Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 2

(3) Haus hinterm Schütting 8
in Bremen.

diele, zugleich Wohn-, Fest-, Schlaf- und
Kochsaal.

Eine zweite Entwicklungsstufe (Abb. 4)
zeigt dem vorderen Zimmer entsprechend
auch an der Hinterfront ein Zimmer von
dem großen Dielenraum abgegrenzfc. Sie
mag die erste Einschränkung der Diele
bezeichnen. Diese nahm zu, je mehr das
Bedürfnis einer bequemen und gesun-
den Wohnungseinteilung hervortrat.
Seitdem etwa zur Zeit des Dreißigjähri-
gen Krieges (die Neustadt wurde 1623
bis 1627 angelegt) die wohlhabendsten
und einflußreichsten Familien der Stadt
sich außerhalb der alten Mauern breitere, den besondern Be-
dürfnissen leichter Rechnung tragende Häuser bauten, in denen
das Hauptgewicht auf gesunde Wohn- und Schlafstuben und
geräumigere besondere
Staatszimmer gelegt
werden konnte, folgten
auch die in der Altstadt
Verbleibenden diesem
Beispiel nach Kräften,
indem sie ihre Waren-
lager möglichst in neu
aufgeführte Hofspeicher
(Abb. 4) verlegten und
das Vorderhaus, so gut
es gehen wollte, im
Sinne der Vorstadtvillen
umbauten. Natürlich war
diese Möglichkeit bei
der sehr schmalen Front
nicht allzu groß. Als
das wesentlichste Er-
gebnis dieser Grundriß-
umbildung im Erdge-
schoß dürfte die weitere
Entwicklungder überaus
reizvollen, für die wohn-
liche Wirkung des
schmalen Vorderzim-
mers ausschlaggeben-
den Vorbauten (Ausluchten) mit ihrer großen Fensterfront und
den schmalen seitlichen Fenstern zu betrachten sein. Die Diele
bleibt auch fernerhin erhalten, wenn auch oft bloß im Erdge-
schoß, da das hinzutretende obere Wohngeschoß häufig durch
Einziehen einer Zwischendecke in den obern Teil der Diele

hineingebaut
wird (wie es
bei Abb. 4 ge-
schehen ist).
Erst als im 18.
Jahrhundert
französische
Einflüsse sich
geltend mach-
ten und beson-
ders, als im An-
fang des 19.
Jahrhunderts
die Bebauung
außerhalb der
Wälle allgemein
wurde, ver-
schwand die
Diele mehr und
mehr und fand
zuletzt in der
»besten Stube«
ein rühmloses
Ende.

Auch bei der umfangreichen Bautätigkeit der
letzten Jahrzehnte, die ganz neue Straßenzüge
und Stadtviertel erstehen ließ, ist an der wirt-
schaftlich günstigen, sehr schmalen und tiefen
Grundstücksform für das von allen Bevölke-
rungsschichten fast ausschließlich benutzte Ein-
familienhaus festgehalten worden. Auch die
neuen Straßen zeigen fast durchweg beiderseits
angebaute Häuschen. Aber der typische Grund-
riß dieser Bauten, wie ihn Abb. 5 wiedergibt,
verrät trotz des Wintergartens, des Salons und
der Baikone keine erfreuliche Weiterbildung.
Das Innere des modernen Bremer Hauses macht
durch den schmalen Flur mit der »Hühnerleiter«
und durch die gleichfalls schmalen und infolge
der vorgelagerten Wintergärten, Balkons und
j Terrassen oft nur mangelhaft (oder als Mittel-

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(4) Knochenhauer-
straße 34 in Bremen.
Abgebrochen 1906.

(9) Diele im Hause Albersstraße 11 in Bremen

Architekt: Emil Högg in Bremen.

(10) Empfangszimmer im Wohnhaus
Albersstraße 11 in Bremen.

Architekt: Emil Högg
in Bremen

Zimmer

auch gar nicht!) beleuch-
teten Zimmer einen be-
schränkten, kleinbürger-
lichen Eindruck. Die
Bremer sind sich dessen
auch wohl bewußt. Aber
im Gegensatz zu ihrer
sonstigen großzügigen
Fortschrittlichkeit be-
wahren sie alle die klei-
nen Einzel- und Eigen-
heiten, die in Beziehung
zum Familienleben und
seiner Stätte, ihrem Ein-
familienwohnhause, ste-
hen, mit konservativer
Beharrlichkeit, so daß
die einmal zur Gewohn-
heit gewordene Anlage
trotz ihrer Mängel durch
dieGewohnheit geheiligt
und als eine Art öffent-
liches Baugewissen er-
scheint.

Als Emil Högg 1905
für den eigenen Gebrauch ein Haus entwarf, verbreiterte er das
beim alten Grundrisse neben dem Eingänge von der Diele
abgetrennte Vorderzimmer so, daß nur der Eingang mit dem
für unsre Bedürfnisse unerläßlichen Windfang und einem
| kleinen Vorplatz daneben liegt und der Weg von diesem seit-
lich in die Diele führt (Abb. 9 und Tafel 16).

Diese Diele nimmt das Motiv auf, das im Laufe der Zeit
| in der geschilderten Weise sich aus der ursprünglichen hohen
Diele dadurch entwickelt hatte, daß man sie den veränderten
Lebensgewohnheiten und dem veränderten Raumbedürfnis an-
gepaßt und durch einen Zwischenboden in
halber Höhe gespalten hatte. Während die
immer wieder angewendete hohe Diele mit
eingebauter Treppe meist zu einer unwohn-
lichen, prunkhaften »englischen Halle« wird,
ergibt diese niedrige, nur 3 m im Lichten
hohe, mit sichtbarer Balkendecke überdeckte
Diele einen behaglichen, gut bewohnbaren
Raum. Damit ist das Dielenmotiv wieder
für unsre bürgerlichen Verhältnisse brauch-
bar gemacht.

Die wesentlichen Reize der alten Vor-
bilder sind so erhalten, auch der in die Diele
einbezogene Treppenantritt, der ja leicht,
wie bei dem zur Zeit herrschenden Typus
(Abb. 5) hätte in den Vorplatz eingelegt
werden können. Die Treppe hat Oberlicht
und ist genügend hell. An Stelle des jetzt
üblichen Wintergartens mit dahinterliegendem (5) Grundriß des

heutigen Bremer Hauses.

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