Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 27
DOI Heft: 10.11588/diglit.27776.7
DOI Seite: 10.11588/diglit.27776#0037
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1908/0037
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 4

Zierbrunnen.

Sa-Wls geht aufwärts mit unsrer Kunst. Deutlicher als ein-
zelne Kraftleistungen beweisen dies die kleinen Wetter-
Zeichen, die allerorts den nahen Frühling verkünden.
Wo wären noch vor wenig Jahren Brünnlein zu finden gewesen,
wie die hier abgebildeten? Wohl solche aus alter Zeit, irgendwo
versteckt auf dem winkligen Marktplatz einer verkehrsfernen
Landstadt, oder in einem verfallenden, efeuumwucherten Burg-
höfe; aber moderne?gewib nirgends! Heute stellen sich diekleinen,
anspruchslosen Werke schon wieder ebenbürtig neben die be-
moosten Zeugen vergangenen Kunstsinns. Ein paar Wochen
lang machen dann noch die Philister, die einen Brunnen ohne

gußeiserne Del-
phine und polierte
Granitbecken sich
einmal nicht vor-
stellen können,ihre
schlechten Witze
über das dumme
neumodische
Zeug, dann fängt
dieses an, ihnen
lieb zu werden und
unbemerkt auf
ihren Geschmack
segensreich einzu-
wirken.

Den hier vor-
geführten sechs
Beispielen ist nicht
nur gemeinsam die
naive Anspruchs-
losigkeit bei reifer
Formbeherr-
schung,— sie sind
vor allem auch
Vorbilder für eine
gute Aufstellung,
für welche das
Gefühl in der Pe-
riode der Schach-
brettstädte und Platzmittelpunkte so ganz verloren gegangen
war. Die beigefügten Situationsskizzen machen eine wort-
reiche Beschreibung überflüssig: das Tauchersche Brünnlein
schmiegt sich in die Ecke des Portalvorbaus der sogen.
»Kleinen Kirche in Karlsruhe, die ihrerseits etwas von der
Straßenflucht zurückgeschoben ist.

Die überraschende Wirkung ist
gleich erfreulich, ob man die gra-
ziöse Figur von der Kaiserstraße
oder von der Kreuzgasse herkom-
mend zuerst erblickt. Das Mauer-
werk der Kirche bildet einen
Hintergrund, [so vorteilhaft, wie
ihn auch der bestabgestimmte
Ausstellungsraum nicht zu bieten
vermöchte (Abb. 2).

Gauls Brunnen in Krefeld
schmückt den kleinen, in seiner
malerischen Anordnung aus alter

1. Brunnen am Rathaus in Löwenberg i. Schl.
Architekt: Professor Hans Poelzig, Breslau.

2. Brunnen bei der »Kleinen Kirche« in Karlsruhe.
Bildhauer: Konrad Taucher in Karlsruhe.

Karlsruhe •

A

0

1


Winkel an der rechten Seite des
Markts. Der Verkehr nach der
Ewertsstraße geht unbehindert an
ihm vorbei, und als wirkungsvoller
Hintergrund dient seinem mit liebe-
vollem Humor gestalteten Geflügel

eine schlichte echte Biedermeierfassade, mit der zusammen
Platz und Brunnen ebenso zu einem Bilde verschmelzen, wie
das Karlsruher Beispiel mit seiner Kirche (Abb. 3).

Volkstümlich kecker, urwüchsiger Humor vollends lacht
uns aus dem Till Eulenspiegelbrunnen von Arnold Kramer in
Dresden an. Das mußte ja auch so sein. Der Brunnen steht
auf dem Bäckerklint zu Braunschweig, ganz nahe bei dem Bäcker-


J>fA Mt M

I

Zeit wohler-
haltenen
Schwanen-
markt. Er
steht, von der
verkehrsrei-
chen Hoch-
straße aus ge-
rade noch
sichtbar, in
dem toten

mm$$JF

«rmiwiMw« mmmmmm

3. Brunnen in Krefeld.

27

Bildhauer: Aug. Gaul in Berlin-Grunewald.
loading ...