Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 216
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innere Beschaffenheit aber keinerlei Quellen
mehr sprechen können, irgendwo vorhanden war,
bei den danach gebildeten Grotten dagegen weg-
fiel, da er im Fels überflüssig wurde. Eine Bo-
denhütte hat ihreVerspannung im Erdreich; ein
Pfostenbau in der Art der eingeschossigen Häu-
ser aus Barahat war zwar der nach außen drän-
genden Schubwirkung ebenso ausgesetzt (Gun-
tupalle Abb. 83), aber die in den Boden ge-
rammten Pfähle der Wände konnten bei der ge-
ringen Bogenspannweite noch genügend Wider-
stand bieten. Die Häuser mit vollwandigem Gie-
bel der Reliefs von Barahat haben in Kämpfer-
höhe einen Absatz, der eine Querverbindung
vermuten läßt; die von Santschi zeigen, wie
schon erwähnt, ein Zugband im Giebel. Auch
bei analogen Bauten primitiver Völker wird man
irgendein Konstruktionsglied finden, das mit
mehr oder weniger Geschick zu dem Zweck an-
gebracht wird, eine Verspannung zu bewirken
(Abb. 93). Schon aus der Erfahrung wird sich
diese Notwendigkeit ergeben. Es ist unwahr-
scheinlich, daß man bei einem Holzbau — als
wahrscheinlichem Vorläufer der Grottenkirchen
— diesen Konstruktionsteil weggelassen hätte.
Ea spricht deshalb meiner Ansicht nach viel da-
für, daß diese Holzhallen zweistöckig waren,
und die Balken des Fußbodens des Oberge-
schosses als Verspannung der Bogenrippen des
Tonnendaches dienten.

Es darf bei alledem nicht übersehen werden,
daß die Grottenkirchen als Komposition zweier
Hausarten —• des Rechteck- und des Rundhauses
-—• gelten müssen. Das dem Langraum zugrunde-
liegende Rechteckhaus mußte notwendigerweise
zwei Giebel haben; die Reliefs von Santschi und
Baharat zeigen uns seine Außenseite. Die kon-
struktive Grundlage seines Daches wurde durch
eine Reihe hintereinander liegender Bögen ge-

bildet, deren Material ursprünglich aus einzel-
nen Bambushalmen, dann aus Bündeln, bestan-
den haben wird1), aus denen im Laufe der Zeit
Holzrippen in der Art von Karli sich herausbil-
deten. In den beiden Giebeln wären die Bögen
durch die geschilderten Bogengitter verspannt
zu denken, die sich bei größerer Länge des Hau-
ses im Innern noch einige Male als Binder wie-
derholt haben müßten. Das wäre dann die Stelle,
wo sinngemäß eine Spitze, ein Knauf aufgesetzt
wurde, deren praktischer1 Zweck in der Befesti-
gung des Deckmaterials bestand und im Giebel
selbst ohne weiteres verstanden wird. Beim Bam-
busbau unterstützten die Bündelbögen die
Hauptpfette, die wieder eine Reihe äußerer Bo-
gensparren trug, auf denen die Dachhaut lag.
Die Bogen reichten bis auf den Stockwerksfuß-
boden und wurden dort durch dessen Balken-
lage bzw. Fußbodenhölzer verspannt2). Die
Stützpfosten an den Giebelenden trugen die
Hauptpfette an ihren Endpunkten und versteif-
ten außerdem den Bau bis zu einem gewissen
Grade gegen seitliche Schubwirkungen. Die Bal-
kenlage des Fußbodens wurde durch zwei nach
innen geneigte Pfostenreihen getragen. Über die
Länge dieser Pfosten läßt sich nichts Bestimm-
tes sagen; falls sie aber bis zur Hauptpfette hin-
aufreichten, wie der Stützpfosten im Giebel,
wird diese Stelle einen weiteren Konstruktions-
knotenpunkt gebildet haben (Abb. 99b).
Ein solcher konstruktiver Aufbau entspricht den
zweistöckigen Pfahlbauten der Santschireliefs.
Dort war ein durchgehender Fußboden unzwei-
felhaft vorhanden. Es ist unter anderem an der
Stellung der Personen zu erkennen, die aus den
seitlichen Giebelfenstern herausblicken. Der
schematische Querschnitt der Pfahlhäuser von

1) Vgl. 1. Todahütten und 2. Araberhütten des Irak.

2) Vgl. die Nikobarenhäuser mit derselben Anordnung.

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