Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 212
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bei den Giebeln der Reliefs (Abb. 5). Die
Zahl der Bögen innerhalb des Gitters ist zwar
nicht immer die gleiche — teilweise liegen vier
übereinander — aber das Gesamtbild ist das-
selbe. Der Giebel bildet hier gleichzeitig das Por-
tal, die Tür, und die Bögen werden am Tor-
pfosten zusammengefaßt und zum Erdboden ge-
führt oder am Kämpfer mit einer Pfostenkon-
struktion verbunden1). Diese bestand, wie die
Abbildungen zeigen, aus einer Anzahl zu einem
Bündel zusammengefügter Stäbe, wie sie in ein-
fachster Form auf den Asketenhütten ebenso zu
sehen sind.

Sieht man sich die beschriebene Giebelkonstruk-
tion auf ihre technische Berechtigung hin an, ist
es augenfällig, daß sie der Art des Materials —
des Holzes — nicht entspricht. Sehr geschickt
sind alle gebogenen Teile aus einzelnen Holz-
stücken zusammengesetzt, aber hier, wie beim
Rundbau von Guntupalle, ist der Schluß berech-
tigt, daß diese Holzkonstruktion auf eine andere
Methode zurückgeht, die mit einem biegsamen
Material arbeitete. Das landesübliche, welches
diese Eigenschaften besitzt und überall verwen-
det wird, wo es zur Verfügung steht, ist Bambus.
Ein einziges Bambusrohr, das der Stärke der
Gitterrippen entspräche, in die Bogenform zu
bringen, ist technisch schwerlich möglich. Da-
gegen ist es heute noch bei primitiven Völkern
üblich, dünnes Rohr, Bambus, Schilf und der-
gleichen in Bündeln zusammenzubinden, um
daraus einen Träger von größeren Abmessun-
gen zu formen, der befähigt ist, beträchtliche
Lasten aufzunehmen2). Der Giebelbinder der
Baharatreliefs stellt eine solche Bündelkonstruk-
tion vor (vgl. Abb. 5), muß deshalb dem werk-
mäßig hergestellten der Höhlenkirchen voran-
gegangen sein. Die Bauweise des ganzen Hauses,
wie sie im Relief zum Ausdruck gebracht wird,
ist trotzdem nicht so primitiv, daß nicht noch
eine einfachere Vorstufe angenommen werden
müßte. Die Quellen, die Indien in archäologi-
schen und architektonischen Überresten uns
bietet, versagen aber, wenn man zu noch ur-
sprünglicheren Formen zurückgehen möchte. So
bleibt nur übrig, primitive Bauweisen der Jetzt-
zeit zum Vergleich heranzuziehen. Ich glaube,
mich dabei nicht auf das indische Festland be-

*) Vgl. auch Abb. 52 bei Grünwedel, Buddh. Kunst in
Indien, 2. Aufl., S. 108.

2) Vgl. Andrae, W., Das Gotteshaus und die Urformen
des Bauens im alten Orient, und E. Heinrich,-Schilf- und
Lehmbau, Berlin 1934.

schränken zu müssen, ziehe vielmehr wie beim
Rundbau auch die Bauweisen der Inselbevölke-
rung der Sundasee und der weiter östlich ge-
legenen Inselgruppen heran, denn der Inder, der
die Häuser bewohnte, die den Barahat- und
Santschireliefs als Vorbild dienten, dürfte sich
mit den technischen Erfordernissen des Bauens
in ähnlicher Weise auseinandergesetzt haben,
wie es heute die Naturvölker tun. Die Resultate
sind durchaus nicht so ärmlich, wie man erwar-
ten könnte, denn im Gegensatz zu der uns höchst
primitiv anmutenden Lebensweise der Bewoh-
ner finden wir den Hausbau oft auf einer be-
merkenswerten Höhe. Mit technisch einfachen
Mitteln werden Gebäude von beträchtlichen Ab-
messungen errichtet.

In Indien selbst sind es eigentlich nur die be-
kannten Hütten der Toda im Nilgirigebirge, die
als Vergleichsobjekte in Betracht kommen kön-
nen. Dafür ist die formale Verwandtschaft mit
den Grottenkirchen so schlagend, daß sie auf
den ersten Blick erkannt wurde und das Inter-
esse an ihnen weckte (Taf. 44f). Aus den ver-
schiedenen Beschreibungen der Hütte und des
Bauvorganges erscheint mir als wesentlich her-
vorzugehen, daß die Dachkonstruktion aus Bam-
busbögen und in der Achsenrichtung liegenden
Bambushalmen, die sich beide rechtwinklig
kreuzen, besteht und von den bogenförmigen
Teilen getragen wird, die im Giebelrand des
Daches eine bündeiförmige Verstärkung erfah-
ren. Die eigentliche Giebelwand ist so weit zu-
rückgesetzt, daß davor Platz für einen etwas er-
höhten Sitz geschaffen wird, möglicherweise
eine Erinnerung an die Vedika der alten Mana-
saravorschrift. Der Bauvorgang bietet keine Be-
sonderheiten gegenüber ähnlichen primitiven
Bauweisen. Die Bambusstengel werden in zwei
Reihen, deren Abstand der späteren Hütten-
breite entspricht, in die Erde gesteckt, nach der
Mitte zusammengebogen und mit den Enden an-
einandergebunden. Auf diese Art entstehen die
Bögen, auf die dann eine horizontale Reihe
Bambus aufgebunden wird. Auf dieses Gestell
wird das Deckungsmaterial, Gras, aufgebracht
und mit der Unterlage befestigt. So entsteht ein
Bauwerk, das in den Hauptlinien dem Giebel
und der Tonne der Höhlenkirchen ähnelt1).

*) Die Todahütten sind ungefähr 2,50 m breit, 4—5 m
lang, 3 m hoch; die Tür ist 0,80 m hoch, 0,45 m breit;
Fenster sind keine vorhanden. Bambusbündel als Ver-
stärkung der Konstruktion werden auch bei anderen

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