Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 208
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sind und die den Aufbau des Hauses vom Ost-
tor (Taf. 43 a) verständlich macht. Das hier
wulstartig über dem Pfosten unter dem Gelän-
der herumlaufende Architekturglied soll ein
Vordach darstellen. Die seitlichen in schräger
Ansicht sichtbaren Giebel stehen in Wirklich-
keit senkrecht zur Längsflucht und sollten bei
einwandfreier perspektivischer Zeichnung nicht
erkennbar sein.

Der Giebel in Santschi unterscheidet sich von
dem in Baharat dadurch wesentlich, daß ein
horizontaler Bauteil hinzugefügt wird, ein Holz,
das ungefähr in Kämpferhöhe des Bogens quer
durch die Giebelöffnung gehend, die beiden
Eckpfosten und zwei herausstehende Balken-
köpfe als Zugband verbindet (Taf. 43 b) und
gleichzeitig den Giebel in Tür und darüber lie-
gendes Fenster teilt. Auch ist als weitere Eigen-
art erwähnenswert, daß vor der Giebelwand ein
Bogen auftritt, der mit dem Zugband und mit
den Sparrenköpfen verbunden zu sein scheint
(Taf. 43 a). Das Gitterwerk der Giebelöffnung
weicht häufig von der bisher bekannten Form
ab. Die Zwischenbögen werden freier behandelt
und erhalten schließlich die Form eines Fen-
stergitters mit senkrecht und waagerecht gekreuz-
ten Stäben. In konstruktiver Beziehung kann
das dahin gedeutet werden, daß die Notwendig-
keit des Gitterträgers aufhört, sobald das Zug-
band erscheint.

Das einzige dreistöckige Gebäude der Barahat-
reliefs ist der sog. Götterpalast vom Prasenad-
schitpfeiler (Taf. 43 d). Es ist der höhenmäßig
weiter entwickelte Typ des Hauses mit zwei Gie-
beln mit all seinen bekannten Einzelheiten.
Neu und einzigartig für Barahat ist das in die
Gliederung eingefügte Vordach, das bei den
Rechteckhäusern der Barahatreliefs nur hier
auftritt, während die Giebeldetails die sonst üb-
lichen sind. Im Vergleich mit den anderen
Stockwerkbauten ist das Gebäude bemerkens-
wert schmal und hoch, ganz im Gegensatz zu
den übrigen, breiter gelagerten Bauten mit zwei
Giebeln.

Dagegen weisen die Reliefs von Santschi eine
große Zahl dreistöckiger Bauten auf, die in ver-
schiedenen Darstellungen die Lang- und Schmal-
seiten der Häuser sehen lassen. Es sind überwie-
gend Stadtbilder profanen Inhalts, und dement-
sprechend sind Änderungen an der Architek-
tur zugunsten der szenischen Darstellungen hier
weniger häufig als bei sakralen Vorwürfen. Be-

sonderes Interesse verdient das vierstöckige
Haus, das man auf dem Westtor in Santschi fin-
det (Taf. 43 g). Wegen seiner kultischen Bedeu-
tung ist die Pfostenstellung im untersten Ge-
schoß in der Mitte unterbrochen, um einen Altar
sichtbar werden zu lassen. Das nächshöhere Ge-
schoß springt zurück, einer Reihe von fünf
Giebelvorbauten Platz gebend, über denen das
dritte, ebenfalls zurückweichende Stockwerk mit
seiner Flucht den obersten seitlichen Giebelaus-
bauten des vierten Stockes folgt. Das ganze Bau-
werk ist ein Pfostenbau, dessen Hauptdach hin-
ter dem oben herauswachsenden heiligen Feigen-
baum unsichtbar bleibt. Es ist im Aufbau wie in
der bildhauerischen Darstellung eines der voll-
kommensten Bauwerke aller Reliefs.
Am Ausgang der Städte, in der Nachbarschaft
der Umgrenzungsmauern, stehen in der Regel
besonders als Torbauten charakterisierte Ge-
bäude (Taf. 42e). Im Aufbau ohne grundlegende
Abweichungen von den bisher beschriebenen,
mehrstöckigen Typen sind sie doch zu selbstän-
dig in der Ausdrucksform, um unter die vorge-
nannten eingereiht zu werden. In erster Linie
sind sie durch einen Sockelunterbau aus Stein
oder Lehmverputz in der Höhe des eigentlichen
Tores und durch die ausgesprochen senkrechte
Gliederung durch zwei Risalite, die bis zum ober-
sten Geschoß durchgeführt sind, gekennzeichnet,
was bisher nur bei dem sog. Götterpalast
(Taf. 43 d) festzustellen war, da bei den anderen
Bauten die horizontale Gliederung vorherrscht.
In den Einzelheiten bemerkt man den gleichen
Rhythmus in der Architektur wie bisher, und als
obersten Abschluß krönt auch die drei- und
vierstöckigen Torhäuser das gebogene Haupt-
dach mit Seitengiebeln.

Überblickt man die Reihe der Rechteckhäuser
auf den Reliefs, so wird man ziemlich klar die
Höhenentwicklung vom ebenerdigen zum viel-
stöckigen Haus verfolgen können. Die Mannig-
faltigkeit der Gliederung durch Seitengiebel,
Risalite und andere Architekturteile verbietet
die Einteilung in streng getrennte Typen. Im-
merhin wird bei aller Beweglichkeit der Zusam-
mensetzung der Charakter der Bauten durch den
ziemlich gleichmäßig abgewogenen Rhythmus
der senkrechten und waagrechten Linien der Pfo-
sten- und Geländeanordnung einheitlich erschei-
nen, ganz besonders aber durch das Dach, wel-
ches überall beim ebenerdigen wie beim Stock-
werkbau die gleiche Tonnenform zeigt und in

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