Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 1

historischer Stile, mit denen wohl-
bedacht landesübliche Bauweise
und örtlicher Architekturcharakter
erhalten und gepflegt werden
sollen, erfreulich erscheinen, na-
mentlich da, wo die Wahl der
Stilformen durch besondere ge-
schichtliche Beziehungen be-
dingt ist.

Man darf eben nicht ver-
gessen, daß bei einem historisch
fest begründeten Staatswesen auch
die Überlieferung einen berechtig-
ten und sprechenden Ausdruck
des Staatsgefüges darstellt. In den
meisten Fällen spricht aber auch
aus diesen Entwürfen eine abge- Hauptansicht des Schillerdenkmals.

schlossene, kraftvolle Persönlichkeit, die den gegebenen Formen
und Systemen, mit entsagungsvollerer Zurückhaltung freilich,
doch etwas vom eigenen le-
bendigenWesen einzuhauchen
vermochte. Streitig mag hie
und da erscheinen, ob an
sich glänzende formvollendete
Schöpfungen im Sinne der
Spätgotik oder des Jesuiten-
stils mit ihrer Formenfülle und
dem unverwischbaren Geist
ihrer Zeit für so ausgespro-
chen unsrer Zeit angehörende
Bauten wie die neuen Ge-
richtsgebäude und die darin
herrschende ernste Tätigkeit
den richtigen Rahmen und
Ausdruck bieten. Auch hier
ist es eben die Frage der Per-
sönlichkeit, der schöpferischen
Kraft, ob der Wurf gelingt, ob
die alten Formen oder die
neue Aufgabe siegreich blei-
ben und ein ganzes Kunst-
werk entsteht, bei dem man
kaum noch an Formüberliefe-
rung denkt, wie dies in ganz
hervorragender Weise bei dem
neuen »romanischen« Amts-
gericht für Charlottenburg ge-
lungen ist. Fraglich erscheint
es uns auch, ob die Stiltreue
im einzelnen bis zur Wieder-
verwendung von Schmuck-
formen gehen soll, die uns
zwar als charakteristisch für
die Zeit ihrer Entstehung, aber Schillerdenkmal in einem Stadtpark.

doch nicht recht als vorbildliche Leistung erscheinen können. -
Besonders erfreulich zeigt sich der künstlerische Zug in der
Gestaltung kleinerer Bauten, die vielfach recht gute Gruppie-

Gesamtansicht des Schillerdenkmals aus der Vogelperspektive.

rungen der Wohn- und Diensträume und sachlich-schlichte
Ausführungen zeigen. Dies tritt am stärksten hervor bei den

Eisenbahnhochbauten, unter
denen die großen Empfangs-
gebäude meist (mit Ausnahme
des Stralsunder), zum Teil
auch infolge unruhiger farbi-
ger Darstellung, erheblich
hinter den kleinen und klein-
sten Bauten — Moselbahn-
höfen, Bahnwärterhäuschen,
Stellwerken, Beamtenwohnun-
gen u. s. w. zurückstehen.

Ungeteilte Anerkennung
verdient die Gruppe der länd-
lichen Kirchenbauten, deren
künstlerischenWert wir schon
bei früheren Gelegenheiten
hervorgehoben haben und von
denen wir demnächst einige
Beispiele farbig wiedergeben
zu können hoffen.

Die Raumkunstausstellung
des Professors Bruno Paul
enthält zusammengehörige
Räume einer reich ausgestatte-
ten Wohnung mit Marmor-
vestibül, Speisezimmer (beide
mit geringen Veränderungen
von der Dresdener Kunstge-
werbeausstellung 1906 be-
kannt) , ovalem Empfangs- und
Musikzimmer, Herrenzimmer,
einer traulichen Bücherei mit
Oberlicht, und Vorraum,
Wohnzimmer, Speisezimmer und Schlafzimmer einer ein-
facheren Wohnung, schließlich den Rauchsalon eines Reichs-
postdampfers des Norddeutschen Lloyd. Der Gesamteindruck

der Schöpfungen Pauls läßt sich
zusammenfassen in: einheitlich,

ruhig, vornehm; bewußte, streng
durchgeführte Sachlichkeit der
Form, reine und erfreuliche Zu-
sammenstimmung der Farben; Her-
vorhebung der Stoffwirkung an
sich; die Maserung edler Hölzer
und die Farbenpracht des Marmors
nur hie und da durch einfache geo-
metrische Einlagen, kleine Metall-
fassungen und glatte Möbelbe-
schläge gesteigert; die Beleuchtung
überall eigenartig und dem beson-
deren Zweck entsprechend ange-

Architekt: Hans Bernoulli in Berlin.

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