Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 26
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 4

Evangelische Kirche in Stendsitz. (Tafel 26.)

in Betracht gezogen werden.
Auch im übrigen soll we-
niger das rein Architektoni-
sche berücksichtigt, als eine
Würdigung des Stimmungs-
gehaltes versucht werden.
Bei äußerster Schlichtheit

Evangelische Kirche in Silz-Hauland. (Tafel 26.) reizvoll ist die kleine evange-

lische Kirche zu Silz-Hauland im Posener Kreise Bomst. Ein
einfaches Putzmotiv, Lisenen und Bögen in ungezwungener
Weise mehrfach wiederkehrend, bildet die ganze Belebung der
Fläche und charakterisiert das Bauwerk als einem Lande an-
gehörig, in dem in früheren Jahrhunderten reiche katholische
Kirchenarchitektur eine feste Bautradition geschaffen hat. Deren
schlichteste Ausläufer sind hier zu erkennen; sie durften, weil
echt volkstümlich, unbedenklich auf ein evangelisches Gottes-
haus übertragen werden.
Es ist eine flache und win-
digeGegend,dieum Bomst;
wer sie kennt, wird den
Wert der großen Nische
vor dem Eingang zu wür-
digen wissen.

Stendsitz, mit evan-
gelischer Backsteinkirche,
liegt in Westpreußen bei
Danzig. Nicht durch den Turm, wohl aber durch das monu-
mentale Gepräge hat man den Eindruck, daß der Erbauer
sich bewußt gewesen ist, für das Land der alten Ordens-
kirchen zu schaffen. Das große, schlichte Dach des Schiffes
überdeckt auch die seitlichen Anbauten des Turmes; dieser
ist dadurch zu erheblichen Teilen von dem Kirchenkörper ein-
gebaut. Man möchte um die Kirche herumgehen, um zu sehen,
wie sie auf der andern Seite ausschaut! Es muß eine stattliche
Westfront geben.

Die Andeutung des Friedhofes ist eine Anregung für die
Gemeinde, wie sie das Zukunftsbild schaffen soll.

Heidersbach liegt bei Suhl im Thüringer Wald. Hier
in Holz zu bauen, lag in den Verhältnissen der Gegend und

damit in alter Überlieferung
begründet. Das Fachwerk tritt
stark in den Vordergrund; es
hat etwas Freundliches und
Redseliges, wie die Bewohner
jener Täler, und mildert durch
seine Lebhaftigkeit den ein we-
nig schweren Eindruck, den die
großen Schieferdächer nament-
lich an der Ostseite machen.

Hervorragend in seiner einfachen und stimmungsvollen
Erscheinung ist das Bild der Kirche von Altenritte bei Kassel.
Hier sind Schiff, Chor, Sakristei und Turm zu einem Ganzen
vereinigt und abgerundet mit einer Einfalt, die zu Herzen geht.
Der ausgesprochen hessische Typus der Bauart wird das Werk
dem Bilde der Gegend in schlichter und doch bedeutender
Weise anfügen. Hier ist bodenständige Volkskunst.

Ähnlich wirkt die in weit entfernter Gegend unsres Vater-
landes erbaute Kirche in Barranowen in Ostpreußen. Auch
hier nur Anwendung einfachster Motive, die teilweise, z. B.
in Anschluß und Überdeckung der Sakristei, so weit geht, daß
mancher vermeintlich kunstverständige Laie sich zur Kritik be-
rufen fühlen wird. Aber
vortrefflich stützen die
einzelnenTeile einander,
und das Ganze hat
etwas historisch Ge-
wordenes. Man denkt
vor einer uralten Kult-
stätte zu stehen.

Zu wirkungsvoller
Gruppe vereinigt sind
in Skarzinnen bei

Evangelische Kirche in Barranowen. (Tafel 25.)



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Evangelische Kirche in Heidersbach.
(Tafel 27.)

Evangelische Kirche in Altenritte.
(Tafel 25.)

Evangelische Kirche mit Pfarrhaus
in Skarzinnen.

(Seite 25.)

Allenstein (Ostpreußen) Kirche und
Pfarrhaus; es muß eine Freude ge-
wesen sein, solche Anlagezu schaffen.

Es gehört zum Ganzen die
Mauer, es gehört dazu der große
Baum, der, wenn er nicht schon
dort stand, jetzt gepflanzt sein wird,
um späteren Geschlechtern das ge-
schaute Bild zu schaffen. Trefflich
kommt, im Innern wie am Äußern, der Turm zur Geltung, wie
er aus dem schlichten Dache herauswächst. Das Pfarrhaus
hat an der Seite des Kirchplatzes in der Färbung etwas, das
mit dem übrigen nicht ganz Zusammengehen will; aber Wind
und Wetter werden bald die wünschenswerteHarmonieherstellen.

Man denke sich den Kirchplatz und Friedhof bewachsen,
wie er nach zehn oder zwanzig Jahren sein wird! In dem Winkel
zwischen Kirche und Pfarrhaus den geschützten Zugang zum
Amtszim-
mer des
Seelsor-
gers: eine
unge-
suchte
und spre-
chende
Symbolik.

— Am
meisten
Architek-
tur zeigt die evangelische Kirche in
Neu-Kloster bei Buxtehude; ein
Backsteinbau, in strengen Linien lo-
gisch entwickelt. Es ist der ausge-
sprochene ernsteCharakterdes Küsten-
gebiets der Nordsee.

Ein freundliches Bild gibt die
katholische Kirche in Groß-Tuchen
in Hinterpommern. Eine an andrer
Stelle wiedergegebene Photographie
dieser Kirche, welch letztere seit zwei

Jahren fertiggestellt ist, zeigt, daß es wirklich eine reizvolle
Landschaft ist, in die sie hineinkomponiert werden durfte. In
dieser Landschaft und über sie hinweg wird der braune Turm
mit der grünen Haube ein nicht mehr zu missendes Wahr-
zeichen geworden sein.

Die Schöpfer der besprochenen Werke sind der Geheime
Oberbaurat Hoßfeld
und seine Mitarbeiter
Baurat R. Schulze,

Landbauinspektor
Kickton, Regierungs-
baumeister Slawski,

G. Güldenpfennig
und Caesar. DieAqua-
relle sind das Werk
des Landschaftsma-
lers Oenike.

Es ist dankenswert, daß diese Werke auf die Ausstellung
gebracht wurden. In ihrer schönen, schlichten und treuherzigen
Erscheinung gaben sie ein treffliches Bild, wie sich in unsern
Tagen der Staat die Pflege wahrhaft volkstümlicher Kunst an-
gelegen sein läßt.

Es ist ferner erfreulich, daß durch die vorliegende Ver-
öffentlichung die Werke
in weitere Kreise dringen
und aus ihrem hohen
künstlerischen Werte her-
aus dauernde Anregung
schaffen können.

Gr.-Lichterfelde,
im Dezember 1907.

Evangelische Kirche in Neu-Kloster. (Tafel 27.)

Ludwig Otte.

Katholische Kirche in Groß-Tuchen. (Seite 25.)

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