Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 202
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diesen mehrstöckigen Häusern oder Palästen
zeigen die Reliefs andere Bauten, die offenbar
eingeschossig sind, und sich über rechteckigem
oder rundem Grundriß aufbauen. Es handelt
sich hier um Wohn- und Kultbauten. Die
sakrale Bestimmung der letzteren ist durch
Altäre, betende Personen und anderes gekenn-
zeichnet. Dieses Nebeneinander von Rechteck-
und Rundbauten ist zunächst auffallend. Man
ist geneigt, darin Formen verschiedener Kultur-
kreise zu sehen, und in der Tat kann man in
einem Lande von der Flächenausdehnung und
den klimatischen Verschiedenheiten Indiens
nicht erwarten, daß überall die gleiche Bau-
kultur herrscht. Man muß sich aber darüber
klar sein, daß die Welt, die uns die Reliefs von
Santschi so lebendig vorführen, durchaus nicht
mehr in primitiven Verhältnissen lebt, daß
ältere Kulturen, deren Bauformen sich ver-
mischt haben, zusammengeflossen sind.
Das gleiche Nebeneinander von Rund- und
Rechteckgrundriß findet sich bei den buddhisti-
schen Höhlen, seien sie Kirchen, sogenannte
Tschaitjas oder kleinere kapellenartige An-
lagen, die auch als Mönchs- oder Einsiedler-
wohnungen erklärt werden. Dsohunnar und
Guntupalle haben kreisförmigen Grundriß, Son-
Bhandar einen rechteckigen, die zweiräumigen
Mönchszellen in Biliar, Lomas Rischi und Su-
dama setzen sich aus Rechteck- und Rundform
zusammen. Einen rechteckigen Grundriß mit
einseitiger apsidialer Endigung, der auf den
Reliefs einwandfrei nirgends festzustellen ist,
finden wir bei der Gruppe der anfangs ge-
nannten großen Höhlenkirchen von Bhadscha,
Bedsa, Kondane, Adschanta und Karli. Diese
Grundrißform findet sich auch bei den späte-
ren struktiven Tschaitjas und den ebenfalls erst
aus dem neunten Jahrhundert n. Chr. stammen-
den Monolithtempeln von Mahavellipur, die
ihrer späten Datierung wegen für diese Betrach-
tung ausscheiden.

Die Entstehung der ältesten Reliefs und Felsen-
kirchen wird in das dritte Jahrhundert v. Chr.
gesetzt, also in eine Zeit, in der die alte arische
Einwandererwelle, die der alten indischen Kul-
tur ihren Stempel aufgedrückt hatte, längst
nicht mehr als rassisch geschlossene Einheit
neben der verschiedenstämmigen Urbevölke-
rung stand. Die Träger der buddhistischen
Kultur sind der Rasse nach keine Arier, sondern
die der Masse nach stets überwiegenden Völker,

die vor diesen in Indien lebten, im Süden die
in verschiedene Stämme getrennten Drawida,
die es vor ihrer Berührung mit den Ariern zu
einer verhältnismäßig hohen Kultur gebracht
haben müssen und auch Handelsbeziehungen
nach Hinterindien und dem Archipel und durch
den Persischen Golf nach Babylonien unter-
hielten. Der Buddhismus übernahm die vor-
handenen Profanbauformen und sanktionierte
die einzelnen Typen. Die Rundhütte wurde zum
Symbol der Behausung des Asketen, die
mehrstöckigen Reohteckb auten erreichten ihre
höchste ideelle Steigerung in der „Götterstadt",
die durch die Häufung von vertikalen und
horizontalen Reihen von Giebeln gekennzeich-
net wurde.

Die Bauform, die in der Höhlenkirche ihren
monumentalen Ausdruck fand, geht auf die
schon erwähnten Typen der Reliefs zurück, auf
das Rundhaus und Rechteckhaus mit dem ge-
kurvten Dach. Die Rundform des Grundrisses
wird allgemein gegenüber einer polygonalen
Gestaltung als die primäre erscheinen. Dazu
führt die geometrische Einfachheit der Linie,
die den Eindruck der in sich abgeschlossenen
Einheit erweckt. Es darf aber nicht übersehen
werden, daß die Absichten einer formalen Ge-
staltung in bautechnischer Hinsicht entschei-
dend vom vorgefundenen Material beeinflußt
werden. Daher ist mit der Möglichkeit zu
rechnen, daß die Umsetzung eines an sich
formal einfach erscheinenden Baugedankens in
die Wirklichkeit durch ungeeignetes Material
praktisch unausführbar oder wenigstens sehr
kompliziert wird. Konstruktiv einfach ist der
Rundbau nur in seiner primitivsten Ausführung.
Sobald es sich, wie bei den altindischen Rund-
bauten, um entwickeltere Formen handelt, bei
denen das urwüchsige Baumaterial durch Holz
in zimmermannsmäßiger Behandlung ersetzt
wird, ist dies nicht mehr der Fall, die praktische
Ausführung wird dann kompliziert und schwie-
rig. Immerhin überwiegt das Haus bezw. die
Hütte mit dem kreisrunden Grundriß bei primi-
tiven Bauten als Anfangsform so beträchtlich,
daß es hier ebenfalls an erste Stelle gerückt
werden soll1).

Stellt man der Bilderreihe der Rundbauten, die
auf den Reliefs des Gandharagebietes und auf

1) Vgl. 1. H. Frobenius, Zeitschrift f. Bauwesen 1899 u.
2. Oelmann, Haus und Hof im Altertum, S. 20, die dort
diese Fragen behandeln.

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