Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 195
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deutung dessen, was Klopfer als die „hellenisti-
sche" Frühstufe des Klassizismus bezeichnet.
Bewunderungswürdig die Feinheit der Zeich-
nung antiker wie Renaissance-Bau-Ornanientik
(Kapitale, Gesimse, Konsolen, Friese u.a.m.).
Solehe Blätter stehen an Genauigkeit der Wieder-
gabe in nichts der modernen Foto-Reproduktion
nach. Sie haben vor ihr voraus nicht allein die
persönliche Note der Originalzeichnung, sondern
sie geben auch an Material-Herausarbeitung und
Stofflichkeit das Letzte her. —

Außer diesen Ornament-Zeichnungen nehmen
Kamin-Entwürfe einen großen Raum ein. Hier
handelt es sich off entsichtlich um Vorstudien zu
den Kaminen des Wörlitzer Schlosses und ande-
rer Erdmannsdorff-Bauten. Erdmanndorffs Farb-
empfinden steht noch gar nicht unter dem läh-
menden Grau späterer klassizistischer Stufen.
Vielmehr hat für ihn die Farbe noch eigene
Werte, und es ist gerade die Betonung des Farb-
wertes mit der gleichzeitig ungemein dezenten
Tönung, die hier den größten Reiz ausübt.
Die meisterliche Verbindung von Form und
Farbe zu raumgestaltenden Weiten erweisen in
besonderem Maße die Raum-Entwürfe und Ent-
würfe zu Wanddekorationen. In erster Linie er-
kennt man in diesen Blättern Studien zu Räu-
men im W örlitzer oder Dessauer Schloß oder
dem Schlößchen Luisium bei Dessau. Erdmanns-
dorf ist in diesen Arbeiten abhängig von
pompejanischen Wanddekorationen und hat
doch nicht nur kopiert. Vielmehr in äußerst
reizvoller Synthese mit jenem alten Formgut
eine zeit- wie persönlich eigene Note heraus-
gearbeitet. — Im übrigen wird hinsichtlich der
architektonischen Zeichnungen eine genaue
Durcharbeitung der fast 600 Blätter erforderlich
sein, um überall den eigenen Entwurf Erd-
mannsdorffs von der Zeichnung nach fremdem
Original abzuheben.

Riesenfeld konnte 1913 das jetzt ausgestellte
Material wohl katalogisieren, bzw. numeriert an-
führen. Aber erst durch diese Ausstellung und
die nunmehr völlige Freiheit der Betrachtungs-
möglichkeit ist der fachwissenschaftlichen For-
schung Gelegenheit zu eingehenden Unter-
suchungen gegeben. Darin dürfte der Hauptwert
der Ausstellung wie der Übernahme in staat-
lichen Besitz liegen. Dabei wird im einzelnen
festzustellen sein, ob tatsächlich sämtliche Ent-
würfe von Erdmannsdorffs Hand sind. Bereits
Riesenfeld hatte bezüglich der Kamin-Entwürfe
diese Frage angedeutet. Noch stärker ist sie zu
stellen in Rücksicht auf einen neugotischen Ent-
wurf des Altares der Kirche zu Riesigk bei Wör-
litz. Die Identifizierung gerade dieses Blattes hat
durchaus nicht etwa nur lokales Interesse. Bei

der Abneigung Erdmannsdorffs gegen die von
seinem fürstlichen Mäzen, dem Herzog Franz zu
Anhalt-Dessau, lebhaft geförderte Neugotik wäre
dieser Entwurf — falls er von Erdmannsdorf
stammen sollte — eine große Einmaligkeit und
einziges Abweichen von der sonst durch das
ganze Lebenswerk unbedingt festgehaltenen
klassizistischen Linie. Das Riesenfeldsche Ver-
zeichnis der Originalzeichnungen Erdmanns-
doffs nennt übrigens dieses Blatt nicht.

Wilhelm van Kempen-Dessau

NEUE SCHRIFTEN ZUR MITTELALTER-
LICHEN BAUKUNST AM RHEIN 1932/33.
Lin vorerst von Zusammenfassungen allgemeiner
Art zu sprechen, sei der Anfang gemacht mit
dem Hinweis auf eine Arbeit, deren Hauptge-
wicht auf der römisch-fränkischen Zeit am Rhein
liegt. Als das Ergebnis einer lang vorbereiteten
Forschertätigkeit und des genauesten Gelehrten-
lleißes erscheint der erste von Josef Steinhau-
sen herausgegebene Band einer Archäologischen
Karte der Rheinprovinz. Es lag nahe, dieses
Werk mit dem Trierer Land beginnen zu lassen,
von dem der erste Teil, die „Ortskunde Trier-
Mettendorf", fertiggestellt wurde, ein Textband
von 381 Seiten und mit 32 Tafeln sowie eine
Mappe mit sechs Kartenblättern 1 : 100 000,
deren letzte der fränkischen Zeit gewidmet ist.
Für die Baugeschichte belangvoll sind die mit-
geteilten römischen Siedlungen, besonders die
Straßenfeste Bitburg, auch die größeren Herren-
häuser, Landvillen und Gutshöfe der Antike, die
Anlagen von Gräberfeldern und Burgen, die oft
von vorgeschichtlicher Zeit bis in die des Mittel-
alters hinüber wachsen. Trier selbst wird nur in
seinen Außenbezirken behandelt, aber gerade
diese Abschnitte über die Vorgeschichte, ge-
wissermaßen die Uraniagen der berühmten Klö-
ster St. Marien, St. Maximin, St. Paulin, über
Petrisberg und Markusberg, sind von höchstem
Wert, nicht zuletzt auch die Bemerkungen über
den (leider nicht durch einen Plan veranschau-
lichten) in letzter Zeit viel besprochenen Tem-
pelbezirk am Irrbach, Hauptort germanischer
Götterverehrung im Trevererland. Der Mut der
Herausgeber, ein dergleichen mit peinlichster
Gründlichkeit geschriebenes Unternehmen be-
gonnen zu haben, bleibt um so bewundernswer-
ter, als nicht abzusehen ist, wie in den nächsten
hundert Jahren der Plan, die ganze Rheinpro-
vinz in dieser Art zu erfassen, durchzuführen
sein wird.

Aber der Deutsche leistet viel. 1890 begann Paul
Clemen mit dem nördlichsten Kreis Cleve Die
Kunstdenkmäler der Rheinprovinz herauszu-
geben, und der inzwischen zu stattlicher Reihe

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