Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 224
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architectura1933/0246
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
auch die Pracht der Berge und Flüsse, die Einfalt der
Menschen und Wesen nicht erschoepfend beschreiben,
keines doch fesselte Uns: nur dies Jehol. Nah ist es der
Göttlichen Stadt, die Reise hin und her überschreitet
nicht zwei Tage; die Erde schöpft aus öder Wildnis:
bleibt rein das Herz, wie könnte die Zehntausendfaltig-
keit kaiserlicher Verwaltung gestört werden? Deswegen
haben Wir gemessen den Unterschied von Hoch und
Eben, von Fern und Nah, eröffnet die Formen der na-
türlichen Zacken und Gipfel. Eine Halle wird gebaut
sich lehnend an die Fichten: mit Farben belebt sich
ärmliche Halde; an die Laube wird Wasser geführt: aus
dem Tale steigt Dampf der Büsche. Nichts wird ver-
mocht durch menschliche Kraft, zum Helfer wird ge-
liehen das duftige Gelände, und Kosten gibt's nicht für
beschnitzte Balken und zinnoberrote Säulen. Voller
Freude faßt das Herz das Ursprüngliche von Quelle und
Hain. Ruhvoll betrachten Wir die zehntausend Wesen,
gnädig prüfen Wir alle Geschöpfe. Bunte Vögel spielen
am grünen Wasser ohne Scheu, Hinden und Hirsche
scharen sich in strahlender Abendsonne zu Rudeln;
Weihe fliegen, Fische springen, gemäß ihrer Himmels-
artung in der Höhe, in der Tiefe. Farbe der Fernen, vio-
letter Dunst öffnen prunkende Sichten in der Senke, in
der Erhebung.

Bei jeder Wanderung, bei jedem Blick ins Land, wie
wären Wir nicht betroffen von Heil und Not des Säens
und Sammeins? Sei es Tag, sei es Nacht: Wir vergessen
nicht Friede und Gefahr wie Heilige Bücher und Ge-
schichte sie melden. Wir mahnen den südlichen Acker
zu pflügen in der Hoffnung auf prächtiger Ernte Fülle
für Körbe und Kiepen. Im Überfluß nach vollendeter
Lese freuen Wir Uns des Segens von zeitigem Regen und
Sonnenschein.

Das ist die Art des Lebens auf dem Bergplatz Sans-
Chaleur."

Nur aus dieser Grundhaltung des Kaisers her-
aus kann man die Architektur seines „Berg-
platzes" verstehen: Einsamkeit braucht er zum
Sinnen über seine Kaiserpflichten, wo „die Erde
schöpft aus öder Wildnis". Voller Freude faßt
sein Herz „das Ursprüngliche von Quelle und
Hain", und er sucht die Einsamkeit seiner
„prunkenden Sichten', die so ganz anders waren
als die prunkenden Prospekte seines Enkels
Ch'ienlung.

„Man baut Blicke in China, und dann erst Häu-
ser(PZ, p. 165), dies ist das Wesen der
Landhausarchitektur von Jehol.

Taf. 47 a, b.

Beschreibung und Gedicht aus „Bilder der
36 Sichten des Bergplatzes Sans-Chaleur"1), in
Übertragung von den Steinens:

„Auf einem flachen Hügel steht ein weites Lusthaus, das
den Blick nach Osten öffnet. Davor erstreckt sich das
Gebirg in mannigfaltiger Kette; seine Gipfel erstrahlen
unter der Abendsonne in Rot, Purpur und zahllosen
Tönen. Man denkt dabei an eine Landschaft des Yüan-

*) PE2, p. 239 und Anm. 3; „C'est l'empereur K'ang-hi
qui avait choisi ces 36 sites, et il avait consacre a cha-
cun d'eux, en 1711, une poesie.. siehe infra; FR,
p. 92, No. 12: „Der sinkende Widerschein vom Hammer-
berg"; CHi, CH2.

Meisters Huang Kung-wang, an sein Bild Schwimmen-
der Bergdunst und glühender Azur'. Einer unter diesen
Gipfeln reckt auf zum Himmel, der ,Glockenhammer',
seltsam golden und blaugrün1).

Mein Auge schweift über See und Gebirg, die Jahr-
tausende überdauert,

Weiße Wolkenkissen im Tal künden den tiefen

Herbst;

Felsenzacken streiten um die Schönheit des Bilds,

Nichts aber überragt diesen Hammergipfel an Er-
habenheit."

Freilich, wenn man absieht von dem Blick in die
ewige Wildnis, kann man sich nichts Einfache-
res vorstellen als das schmucklose „Lusthaus" im
Stile des „Shan-chuang". Die Bedeutung dieses
Stils erkannte schon Macartney richtig, als er
im Jahre 1793 vom Kaiser Ch'ienlung auf dem
Bergplatz empfangen wurde2); Shan-chuang
heißt eigentlich „Bergdorf", „Bergweiler", und
es liegt in der Eigenart dieses Stils, den An-
schein hervorzurufen, als seien „ungeübte
Hände" ohne Werkzeug an der Arbeit gewesen:
„Kosten gibt's nicht für beschnitzte Balken und
zinnoberrote Säulen . . .", und wirklich fand ich
im Jahre 1930 fast durchweg die Säulen unbe-
malt, in verwitterter braungelber Naturfarbe,
dazu nur ein Mindestmaß an ornamentaler
Schnitzerei; der beabsichtigte Charakter länd-
licher Einfachheit war bis in die Zeiten von
Luxus und Verfall hinein bewahrt worden. Diese
offene hölzerne Säulenhalle aber, nur nach
ihrem „Blicke" benannt, eine Urzelle gleichsam
aller chinesischen Landhausarchitektur, mag als
Symbol gelten.

Taf. 47 c, d:

Einen Blick ganz anderer Art beschreibt der
Kaiser als die vierundzwanzigste seiner „36 Sich-
ten" (FR, p.93); wieder ist es nicht der schlichte
Stockwerkbau (Lou), welcher der Rede wert ist,
sondern die Sicht auf die „strahlende Sonne der
Goldlilien":

„In einem weiten Hofe pflanze ich goldene Lotos die
Menge». Hoch auf schießen Stengel und Blätter. Weit
offen sind ihre Blüten. Unter dem Strahl der Sonne
brennt ihr Glanz unserem Blick. Wenn ich ausschaue
vom Altan, scheint der Grund wie mit Gold gepflastert."
(Übertragung von den Steinen.)

Zwar ist auch dieses Mal ein „Blick gebaut"
worden; doch währiend von der Säulenhalle
(Taf. 47 a, b) „die Ferne blauer Berge sehnlich
zieht", liegt hier die Ferne in der Nähe, die
Weite in der Geschlossenheit, das Unsichtbare

1) „Waschbleuel" = pang-ch'ui ist der volkstümliche
Name für den Hammergipfel; hier ist ch'ing-ch'ui ge-
braucht = Hammer oder Klöppel für eine besondere
Art von Tempelglocke, eine tönende Bronzeschale.

2) FR, p. 63 f.

224
loading ...