Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 197
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wissenschaftliche Ausbeute befriedigender aus-
fallen kann, zeigt die Arbeit von Ernst Lang:
Ottonische und frühromanische Kirchen in Köln,
eine Hallenser Dissertation. In baugeschichtlich
einwandfreien Untersuchungen wird das Ent-
scheidende des Stilwandels an gewissen Ge-
bäudeformen der Kölnischen Kirchen des 9. und
10. Jahrhunderts nachgewiesen. Zunächst am
Westwerk als einer Endstufe der karolingischen
Kunst: bei S. Pantaleon besonders im Vergleich
mit dem konsequent durchgeführten Westwerk
von Corvey und bei SS. Aposteln, dessen romani-
scher Turm als ottonisches Westwerk wahr-
scheinlich gemacht wird. Sodann wird zum
erstenmal auf die Erscheinungsform des langge-
streckten rheinischen Stiftschores aufmerksam
gemacht: ein solcher wird bei S. Severin als Vor-
bild rekonstruiert, wie er sich bei S. Gereon und
in Bonn erhalten hat und wie er vielleicht bei
S. Cunibert und bei S. Andreas vorhanden war.
Schließlich, und darin gipfelt die Leistung des
jungen Gelehrten, wird das Werden der Krypta
aus der karolingischen Confessio verdeutlicht.
Zumal hier werden treffliche, bei aller Knapp-
heit erschöpfende Definitionen des ottonischen
Raumgefühls gegeben, sachliche Feststellungen,
die vom künstlerischen Erlebnis getragen zu
sein scheinen. Gute Abbildungen und eine über-
sichtliche Zeittafel sind beigegeben.

Wichtige Funde sind während der letzten Jahre
in der Nachbarstadt Bonn gemacht. Seit 1928
wurden unter und neben dem Chor der Münster-
kirche Grabungen veranstaltet, durch die Licht
in die Gründungsgeschichte gekommen ist. Hans
Lehner gibt über diese Bau geschichtlichen Unter-
suchungen am Bonner Münster gemeinsam mit
Walter Bader im letzten (136.—137.) Heft der
Bonner Jahrbücher ausführlichst Rechenschaft
und einen zusammenfassenden Bericht in den
Neuen Jahrbüchern für Wissenschaft und Ju-
gendbildung (VIII.Band, bei Teubner, Leipzig).
Gefunden wurde ein römisch-keltisch-germani-
scher Tempelbezirk, der vom vierten Jahrhun-
dert bis in die fränkisch-karolingische Zeit als
Begräbnisplatz gebraucht wurde. Auf diesem be-
stand in der frühesten Zeit bereits eine christ-
liche Kirche. Als sicher festgestellte Totenkult-
kapelle ist sie neben St. Alban in Mainz das
älteste kirchliche Baudenkmal in den Rheinlan-
den und in ihrer rechteckigen Kastenform ver-
wandt mit gleichzeitig frühen Anlagen, etwa in
Nordafrika oder Kärnten. Den mittelalterlichen
Bau des elften Jahrhunderts bestimmten in sei-
ner Lage und Höhe die alten Märtyrergräber,
für die, ohne ihre ursprüngliche Stellung zu än-
dern, unter der Ostkrypta eine Gruft gewölbt
wurde.

Der Frühzeit deutscher Baukunst ist auch eine
Untersuchung von W. Meyer-Barkhausen gewid-
met, im letzten Heft des Jahrbuches der Preußi-
schen Kunstsammlungen LIV (1933). In seinem
Aufsatz über Die Kapitelle der Justinus-Kirche
in Höchst a. M. würdigt der Verfasser die Bau-
kunst des 9. Jahrhunderts überhaupt, die er als
Synthese faßt aus einer Rezeption der gleichzei-
tigen italienischen Kunst und den theoretischen
Bestrebungen, die wir als karolingische Renais-
sance bezeichnen. Überzeugend wird nachge-
wiesen, daß, wenn die Kapitelle der Justinus-
kirche karolingisch sind, auch der heute be-
stehende Bau aus derselben Zeit stammen muß.
Damit wird Stellung genommen gegen die Auf-
fassung, die W. Scriba in seinem Buch Der karo-
lingisch-romanische Bau der Justinuskirche in
Höchst am Main vertreten hat, dessen unwissen-
schaftliche Willkür in der Ausbreitung der Ver-
gleichsgegebenheiten zurückgewiesen werden:
Scriba erfasse nicht den Kapitellaufbau als Gan-
zes, sondern gehe von ornamentalen Einzelhei-
ten aus. Ebenfalls E. Stiehl hat in beiden letzten
Jahrgängen der Denkmalpflege wiederholt gegen
Scriba Stellung genommen; auch findet sich hier
ein Bericht über die Wiederherstellung von Wer-
ner Dobisch (vgl. ferner das Büchlein von
L. Hensler über die Justinuskirche in Höchst,
Frankfurt 1932). Das in seiner äußeren Auf-
machung anspruchsvolle Buch Scribas ist in der
Tat fatal. Man gewinnt nicht den Eindruck, daß
der Verfasser ein inneres Verhältnis zum Gegen-
stand seines Studiums gewonnen hat, da kein
Satz von einer wesentlichen Kunst-Einsicht
zeugt. Der sprachliche Ausdruck ist erstaunlich
ungepflegt, "Worte sind vielfach unerträglich ge-
fühllos abgekürzt. Nicht weniger als 448 flaue
Lichtdruckbilderchen sind auf Tafeln verteilt,
aber man sträubt sich dagegen, die kirchliche
Baukunst des Abendlandes wie eine Maikäfer-
sammlung behandelt zu sehen.

Mit einem Einzelbau der karolingischen Zeit be-
schäftigte sich auch der Kustos am Germanisch-
Römischen Zentralmuseum Friedrich Behn in
der Mainzer Zeitschrift (XXVII. Jahrgang 1932 ).
Neue Grabungen und Untersuchungen an der
Einhardsbasilika zu Steinbach im Odenwald
haben für diesen leider nur noch in dem dürf-
tigen Überbleibsel des Mittelschiffes vorhande-
nen Bau einige Ergänzungen der Kenntnis von
Krypta und Westwerk erbracht, vor allem eine
Feststellung der dem Bauplan zugrunde liegen-
den Maßeinheit nach karolingischen Fuß. Man
darf gespannt sein auf Belms große Veröffent-
lichung über Die karolingische Klosterkirche
von Lorsch an der Bergstraße, die soeben von
de Gruyter angezeigt wird.

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