Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 1.1885

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Literatur.

Die Kunstschätze Italiens. In geographisch-historischer Uebersicht
geschildert von Karl v. Liitzow. Stuttgart, J. Engelhorn. 1884.

Ein Werk liegt seit kurzem vollendet vor, das in jeder Hinsicht ein
harmonisches Zusammenwirken aller betheiligten Kräfte erkennen lässt, wie
es selten sich so glücklich vereinigen mag. Text, Anordnung und Auswahl
des illustrativen Theils sind in Hände gelegt worden, welche genaue Kenntniss
des Stoffes mit voller Beherrschung des Materials und der Darstellungssorm
verbinden; für die ausserordentlich reichen künstlerischen Beigaben sind die
bewährtesten Meister der Zeichnung, der Radirung und des Holzschnittes ver-
einigt worden; die typographische Ausstattung verräth bis ins Kleinste die
grösste Sorgsalt und vollendeten Geschmack, und hierin, wie in der muster-
haften Durchführung des Ganzen erkennt man den grossen Sinn einer Verlags-
handlung, die im Fassen des Plans und in seiner glänzenden Verwirklichung
sich auf der Höhe der Anforderungen unserer Zeit befindet. So ist ein
wahres Standard book zu Stande gekommen, ein Prachtwerk in des Wortes
edelster Bedeutung, bei welchem Gediegenheit des Inhalts mit Schönheit der
Form sich verbindet, und der Werth der Textbehandlung aus gleicher Höhe
steht mit der Vorzüglichkeit der Illustration.

Wer das gelobte Land der Schönheit auf vielen Einzelwanderungen durch
alle Theile des langgestreckten Gebietes kennen gelernt hat, der weiss wie
bis in die fremdsten Winkel und die kleinsten Nester hinein, trotz aller Be-
raubungen seit Jahrhunderten, die den Museen Europa’s den glänzendsten Theil
ihres Bestandes zugeführt haben, eine unabsehbare Fülle von Werken edelster
Kunst das Auge des Forschers entzückt, wie er staunend an den verborgensten
Stätten häufig Schöpfungen bedeutender Meister entdeckt, von denen nur dem
Eingeweihten eine Kunde zugekommen ist. So begreift sich’s denn, dass das
Zusammenfassen dieser beispiellosen Kunstblüthe, die in keinem Lande ihres
Gleichen hat, in einen eng begrenzten Rahmen eine unendlich lockende, aber

structionen der Lombardei, den byzantinisirenden goldstrahlenden Kuppel-
bauten von Venedig, dem phantastischen, maurisch-byzantinisch-normannischen
Mischstil Siciliens sich in reicher Pracht uns entgegendrängen. Von all diesen
merkwürdigen Entwicklungen vermag nur eine topographisch fortschreitende
Darstellung eine klare Vorstellung zu geben; so musste sich die geographische
Anordnung als das einzig richtige Princip darbieten. Innerhalb der einzelnen
Gruppen aber herrscht mit Recht die historische Betrachtung.

Aus Einzelnes hier einzugehen würde den gegebenen Raum weit über-
schreiten. Es mag nur daraus hingewiesen werden, dass der Verfasser, wie es
von dem Manne der Wissenschaft nicht anders zu erwarten war, sich völlig
vertraut mit dem gesammten Material der Forschung und den neuesten Resul-
taten der Kritik zeigt. Man spürt einen starken Hauch des ausgezeichneten
und edlen Mannes, dem er sein Buch gewidmet hat, Giovanni Morelli (Lermo-
lieff), den die Welt als einen der seinsten Kunstkenner und Kritiker verehrt.
In manchen Punkten ist allerdings die Forschung noch nicht zu einem all-
gemein anerkannten Ergebniss gelangt; die beiden Portraits von Lionardo in
der Ambrosiana, welche in Burckhardts Cicerone auch in der jüngsten Auslage
anerkannt werden, sind hier nach dem Vorgänge Morelli’s dem grossen Meister
abgesprochen. Ebenso wird der angeblichen Fornarina im Palazzo Barberini
zu Rom der rasaelische Ursprung bestritten, während Burckhardt-Bode das
Werk als rasaelisch ausrechthalten. Ich muss gestehen, dass ich bei diesem
Bilde nie recht an Rafael glauben wollte und es schon lange als das »einzige«
seiner Werke bezeichnete, welches keinen Adel der Auffassung zeigt; ich fühle
mich daher erleichtert, wenn auch andere Stimmen sich dagegen aussprechen.
Die Donna Velata der Galerie Pitti, welche neuerdings Rafael abgesprochen
worden ist, lässt Lützow gelten, und ich stimme ihm darin bei.

Doch genug von solchen Einzelheiten, aus welchen wir ersehen, dass es
der bestrittenen Punkte immer noch eine gute Zahl gibt. Wenden wir uns zu
dem illustrirten Theil des Werkes, wo zunächst in einer stattlichen Zahl herr-
licher Radirungen gleichsam die Grundpseiler des monumentalen Baues hervor-
treten. In diesen prächtigen Arbeiten, zu welchen sich Namen wie F. Böttcher,

Gothische Portalbekrönungen in Venedig. (Aus »v. Lützow, Die Kunstschätze Italiens«.)

