Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 222
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Turmes nach Bekanntwerden der Ausgrabungs-
ergebnisse und unter Zuhilfenahme der Esagila-
Tafel versuchte Th.Dombart (Zikk. u. Pyramide
1915), der den Turm zentrisch nach den An-
gaben der Tafel aufbaute, oben ein weiteres
sechstes Geschoß einfügte und folgerichtig den
damals in seinen Maßen noch nicht einwand-
frei gedeuteten Hochtempel vom Turme ver-
bannte, da er nach der alten Auffassung oben
keinen Platz hatte. Dombart versuchte den Zu-
gang an den oberen Geschossen als Wendelram-
pen anzuordnen, wozu ihn der Turm von Chor-
sabad anregte. Trotz einiger falschen Schlüsse
(Nuhar nicht auf dem Turm, Wendelrampen)
gebührt es doch Dombart zur Ehre, daß seine
Rekonstruktion in ihrem äußerem Umriß sich
am besten an die neu gefundene Form anlehnt.
Nach Dombart bringt R. Koldewey eine Rekon-
struktion des Turmes heraus (MDOG 59, 1918).
Er erkennt, daß das Nuhar der Hochtempel ist,
aber infolge der Maßdeutung muß er dieses so
groß zeichnen, daß gegen die Meinung der Tafel
die scharfe Stufung des Turmes nicht berück-
sichtigt werden kann. Auch Koldewey fügt ein
sechstes Geschoß ein.

A. Moberg (Babels Torn 1918) behält die Dom-
bartsche Lösung bei, versucht aber die Mittel-
treppe bis zum 7. Geschoß durchzuführen. Er
lehnt ebenfalls das Nuhar als Hochtempel ab,

und spricht die Vermutung aus, daß Herodot
in seiner Beschreibung gar nicht den Turm von
Babylon gemeint habe.

1926 erscheint E. Ungers Turmrekonstruktion
(Forsch, u. Fortschr.), die den Dombartschen
Vorschlag übernimmt, und ihn mit geböschten
Wänden verändert. An dieser Darstellung hält
Unger auch in Babylon, die heilige Stadt, fest.
W. Andrae benützt in MDOG 71 bereits die Er-
gebnisse der neuen Maßdeutungen für das Nuhar.
Die Mitteltreppe wird bis zum siebenten Ge-
schoß durchgenommen und dazu die Stock-
werke nach rückwärts in der Mittelachse ver-
schoben. Die Mitteltreppe ist mit dem Kolde-
weyschen Steigungswinkel von 38° gezeichnet.
Das sechste und siebente Geschoß werden zu
einem Bauklotz zusammengefaßt. An die An-
draesche Untersuchung schloß sich meine astro-
nomische Berechnung an, die ich oben revidiert
habe.

Mein Rekonstruktionsversuch, der im wesent-
lichen auf neuen assyriologischen Forschungs-
ergebnissen fußt, klärt vielleicht den Grundriß
und das Aussehen des Hochtempels. Nach den
bisher aufgefundenen inschriftlichen Zeugnissen
und den Grabungsergebnissen ist es jedoch nicht
möglich, eine eindeutige Lösung für die Auf-
gangsfrage und daher auch für die äußere Ge-
stalt des Turmes zu finden. Günter Martiny

ZUR ARCHITEKTUR DER LANDHÄUSER
IN DEN KAISERLICHEN GÄRTEN VON JEHOL

von Gustav Ecke, Peking-Bonn am Rhein

I. Beiträge zur Ästhetik

„Verstehst du, was für neue Lebenskraft
Mir dieser Wandel in der Öde schafft?"

Faust, Wald und Höhle.

Als das Herrscherhaus der tungusischen Man-
dschus sich des verlassenen Thrones von China
bemächtigte, sah es bewußt die Aufgabe vor sich,
das ungeheure Erbe der chinesischen Tradition
zu hüten und zu verwalten. Der Bildungshunger
dieser ursprünglichen Reiter- und Jägerstämme
führte sie aber bald zur Unterwerfung unter die
Kultur des unterworfenen Volkes; zu einer so
vollkommenen Unterwerfung, wie sie selbst in
der Geschichte Chinas einzig dasteht, das doch
stets dem Sieger am roher Gewalt jmit der
Dämonie seiner schöpferischen Kräfte siegreich

begegnete. Sogar die barbarischen Ch'itan-Tun-
gusen bildeten in den chinesischen Gebieten,
welche zur Zeit des Sung-Reiches für länger ihrer
politischen Herrschaft unterworfen waren (X. bis
XII. Jahrh.), aus Elementen chinesischer Archi-
tektur gewisse neue Bauformen; ja, eine von
ihnen geschaffene Pagodenart, die von Börsch-
mann so benannte „T'ienning-Pagode", ist noch
heute für die Landschaft Nordchinas wesentlich.
Später führten die Mongolen (XIV. Jahrh.)
nebst anderen nepalesisch-tibetanischen Motiven
den lamaistischen Typus des Stupas ein und ver-
vollkommneten den Backsteinbau nach zentral-
asiatischem Muster. Aber nach architektoni-
schen Neuschöpfungen der tungusischen Man-
dschus (1644 bis 1911) würde man in den acht-

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