Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 198
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Eine heute ebenfalls sehr entstellte Kirche, die
in karolingische Zeit zurückreicht, ist St. Magnus
in Worms, wie sich durch Ausgrabungen bei der
letzten Instandsetzung als protestantische Pfarr-
kirche gezeigt hat. Hermann Hüther hat die
Geschichte und Heinz Bieler die Baugeschichte
dieser kleinen Kirche gegeben, im letzten
Wormsgau-Heft (Nr. 10, Marz 1933), der Zeit-
schrift des Altertumsvereins zu Worms, die seit
1926 in weiten Abständen erscheint und vielfach
heimatkundliche Forschungen über Bauten des
Mittelalters bringt.

Über das stolzeste Bauwerk der rheinischen Ro-
manik, den Speierer Dom, ist jetzt wieder, auf
Grund der Fundamentgrabungen in den Jahren
1929 und 1931 zur Sicherung der gefährdeten
Ostteile, eine belangvolle Sonderuntersuchung
von dem Leiter der Bauarbeiten Dr. ing. Max
Schmitt erschienen: Die Sicherungen cles Speye-
rer Domes im IS. und 20. Jahrhundert, als Ver-
öffentlichung der Pfälzischen Gesellschaft zur
Förderung der Wissenschaften. Außer einigen
neuen Erkenntnissen über die mittelalterlichen
Bauvorgänge bringt Schmitt, da er auch die
Aktenbestände des 18. Jahrhunderts herange-
zogen, für die Denkmalpflege in alter Zeit höchst
bemerkenswerte Nachrichten bei, namentlich
das Gutachten des kurpfälzischen Baudirektors
Nicolas de Pigage von 1755 und das Wirken
Leonhard Stahls, des fürstbischöflichen Baumei-
sters aus Bruchsal. Zum Schluß wird ausgeführt,
da die unzulänglichen Kenntnisse der Statik
damals nur Stückwerk erbrachten, wie die heu-
tigen Sicherungen durchgeführt worden sind.
45 Abbildungen veranschaulichen die Darlegun-
gen. (Ein kürzerer Bericht über die Wiederher-
stellung im Septemberheft 1933 der Denkmal-
pflege.)

Mit der spätromanischen Baukunst am Rhein
hat sich der Jesuitenpater Paul Klein in zwei
Arbeiten beschäftigt. Die eine ist dessen Bonner
Dissertation: Die Andernacher Bauhütte, die an-
dere eine daraus erwachsene Studie: St. Peter
in Sinzig (beide 1932 bei Kurt Schröder ver-
legt und durch den Folkwang-Verlag zu be-
ziehen). Beiträge zu dem verlockenden Thema
der staufischen Baukunst am Mittelrhein ent-
binden nicht von streng methodischer Schulung.
Es ist aber bei der sehr einseitig historischen Ein-
stellung des Verfassers nicht ohne gelegentliche
Unklarheiten in den Begriffen abgegangen, so
die Verwechslung von Westturmpaar mit West-
werk oder die Anwendung des Begriffes Bau-
hütte, wo es sich um eine Baugruppe handelt.
Ein andermal wird eine Gewölbeform als der
gotischen Zeit zugehörig erklärt, anstatt sie als
beginnenden Ausdruck gotischen Raumgefühls

zu bewerten. Im übrigen sei verwiesen auf die
kritische Besprechung von Albert Verbeek in
der Kölnischen Volkszeitung (1933, Nr. 90), des-
sen Bonner Dissertation über den Gründungsbau
der Kirche St. Georg in Köln leider noch nicht
gedruckt vorliegt.

Zum Schluß seien einige Bücher erwähnt, denen
mehr die Bedeutung eines Führers für den Be-
sucher zukommt. So hat Kurt Wilhelm-Kästner
eine Auswahl von Bildern aus seinem Werk Das
Münster in Essen mit kurz beschreibenden Tex-
ten als erstes Bändchen der Sammlung Das Bild-
gut herausgegeben. Ebenso hat Hildebrand Gur-
litt aus seiner Arbeit über Die Baugeschichte
der Katharinenkirche in Oppenheim (Oberrhei-
nische Kunst, Heft 4, 1926) jetzt ein handliches
Büchlein mit 24 Tafeln Abbildungen geformt.
Für kunstwissenschaftliche Forschung an-
spruchsloser, wenn auch ausführlicher, ist das
Buch über Das Münster auf dem Maifeld, her-
ausgegeben vom Pfarramt im Münstermaifeld.
Endlich sei die Untersuchung über Die Stifts-
und Pfarrkirche St. Lambertus zu Düsseldorf
genannt, die Oskar Karpa in der Schriftenreihe
des Historischen Museums und des Archivs der
Stadt Düsseldorf hat zum Druck gelangen las-
sen, eine Untersuchung mit genauem Quellen-
studium, die teilweise neue Ergebnisse gegen-
über den früheren Ansichten über die Anlage
dieser niederrheinischen Hallenkirche ergeben
hat. P. 0. Rave

PINDER, WILHELM, UND HEYE, WALTER,
Der Naumburger Dom und seine Bildwerke,
4. Aufl. — Deutscher Kunstverlag, Berlin 1933,
9,75 RM.

In 9000 Exemplaren liegt nun dieses bekannte
prächtige Werk im Buchhandel vor, und man
wünscht sich, daß es noch mehr Verbreitung
fände. Es dürfte ebenso in jedes deutsche Haus
gehören wie der Faust?

Pinder hat in dieser 4. Auflage eine Umgestal-
tung des Textes vorgenommen. P. lehnt sich
besonders an H. Giesau an. und teilt nun die
Ansicht über die zeitliche Abfolge „Chorfiguren-
Lettner" mit diesem und Panofsky.

Gerade in einer heroischen Zeit wie der unsrigen
ist das Werk ein bedeutender Führer zu den
großen Namenlosen, die unerkannt geblieben,
dienend in ihrer Gemeinschaft Größtes voll-
bringen konnten; deren Werke uns noch heute
„in ihrer von höchster Ausdruckswucht gespann-
ten und geistigen Bewegtheit" mehr sein können
ja müssen, als die großen Werke klassischer
Kunst, die die „organisch determinierten Linien,
die Schönheit des Ausdrucks" enthalten, um mit
Worringer zu sprechen. G. M,

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