auch ausserordentlich schwierige Aufgabe war. Es konnte sie nur ein Mann
lösen, der mit dem ganzen Lande und seiner Denkmälerwelt aufs Innigste ver-
traut ist, der aber zugleich die höchste Eigenschaft eines guten Stilisten besitzt,
über dem Einzelnen das Wesentliche nicht aus dem Auge zu verlieren, und
in seiner Darstellung jene weise künstlerische Oekonomie walten zu lassen,
welche zu gruppiren, unterzuordnen, Schatten und Licht zu vertheilen gelernt
hat. Diess ist in Lützow’s gesammtem Text in wohlthuender Weise zu be-
achten; er ist der doppelten Gesahr glücklich entgangen, zu breit oder zu
skizzenhast zu werden, er hat eine ausserordentliche Menge von Einzelheiten
an einen zusammenhängenden Faden gereiht, er weiss lichtvoll und lebendig
zu schildern, durch Wärme zu ergreifen, und doch alles Phrasenhafte zu ver-
meiden, ebenso aber auch sich vor trockener Aufzählung zu bewahren. Man
kann finden, dass*die drei letzten Capitel: Rom, Unteritalien, Sicilien etwas
übers Knie gebrochen sind im Verhältniss zu der behaglicheren Breite der
ersten Abschnitte; allein das Ganze wird dadurch kaum merkbar beeinträch-
tigt, dass wir zuletzt bei unserem Führer einen etwas beschleunigteren Schritt
wahrnehmen; hat derselbe ihn doch nirgends veranlasst, uns irgend etwas
Wichtiges zu unterschlagen.

Italiens grosse Mannichfaltigkeit, ähnlich derjenigen, die auch Deutsch-
land im Mittelalter und der Epoche der Renaissance auszeichnet, ist die Grund-
bedingung der unendlich reichen Herstellung seiner Kunst. Jedes Gebiet, jede
Stadt hat ihr Sondergepräge; der individuelle Genius, der, im Gegensatz zu
der universellen Signatur antik-römischer Kunst und Cultur, das gesammte
Leben des christlichen Abendlandes in den mittleren Zeiten kennzeichnet, hat
in Italien sich vielleicht am schärfsten ausgeprägt, und am reichsten und fein-
sten entwickelt in derjenigen Kunst, welche dieses individuelle Gedanken- und
Gemtithsleben am tiefsten erschöpft, in der Malerei, besonders in ihrer höch-
sten Blüthe zur Renaissancezeit. Welche Gegensätze in den Schulen Toscana’s,
Umbriens, Venedigs, der Lombardei, welche Besonderheiten in den Meistern
von Florenz und Siena, von Ferrara und Padua, von Verona und Vicenza, von
Brescia und Parma, von Perugia und Bologna!

Aber auch in der Architektur und Plastik haben wir schon in der roma-
nischen Epoche jene bunten Gegensätze, wie sie in den classischen Bauten Tos-
cana’s, namentlich zu Florenz und Pisaj in den mehr nordisch gemischten von
Lucca und Arezzo, in den antikisirenden Bauten von Rom, den derben Con-

L. H. Fischer, P. Halm, W. Krauskopf, L. Kühn, Doris Raab, K. v. Siegl,
William Unger, W. Wörnle zusammengefunden haben, sind auserlesene Haupt-
werke der italienischen Kunst in vorzüglicher Wiedergabe vorgeführt. Es ist
ein schöner Gedanke gewesen, die Radirung mit ihren machtvollen malerischen
Wirkungen zu diesem wichtigsten Theile der Illustration heranzuziehen. Dazu
kommen nun noch viele grosse und kleine Holzschnitte, auch Vignetten und
anderes Zierwerk, meistens bestimmt, gleichsam die Verbindung zwischen jenen
Plauptblättern herzustellen und die Anschauung des Lesers, falls sie je er-
lahmen sollte, stets neu zu beleben und zu ersrischen. In diesen zahlreichen
Arbeiten ist allerdings bisweilen das malerische Element, das heutzutage über-
all die Vorherrschaft hat, so stark betont, dass zuweilen die Ruhe und Klarheit
plastischer Formgebung darunter Einbusse erfährt. Es sei nur z. B. an das
Prachtgrab Andrea Sansovino’s im Chor von S. Maria del Popolo erinnert, wo
eine gewisse Trübung der Form durch die zu extrem malerische Tendenz der
Darstellung sich nicht verkennen lässt. Im Ganzen wollen solche Einzelheiten
nicht so viel sagen und sie sind weit entsernt, dem Werthe desselben Abbruch
zu thun; aber sie sollen doch nicht verschwiegen werden, weil sich hier ein
bedenklicher Abweg in der Aussassung zu Gunsten einer sast manierirt zu
nennenden Behandlung zu erkennen gibt.

Im übrigen muss man seine volle Freude an diesem köstlichen Bilder-
schmuck haben, und man wird gern gestehen, dass etwas Aehnliches in unserer
Literatur nicht existirt. Es ist alles in einem weiten und grossen Sinne ange-
legt und in derselben Gesinnung zum Ausdruck gekommen. Ein nicht geringer
Vorzug ist dabei, dass zahlreiche wenig bekannte, nur dem Specialforscher ge-
läufige Denkmäler zur Ausnahme gelangt sind, in welchen sich oft nicht minder
stark als in den allgemein bekannten Schöpfungen der Geist der grossen Kunst-
epochen und ihrer Meister spiegelt. So ist das Ganze denn als eine prächtige
Galerie zu bezeichnen, in welcher alles Herrliche und Hohe der unvergleich-
lichen Kunst 'Italiens in edler Aufsassung und esfectvollster Darstellung zur Er-
scheinung kommt. Gegenüber der ausserordentlichen Reichhaltigkeit des In-
halts, der künstlerischen Gediegenheit der Ausstattung, der Vorzüglichkeit
dieser zahlreichen Illustrationen ist der Preis des herrlichen Werkes (100 Mark
in einem stilvollen, einem alten Musterband frei nachgebildeten, reichen und
doch nicht überladenen Einband) als ein sehr mässiger zu bezeichnen. Mögen
recht viele aus diesem lauteren Born von Schönheit schöpfen! W. Lübke,

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