Architectura: Zeitschrift für Geschichte und Aesthetik der Baukunst — 1.1933 [ISSN 2365-4775]

Seite: 226
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unregelmäßige Felsplatten ersetzt werden
Tf. 48, unten). Wie bei den Stadtwohnungen ist
hier der Lang-tzu nach außen geschlossen und
dadurch jene außerordentliche Intimität des
Haupthofes erreicht, durch welche diese Höfe,
im Sinne des antiken Atriums oder Gartenhofes,
geradezu ein offener Wohnraum des Hauses wer-
den. Doch ist der Unterschied der antiken und
der chinesischen Anlage wieder ganz unverkenn-
bar: jeder Bautypus, vom Tor bis zum Haupt-
haus, ist genau nach der kanonischen Schnur und
Regel angelegt, jede Proportion entspricht un-
abänderlichen sakrosankten Vorschriften; inner-
halb dieser Gegebenheiten hat jeder Bau sein
eigenes, selbständiges, sehr erkennbares Eigen-
dasein, wird aber mit allen anderen Teilen durch
den inneren Lang-tzu und die Umfassungsmauer
zu einem in sich geschlossenen Ganzen architek-
tonisch, d. h. im chinesischen Falle grundriß-
mäßig zusammengefaßt.

Durch die wenigen Abänderungen, welche ge-
nannt wurden, ist der Übergang vom Stadthof
zum Landhaus erreicht worden; er wird voll-
kommen durch den ringsumschließenden Gar-
ten mit seinen mächtigen Kiefern, welche plan-
und doch unregelmäßig verteilt sind —- eine
steht im inneren Hofe. Damit sind denn auch
die „Blicke gebaut": aus der Abgeschiedenheit
des inneren Hofes schweift das Auge über die
zierlichen Formen des nach innen geöffneten
Wandelganges zu den Überschneidungen der
regelmäßigen, wohlabgestimmten Dächer hinaus
in das Grün der alten Kiefern. Von einer her-
metischen Abgeschlossenheit kann bei der ge-
ringen Höhe des Wandelganges sowohl wie der
äußeren Umfassungsmauer nicht gesprochen
werden (HI, Tf. X, unten): der innere Hof ist
einsam und doch mit der Landschaft durch die
Kiefern des Gartens verbunden; und wenn man
nach Norden aus dem Haupthaus tritt, hat man
wieder das überwältigende Gefühl, ganz allein
zu sein, unnahbar und geschützt durch die
Mauer, während nach der Heimlichkeit des inne-
ren Hofes die Sicht nun wieder in des „Gebirges
mannigfaltige Kette", in den Dunst der Ferne
entrückt wird; den Blick von der Laube hinten
im Garten (einem achteckigen Zentralbau, „Pa-
chiao-t'ing", vgl. HI, Tf. XII rechts) mag man
sich selber ausmalen, und so das Erlebnis, wenn
man aus der nördlichen Mauer heraus in die
Landschaft zu der fernen Hütte wandert.
Der ganze Reiz des Landhauses zum „Mond-

glanz auf rauschenden Wassern" (Tf. 47 f;
FR, p. 65) wird erst aus dem Grundriß klar
(Tf. 48), die Gliederung der Höfe, die Unregel-
mäßigkeit bei aller Regel, die prachtvollen Ver-
hältnisse. Auch diese Anlage, über deren Ge-
schichte ich nichts Näheres feststellen konnte,
wird wohl von Ch'ienlung stammen; zwei Mo-
mente sprechen dafür, welche mit der Schönheit
des Gesamtentwurfes nicht übereinstimmen: der
vierseitige Zentralbau im östlichen Hinterhofe
und der künstliche Felsgarten im dritten Hof
der Hauptachse. Der Plan dieses Landhauses
macht den Eindruck, als ob er zwar noch im
Geiste des Ahnen konzipiert, zum Schluß aber
doch die berüchtigte Platzangst1) Ch'ienlungs
durchgebrochen sei; verwöhnt durch die schönen
weiten Vorderhöfe hatte ich das Gefühl des Er-
stickens, als ich die hinteren Hofräume durch
die unmotivierte Laube und den geradezu be-
ängstigenden Felsengarten völlig verengt fand.
Doch um auf die Schönheit des Grundrisses zu-
rückzukommen: ich muß bei der Beurteilung
solcher Pläne an chinesische Schriftzeichen den-
ken, an die zahllosen Kombinationen aus ver-
hältnismäßig wenigen Elementen innerhalb
eines gegebenen quadratischen Raumes; auch,
cum grano salis, an die Freiheit des Schrift-
malers, bei seiner Gebundenheit an die schließ-
lich doch unumgängliche Zwangsläufigkeit des
Schriftbildes. Sollte es sich beim Architekten wie
beim Schreibmaler um ein verwandtes, um ein
typisch chinesisches Phänomen handeln? Sehr
chinesisch jedenfalls erscheint mir der Mikrokos-
mos dieser Dichtersiedlung „zum Mondglanz auf
rauschenden Wassern": organisch bei scheinbar
abstraktem Schematismus pedantischer Bau-
regeln, durchdacht bei scheinbarer Zufälligkeit
der Gliederung und Gruppierung, mannigfaltig
in großgesehener Einheit, abgeschlossen von der
Umwelt und doch ein Teil der Landschaft, ja,
wie aufgetaucht aus dem Dunst der Gewässer:
die Schau eines Malers vor der blauen Ferne des
Gebirgs; zart und karg in der Einzelheit der
Form, lebenswarm durch den Duft des Holzbaus,
schlicht, wahr und klar durch die logische
Strenge der Konstruktion, männlich als Gesamt-
entwurf: der Typus eines chinesischen Land-

J) Der Verfall der chinesischen Architektur unter
Ch'ienlung begann mit einer immer mehr zunehmenden
Verständnislosigkeit für die Großzügigkeit der herkömm-
lichen chinesischen Raumauffassung und Grundrißgestal-
tung; doch darüber wäre viel zu sagen — siehe infra.

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