Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 191
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die Stadtmauer halt. Es war eine Zwangslage.
Daß sich Ulrich nicht nur aus diesen äußeren
Gründen entschloß, der letzten Jochdreiheit im
Westen eine doppelte Aufgabe zuzuteilen, konnte
schon erklärt werden. Auch der triangulierte
Grundriß zeigt deutlich, daß die Einheit des
sechsjochigen Langhauses bei solcher Anlage
auch geometrisch gefordert und begründet ist.
In Eßlingen kann also noch nicht die Aussicht
auf neue Möglichkeiten für die Ausbildung der
Westfassade bei der Wahl einer solchen Turm-
lösung eine Rolle gespielt haben. Die Westfassade
kam hier hart an die Stadtmauer zu stehen und
konnte daher auch bis zum Ansatz der Frei-
geschosse des Turmes ganz einfach gebracht
werden1). Aber auch in Ulm hat sich gezeigt,
daß Ulrich mit den neuen Möglichkeiten für die
Fassade nicht viel hat anfangen können; sein
künstlerisches Interesse blieb selbst hier deut-
lich auf den Turm konzentriert. Was für Mög-
lichkeiten sich hier bei einem ins Riesenhafte
erstreckten Turm ergaben, hat der geniale
Schöpfer des Einturmplanes im Domschatz von
Regensburg bewiesen (wahrscheinlich schon um
1409 unter Ulmer Einfluß entstanden).

Aber auch bei der Auflösung der Turmwände im
Erdgeschoß gegen das Innere konnte sich Ulrich
von Ensingen schon auf Vorbilder stützen. Sie
finden sich wiederum im Elsaß. Knauth hat
nachgewiesen, daß schon der unmittelbare Nach-
folger Erwins im Meisteramt am Münster von
Straßburg, also höchstwahrscheinlich einer sei-
ner Söhne, die ursprünglich von den Seiten-
schiffen getrennten Turmjoche mit diesen ver-
einigte, auch den Gedanken eines Binnenportals
am Mittelschiffe aufgab2). Mit dieser räumlichen
Vereinigung der Erdgeschosse dieser Westtürme
mit den korrespondierenden Seitenschiffen muß
auch jene, erst während des Baues durchgeführte
Erhöhung der Turm-Erdgeschosse zusammen-
hängen, die dann beim Fortbau der Westfassade
des Münsters so weitestgehende Folgerungen
nach sich zog. So ergab sich schon für die Früh-
zeit des 14. Jahrhunderts am Hauptbau des El-
saß die Lösung eines recht ähnlichen Problems,
wie für Ulrich in Eßlingen. Noch ähnlicher liegt
der Fall bei der Stiftskirche Niederhaslach im

1) Das Niederlegen der Stadtmauer in der Umgebung
der Frauenkirche im 19. Jahrh. hat daher ihrer Wirkung
besonderen Abbruch getan.

2) J. Knauth, Erwin von Steinbach. Straßburger Münster-

blatt, 6. Jg. 1912, S. 44 u. Abb. 33—34.

Unter-Elsaß; ein Bau, welcher in der Frühzeit
des 14. Jahrhunderts bekanntlich von einem
Sohne Erwins geleitet worden ist. Hier geht im
Westen nur ein Turm hoch; ein Turm aber von
so mauerhaft geschlossener Wucht, daß hier die
Nachwirkung der Westwerk-Tradition in elsässi-
scher Spätromantik deutlich zu spüren ist1).
Einen wesentlichen Unterschied schon zu deren
System zeigt aber die Art, wie in Niederhaslach
die räumliche Einheit des Ganzen schon vom
Westportale an hergestellt wird; selbst die Masse
eines solchen Turmes wagte man gegen das In-
nere dreiseits frei aufzustellen. Es liegt nahe,
einen Zusammenhang mit den, unter dem älte-
sten Sohne Erwins in Straßburg eingeleiteten
Umbauten am Münster anzunehmen (mit dem
der in Niederhaslach tätige Meister aber höchst-
wahrscheinlich nicht identisch ist). Auch das
„Westwerk" von Niederhaslach gehört in- die
Frühzeit des 14. Jahrhunderts und Ulrich könnte
es gut in jenen Jahren zwischen 1382 und 89
kennengelernt haben, die ihm auch die Bekannt-
schaft mit St. Thomas in Straßburg vermittelt
haben dürften.

An bemerkenswerten Versuchen, einen einzelnen
Westturm mit dem Langhause zu verschmelzen,
fehlt es also nicht; bei Kleinbauten der Zeit be-
gegnen noch viel kühnere Lösungen2). Schwaben
hat die Konstruktionen von Straßburg und
Niederhaslach in Rottweil und Reutlingen auf-
genommen und originell weitergeführt. Schon
Dehio wies darauf hin, daß das Motiv der an
den Turmecken hochgehenden Treppenspindeln
des Kapellenturmes von Rottweil aus Nieder-
haslach stammt3). Dazu kommt aber noch Wei-
teres: Das Radfenster Niederhaslachs ist in Rott-
weil nach innen versetzt, das sehr fortgeschrit-
tene Maßwerk aus sphärischen Dreiecken des-
selben jedoch für das Schleierwerk eines vor-
gesetzten Wimperges ausgenützt. Solche Anord-
nung geht zweifellos auf die 1343 vollendete

1) Auch das romanische Westwerk des Straßburger Mun-
sters ist wahrscheinlich durch eine turmhafte Betonung
des Mittelschiffes ausgezeichnet gewesen. Grundriß und
Westansicht von Niederhaslach bei Fr. X. Kraus, Kunst
u- Altertum in Elsaß-Lotliringen, I. Bd. Straßburg 1876,
S. 195. Vgl. auch Marburger Aufnahme Nr. 26, 715.

2) Die in die Baumasse des Langhauses ragende Hälfte
des westlichen Acbteckturmes der Nikolaikapelle von
Obermarsberg in Westfalen z. B., die gegen 1290 voll-
endet wurde, ruht unmittelbar auf den Gewölbekappen
des westlichsten Mittelschiffjoches.

s) Handbuch d. deutschen Kunstdeukmäler, 4. Bd.. 2. A.
Berlin 1926, S. 440.

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