Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 225
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hinter dem Sichtbaren verborgen: das tiefere
Geheimnis der Grundrißarchitektur des Land-
hausbaues wird hier angedeutet.

Mit dem Hofe ist zu der „Urzelle" das eigent-
liche Element des Wachstums hinzugekommen;
der „mystische Zauber" (HI, p. 33) der Anord-
nung beginnt, der Prozeß organischer Angliede-
rung mag nun weitergehen nach den ihm eige-
nen Gesetzen.

Die kosmische Nord-Süd-Achse bestimmt den
Sinn dieses Hofes, aber nur von der Erhöhung
des Lou aus kann dieser Sinn erfaßt, kann der
gebaute Blick geschaut werden: das ist wohl-
erwogen und doch wie absichtslos zusammenge-
fügt. Wenn der Kaiser in der Glut der Mittags-
sonne auf den Altan tritt und hinabsieht,
„scheint der Grund wie mit Gold gepflastert",
der Glanz des Goldlotos brennt seinem Blick,
die Unendlichkeit gleißenden Goldes in der End-
lichkeit des nach strengsten Proportionsgesetzen
angelegten Hofes.

Das Wesen dieses Hofes, das Wesen aller chine-
sischen Höfe ist der „Lang-tzu" (s. infra), was
mit „porticus" nur sehr unvollkommen wieder-
gegeben wird; denn der tiefsten Natur des chine-
sischen Bauens entspricht nur das Holz als Bau-
stoff; das Holz, seine naturgegebenen und mög-
lichen Maße bestimmten ursprünglich den Ka-
non der Proportionen, das warme Leben des
organischen Holzes entspricht dem Naturgefühl
des Chinesen, der zur kalten Erhabenheit der
lapidaren Architektur unserer Antike kein Ver-
hältnis hat. Immerhin ist vom Standpunkte der
Entwurfslehre aus die antike Idee des „porti-
cus" mit der chinesischen Idee des „Lang-tzu"
verwandt, „atrium" und chinesischer Haushof
lassen auf eine gewisse Verwandtschaft der sozio-
logischen Situation wie der Lebensauffassung
schließen, und rein bautechnisch ist das grie-
chische Säulengebälk der Konstruktion des chi-
nesischen Holzbaus verwandt (BO, Bd. I, p. 60);
wobei wir nicht darauf eingehen wollen, inwie-
weit die griechischen Ordnungen von alten Holz-
bauweisen herleiten. In unserem Sonderfalle tritt
die ganze Unterschiedlichkeit antiker und chine-
sischer Landhausentwürfe klar zutage, wenn
man die Schilderungen des Plinius oder etwaige
Rekonstruktionen seiner Villen Laurentium und
Tuscum mit unseren Beispielen in Jehol ver-
gleicht: eine ähnliche Naturverbundenheit —
vielleicht, aber keine Gemeinsamkeit in der
Grndrißauffassung, trotj Porticus und Langtzu.

Aus der Hofanlage (Taf. 47 c, d) geht die Bedeu-
tung des chinesischen Wandelganges (Lang-tzu)
klar hervor: das eigentliche Wohnhaus (mit einem
Außenraum zu einer Einheit zusammenzuschlie-
ßen; diesen Außenraum, den Hof, von der um-
gebenden weiten Natur abzuschließen, so daß
die „mikrokosmische" Idee des Grundrisses ge-
währleistet wird —• und doch zugleich wieder
die ganze Anlage mit der Landschaft auch inner-
lich kommunizieren zu lassen; denn wir müssen
uns den Lang-tzu in diesem Falle als offen vor-
stellen, was aus dem Schnitt nicht klar hervor-
geht (vgl. dagegen Taf. 47 unten und Abb. 1).
Das Haus, ein doppelgeschossiger Ständerbau mit
offener äußerer Säulenstellung ringsum, ist dem
umschließenden Lang-tzu durchaus wesensver-
wandt; beide sind aus der gleichen konstruk-
tiven Grundidee erwachsen, so sehr, daß die
äußere, den doppelgeschossigen Hallenbau unten
und oben umgebende Säulenstellung selber „Lang-
tzu" genannt wird (siehe infra).

Damit ist aber noch nichts Zusammenfassendes
über diese Einsiedelei gesagt; über ihre „quali-
tas occulta", die wir oben anzudeuten versuch-
ten. Sie liegt in der geheimnisvollen Harmonie
all ihrer Elemente, welcher durch die Rein-
heit, die Einfachheit der Linien und Verhält-
nisse ein Adel der Erscheinung verliehen wird.
Ihre Seele aber stammt aus der Tiefe und Un-
endlichkeit der immer nahen Natur, in der sich
die Blicke des Kaisers verlieren.
Das „Landhaus der Lenzesschönheit" (FR, p. 98,
No. 76) ist wohl erst von Ch'ienlung gebaut wor-
den, aber es verrät noch ganz den Geist des Bau-
herrn K'anghsi, der so lange in seinem Bergpark
gewaltet hat: Schlichtheit verbunden mit Groß-
zügigkeit der Raumgestaltung (Tf. 48, oben).
Mutatis mutandis, d. h. nach Ausschaltung der
seitlichen Gartenstreifen und Anfügung eines
Hinterhauses an Stelle der Laube würde dieses
Anwesen in jeder Straße von Peking liegen
können; das Haupttor sowie das mittlere „reprä-
sentative" Tor (Ch'ui-hua-men, siehe infra), der
Haupthof mit seinem nördlichen Haupthaus und
den östlichen und westlichen Seitenhäusern ent-
sprechen wörtlich den gut bürgerlichen Gebräu-
chen der Hauptstadt; allenfalls vermißt man die
Dienerwohnung, welch westlich von dem Haupt-
tor liegen würde, das seinerseits in der östlichen
Seitenachse zu liegen hätte, südlich des östlichen
Seitenhauses; auch die Treppen sind beibehal-
ten worden, die sonst im Shanchuang-Stil durch

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