Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 210
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außer der Mitteltüre noch zwei kleinere verbin-
dende Öffnungen, während in Bedsa die tren-
nende Wand bis auf zwei schmale Reste ver-
schwunden ist. Fallen auch diese noch, so ha-
ben wir das vereinfachte Schema von Karli vor
uns (Abb. 6). Das Aufgeben der Zwischenwand
findet seine natürliche Erklärung in dem Ver-
Tangen, an der Kulthandlung des Pradakschinas
— des Rundganges — die sich im Rundräum
abspielte, eine zahlreicher gewordene Gemeinde
teilnehmen zu lassen. Auch für die zweiräumi-
gen Mönchshöhlen ist ein Urbild anzunehmen,
das ein Freibau war. Die einzige Reliefabbil-
dung, die hier mit einiger Berechtigung zum
Vergleich herangezogen werden könnte, ist
Taf. 43 c. Es wurde schon ausgesprochen, daß der
hier vorgelagerte Giebel wohl nicht das Portal
des Rundbaues, sondern die Schmalseite einer
vorgelagerten Rechteckhalle darstellen soll. Es
dürfte sich um eine offene Halle handeln, deren
Dach von Pfosten getragen wird, da die links-
seitig stehende Person zum Teil in der Wand
verschwindet.

Vergleicht man die großen buddhistischen
Höhlenkirchen mit den Haupttypen der Re-
liefs, so läßt sich zwar keine vollkommene Über-
einstimmung feststellen, aber es unterliegt keinem
Zweifel, daß sie auf die gleiche Grundform zu-
rückgehen. Der in Karli vertretene Typus muß
bereits als hölzerner Freibau in Grundriß und
Aufbau starke Wandlungen erfahren haben, be-
vor er in Fels verkörpert wurde, und seine Über-
tragung eines hölzernen Freibaues in den Fels
bedang selbstverständlich weitere Änderungen.
Die Ähnlichkeit von Dach und Giebel der
Höhlenkirchen und der auf den Reliefs abgebil-
deten Häuser ist augenfällig. Diese Dach- und
Giebelform ist für eine ganze Epoche der indi-
schen Architektur charakteristisch, und es liegt
nahe, sie als Ursprung, als Keimzelle aller alt-
indischer Bauform zu betrachten. Um diesen
Gedanken weiter verfolgen zu können, wird es
notwendig, auf den Ursprung von Dach und Gie-
bel, die beide eng miteinander verknüpft sind,
einzugehen und ihren konstruktiven Werdegang
zu verfolgen.

Die Giebelform der buddhistischen Höhlenkir-
chen zeigt eine Linienführung, die in mannig-
faltigen Abwandlungen in der indischen archi-
tektonischen Formensprache wiederholt wird.
Sie erscheint als Teil profaner und religiöser
Architektur überall an den Kultstätten des

buddhistischen Glaubens und wird in der Folge-
zeit mit diesem über Indiens Grenzen hinaus-
getragen (Indischer Archipel, Java, Siam, Ost-
asien). Als selbständiger Bauteil und endlich
rein ornamental in der langen Reihe der Bau-
denkmäler auftretend, wird die Grundform im
Laufe der Jahrhunderte vielfältig variiert. Ähn-
lich wie die antike Aedikula wird sie als
Schmuck und als Motiv des religiösen Symbo-
lismus verwendet. So erscheint sie in hundert-
facher Wiederholung an den Felswänden, um
schließlich zu einem Ornament zu werden, das
in seiner Linienführung nur noch geringe An-
klänge an die ursprüngliche Ausgangsform mit
ihrer konstruktiven Bedeutung hat1)2). Die
Übereinstimmung des Umrisses mit dem Blatte
des heiligen Feigenbaumes, der F icus religiosa, ließ
Havell und andere die Vermutung aussprechen,
daß die Giebellinie pietätvoll diesem Blatte
nachgebildet sei. Diese symbolische Deutung der
Giebellinie entspringt dem allgemein wahrzu-
nehmenden Bedürfnis, dem Ursprung von Kult-
formen und eine mystische Erklärung zu geben.
Bei dem Kudu — dem Sonnenfenster des Bud-
dhismus — ist die Entwicklung zum Ornament
und Symbol aus der ursprünglich profanen Bau-
form aber so augenfällig, daß über die Ent-
stehung kaum ein Zweifel herrschen kann3). Eine
Verbindung mit religiösen Ideen besteht wohl
zweifellos, jedoch ist sie sicher erst in einer Zeit
entstanden, als die Form bereits weiter entwickelt
und der bauliche Anfang inVergessenheit geraten
war, denn der Ursprung der Linie liegt fraglos
in der Giebelkonstruktion, deren Werdegang
man mit Hilfe der Höhlenkirchen, der Relief-
abbildungen und durch vergleichende Hinzu-
ziehung jetziger Primitivbauten bis zu ihren ur-
sprünglichen Anfängen zurückentwickeln kann.
Die Einzelheiten der großen Grottenkirchen
lassen erkennen, daß ihre Holzvorbilder in einer
auf hoher Stufe stehender Zimmermannstechnik
erstellt waren; daß es sich um Nachbildungen
vorhandener, nicht nur überlieferter Holzarchi-
tekturen handelt, macht die teilweise peinlich
nachgeahmte Holzform zur Gewißheit. Die

*) Siehe Reuther, Indische Paläste und Wohnhäuser, S. 7.

2) Jouveau Dubreuil hat die Entwicklungsreihe des Gie-
belornaments — des Kudu — für Südindien aufgestellt.
Es findet sich aber auch an den Shikharas nordindischer
Tempel zweifellos in der gleichen symbolischen Be-
deutung.

3) Vgl. Jouveau Dubreuil, Annales du musee Guimet,
Archaeologie du Sud de l'Inde, 1914, Bd. 1.

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