Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 217
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Santschi ergibt sich auf Grund ihrer Außenan-
sicht, etwa wie Abb. 99b zeigt.

Vergleicht man damit den entsprechenden Quer-
schnitt der Grottentempel (Abb. 99a), so sieht
man, daß beide in den wesentlichen Teilen über-
einstimmen, nur fehlt in der Steingrotte der
Fußboden. Eine Schubwirkung kann in der Fels-
masse nicht zur Geltung kommen, aber bei dem
freistehenden, nach der Höhe stark entwickel-
ten Holzbau war unbedingt eine Querverbin-
dung nötig. Fehlte sie, so mußte durch die Be-
anspruchung des Baues durch Dachlast und
Wind mit der Zeit eine Verschiebung der gan-
zen Querschnittform eintreten, welcher der Bau
auf die Dauer nicht standhalten konnte. So
kommt man zu dem Ergebnis, daß die Holzhal-
len, aus denen die Grottenkirchen entstanden,
Pfahlbauten gewesen sein müssen1) 2) 3).

Der Verzicht auf den Fußboden in den Fel-
sengrotten kann verschiedene Gründe gehabt
haben. Vielleicht entsprang er dem statischen
Empfinden, daß er im Fels überflüssig war4).
Trat nun der Umstand hinzu, daß der Zwischen-
boden der Felsenhallen bei der buddhistischen
Kulthandlung störend wirkte, und man einen
der Höhe nach ungeteilten Raum vorzog, so lag
kein Grund vor, ihn beizubehalten. Auch kann
die Höhenentwicklung des in der Apsis aufge-
stellten Stupa mit ausschlaggebend gewesen sein.
Anfänglich nur bis an die Endigung der Bogen-
rippen reichend, berührte er in den jüngeren
Grotten mit seiner Spitze nahezu den Scheitel
der Tonne. Auch die auf den Stupa konzen-
trierte Beleuchtung durch das Gitterfenster des
Bogens, die ihn als Hauptpunkt der Kulthand-
lung hervortreten und die Halle im Halbdunkel

1) Vgl. Reuther, Indißche Paläste und Wohnhäuser,
S. 8/9.

2) Die nach innen geneigte Stellung der Pfeiler an den
Grottenkirchen ist dadurch erklärt, denn sie entspricht
der ursprünglichen Pfostenstellung des Pfahlbaues.

s) Vgl. damit Angkor Vät, Abb. 100, in dessen Korridor
nach Fergusson H. I. E. A., Bd. II, S. 385, Abb. 461, von
Thomsen die Uberreste einer Holzdecke gefunden wur-
den. Das Querschnittprofil erinnert an das der Höhlen-
kirchen. Auch hier dürfte die Holzdecke ursprünglich
zur Verspannung gedient haben.

4) Vgl. Reuther, Indische Paläste und Wohnhäuser, S. 3:
Über die Stützenspannweite bei den Felsviharas.

liegen ließ, mag der Priesterkaste zur Erzeugung
einer mystischen Stimmung willkommen ge-
wesen sein.

Die Veranda, welche den Eingangsraum über-
dacht, kann als Überbleibsel des Zwischenbodens
angesehen werden, welcher dort beibehalten
wurde, wo er nicht störte, sondern im Gegen-
teil als Musikgalerie benutzt werden konnte.
Die Frage, ob ein Hallenbau, der den Felskir-
ehen modellartig glich, überhaupt in Holz je-
mals existierte oder ob erst bei der Umwand-
lung in Stein der Zwischenfußboden verschwand,
ist nicht zu beantworten. Es ist ebensogut denk-
bar, daß diese für einen Freibau konstruktiv
verhängnisvolle Änderung bereits bei der Kult-
halle aus Holz eintrat, und daß die Übertragung
in Stein neben anderen Gründen auch den hatte,
die mangelnde Stabilität dieser Holzkonstruk-
tion zu vermeiden.

Überblickt man abschließend die Entwicklung
des Bogens im Giebel, die eng verknüpft ist mit
dem konstruktiven Werdegang des rundbogigen
Daches, so kommt man zu dem Ergebnis, daß
beide zuletzt auf einen primitiven, tonnenförmi-
gen Bau zurückgehen, der zeitlich den Häusern
der Barahat-Art voranging und der, wenn auch
in einfachster technischer Ausführung und Form,
doch schon das Konstruktionsprinzip des tra-
genden Bogens aufwies. Mit der zunehmenden
Höhen- und Breitenentwicklung dieser ein-
fachen Bodenhütte wurde, um den gesteigerten
konstruktiven Ansprüchen zu genügen, zuerst
der Bogen selbst durch den Gitterträger ver-
stärkt. Als auch diese Maßnahme unzulänglich
erschien, wurde Stütze und Hauptpfette zu sei-
ner Entlastung eingegliedert. Als man im Laufe
der Entwicklung zum Pfahlbau in der Art der
zweistöckigen Santschihäuser überging, bot der
Geschoßboden weitere konstruktive Vorteile für
den nunmehr zur Halle gewordenen Bau, indem
er den tragenden Bogen verspannte. Bei der
Übertragung dieses Holzbaues in den Fels ver-
lor der Fußboden seine konstruktive Notwendig-
keit, und als man ihn aufgab, blieb an der Decke
der Grotte als unverständliches Überbleibsel der
Holzbogen zurück. Kurt Sommer

DER TURM ZU BABEL

von Günter M artiny, B erlin

Seitdem der kümmerliche Rest der Ruine des graben worden ist, beschäftigen sich Gelehrte,
Turms zu Babel von Robert Koldewey ausge- Philologen und Bauforseher damit, ihn zu re-
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