Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 221
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architectura1933/0243
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
dot I, 181). Es fragt sich, ob man nicht sogar
hinter dem Thron eine Nische (Scheintür) an-
zuordnen hat, da der eigentliche Durchgangs-
tempel ein Stockwerk höher liegt.

Das Portal zum Hochtempel kann nur in Ver-
längerung der Mitteltreppe in dem auf der Tafel
zuerst genannten Räume gelegen haben, da die-
ser Raum nicht näher genannt ist und in Achse
der Mitteltreppe gegenüber dem Bettraum lag.
Der Schreiber begann also die Beschreibung des
Hochtempels mit dem Torraum.

Der Aufbau des gesamten Tempelturmes war gewiß
zentrisch (Taf. 46). Infolge des neu gefundenen
geringeren Steigungswinkels (36° statt 38°) kann
(bei Zurücksetzen der Geschosse muß die Treppe
jeweils tief in die Geschosse einschneiden, auch
wenn die Rückwände bereits senkrecht überein-
ander liegen), auch bei Versetzen der Turmauf-
bauten, die Mitteltreppe nicht bis oben durch-
geführt werden. Diese Treppe läuft gerade das
zweite Geschoß, dieses etwas einschneidend, an.
Die bis oben durchführende „Göttertreppe", die
im letzten Rekonstruktionsversuch eine gewich-
tige Rolle spielte1), ist nicht mehr vertretbar.
Der neue Steigungswinkel bedingt, daß die Sei-
tentreppen ebenfalls anders geführt werden
müssen als bisher. Sie können nicht mehr ein-
läufig das erste Stockwerk erreichen, und müs-
sen schon vorher umwenden. Ich schlage vor,
die Aufgänge zu den höheren Geschossen als
Treppen im gleichen Steigungsverhältnis zu er-
gänzen, da kein Grund besteht, von der Trep-
penanlage der untern Geschosse abzuweichen.
Die von mir vorgeschlagene Anlage der Treppen
(Abb. 2) hält zwanglos den Angaben Herodots
stand: Herodot I, 181 „avccßuaig dh lg aizovg
'el-oodsv xvxXw ttsqI nctvzag rovg nvQyovg 'exovffa
7TSjroirjTai,u. Übersetzt von Bähr im Jahre 1859
(nach Koldewey MDOG 59, S. 36): „man steigt
hinauf auf einer Treppe, welche von außen
ringsherum um alle diese Türme angebracht ist'".
K. Mittelhaus teilt mir zu der strittigen Frage
„wulffl" mit, daß für xvx/Jj) die Bedeutung
„kreisförmig" möglich, aber durchaus nicht
immer notwendig ist. Es kann ebensogut „rings-
herum" heißen. Xenophon C. IV, 5 steht
xvx/.w rov GtQccTOnsdov. Sollen wir annehmen,daß
das Lager kreisförmig und nicht vielmehr qua-
dratisch angelegt war? Bei Herodot IV, 180
wird eine Jungfrau xvx2a> um den Tritonischen
See herumgeführt. Muß darum der See oder die
*) W. Andrae, MDOG 71, G. Martiny, MDOG 71.

Marschroute der Jungfrau kreisförmig gewesen
sein?

Um dem „kreisförmig" gerecht zu werden, be-
mühten sich bisher eine Reihe von Gelehrten
dem Turm wenigstens in seinen oberen Stock-
werken mit einer Wendeltreppe oder -rampe zu
umgeben, nach dem Vorbild der kleinen Zikur-
rat von Durscharukin (Chorsabad). Da wir es
aber hier mit dem Nationalheiligtum der Baby-
lonier zu tun haben, brauchen wir kaum anzu-
nehmen, daß dieser Turm eine Mischbauweise
aus den babylonischen und assyrischen Baustilen
gewesen ist. Die Treppen im Steigungswinkel 36°
ordnen sich eigenartig gut den vorhandenen
Maßen unter.

Meine in MDOG 71 gebrachten astronomischen
Betrachtungen zum babylonischen Turm wer-
den von der neuerlichen Rekonstruktion eben-
falls berührt. Der Turm ist auch in der jetzi-
gen Form astronomisch orientiert. Die Richtung
des Turmes, abhängig vom Polarstern und der
nach Arktur ausgerichteten Kultachse von Esa-
gila, bleibt die gleiche (Azimut = 166° w). Die
Höhe des Polarsterns ist in der Treppenneigung
aber nicht mehr anvisierbar. Der Turm war kein
astronomisches Instrument, sondern nur astro-
nomisch orientiert.

Zum Aufgang der Sonne am babylonischen Neu-
jahrsfest ergibt sich für die Turm-Orientation
folgende Beziehung: Das Neujahrsfest fällt auf
den 15. Nisan. Der 1. Nisan liegt im Mittel
9 Tage nach dem Frühlingspunkt, so daß die
Grenzen des nördlichsten bzw. südlichsten Son-
nenaufganges 18—30 Tage nach dem Frühlings-
punkt liegen. Bei einem Breitengrad von 32,5°
für Babylon liegen demnach die Grenzen des
möglichen Aufganges bei einem östlichen Azimut
von 100° und 113,5° (abgelesen am Präzessions-
globus). Das Azimut des Turmes betrug 166°
westlich = 194° östlich. Der rechte Winkel des
Turmes zeigt also nach 104° östlich. Da die
Sahuru-Eingänge im rechten Winkel zur Haupt-
achse des Turmes liegen, haben sie also den
gleichen Azimutwinkel von 104° östlich, so daß
die Strahlen der aufgehenden Sonne am baby-
lonischen Neujahrsfest bei geöffneten Türen un-
gehindert in den Durchgangstempel eindringen
konnten. Für eine etwaige Auffassung Marduks
als Sonnengott wäre diese Beobachtung von
wesentlicher Bedeutung.

Die bisherigen Rekonstruktionen.
Die erste veröffentlichte Rekonstruktion des

221
loading ...