. Es ist
schon gesagt worden, daß Ulrich diese Konkav-
Kurven zu besonderer Wirkung entwickelt hat1).
Sowohl der schon genannte Londoner Riß, als
auch der große Aufriß des Ulmer Westturmes in
der Stadtbiliothek Ulm, die beide entweder von
Ulrich selbst stammen oder die Grundgedanken
seines Entwurfes unmittelbar weiterführen2),
bringen diese Konkav-Wimperge noch nicht. Das
Motiv hat sich demnach bei Ulrich erst durch-
gesetzt, als die Bauten in Ulm und Eßlingen
schon so weit fortgeschritten waren, daß der
Meister die Maßbretter für diese Details vor-
bereiten mußte.

Der so sichtbar werdende enge Zusammenhang
zwischen dem Eßlinger Südwestportale und den
Ulrich-Teilen des Münsters von Ulm läßt sich
zeitlich nicht etwa in einfaches Nacheinander:
Eßlingen—Ulm auflösen. Dem widerspricht
schon der aufgezeigte Weg eines Parler-Motives
von Prag über Ulm nach Eßlingen. In der Tat
kann der größere Teil des Westbaues in Eß-
lingen, soweit er überhaupt unter Ulrich oder
seinem Stellvertreter verwirklicht wurde, nur
gleichzeitig mit Ulrich-Teilen von Ulm entstan-
den sein. Damit ist auch eine einleuchtendere
Erklärung des im vorausgegangenen Abschnitt
behandelten Wechsels der Steinmetzen zwischen
Ulm und Eßlingen in dieser Zeit gewonnen. Daß
der Ulmer Vertrag von 1392 nur scheinbar den
Meister zu ausschließlicher Tätigkeit in Ulm
verpflichtete, konnte schon im ersten Kapitel
dieser Betrachtungen dargelegt werden. 1393
diente dem Meister Ulrich in Mailand ein Hen-
rico Esselin de Ulme als Dolmetsch an der Dom-
bauhütte; ein Eßlinger Steinmetz also, der sich
gleich Ulrich in Ulm niedergelassen hatte. Mei-

1) Darüber weiteres in einem Aufsatz des Verf. über
„Ulrich von Ensingen als Turmbaumeister", der im Bd.
1934 des Jahrbuchs f. Elsaß-Lothringen erscheinen wird'.

2) Das Verhältnis der Ulmer Turmrisse zueinander ist
gut untersucht worden von H. Klaiber in: Der Ulmer
Münsterbaumeister Matthäus Böblinger. Ztschr. f. Gesch.
d. Archit. Beiheft 4, Heidelberg 1911, S. 26 lf. Über das
ganze alte Planmaterial zum Ulmer Hauptturm ist bald
eine Arbeit des Ulmer Münsterbaumeisters Dr.-Ing. K.
Friederich zu erwarten.

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