Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 31
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1908

ARCH1 TEKTONISCHE RUNDSCHA U

Heft 4

Stadtbefestigung.
Ein Gegenstück
zu dem schlanken
»oberen Turm«
bildet der wuch-
tige »untere
Turm«, von dem
die Sage erzählt,
daß er genau so
tief, wie er über
die Erde rage, im
Boden stehe.
Selbstverständlich
liegt dort unten
ein Schatz, den
noch niemand ge-
hoben, mit obli-
gatem bewachen-
dem Gespenst da-
bei. Im obersten
Stockwerk sind
noch in die Mauer
eingelassene Ei-
senstangen zur
Aufnahme einer
Feldschlange er-
halten. Interessant
sind die verschie-
denen Schieß-
scharten für Arm-
brüste und Feuer-
waffen.

Im Mittelpunkte
der Stadt liegt der

Marktplatz mit dem Rathaus im Renaissancestil und dem gotischen Kauf-
haus. Wie malerisch der Markteingang wirkte, zeigt Abbildung 10, leider
fiel diese reizvolle Häusergruppe im Juli 1904 einem verheerenden Brande
zum Opfer. Was mag hier erstehen, was an Stelle der beiden Häuser,
die auf Abbildung 8 zu sehen sind? Beide sind dem Abbruch geweiht.

In die beiden andern Städtchen führen uns die übrigen Bilder. Sie
geben uns einige Beispiele der vielen Erker, die jedem Wanderer im Elsaß
auffallen, da in manchen Orten, besonders im Oberelsaß, so ziemlich jedes
Haus einen solchen besitzt. In den größeren Städten wie in Straßburg, Colmar
und Schlettstadt findet man viele in reinem Stil ausgeführt, bekannt ist ja der
reiche Renaissanceerker am Polizeipräsidium zu Colmar, ln den kleineren
Orten sind sie oft sehr willkürlich, in der Anordnung sowohl wie
im Stil.

Einen Erker aus Kaysersberg zeigt uns Abbildung 2. Er befindet sich
am ältesten Hause daselbst, das im Erdgeschoß noch ganz romanische
Formen aufweist. Kühn und ohne anstrebende Stützen springt der ge-
räumige Erker aus der Ecke heraus, die Einfahrt fast wie zur Verteidigung
überdeckend. Seine paarweise angeordneten Fensterchen sind noch klein
im Verhältnis zur Gesamtfläche. Wie im Laufe der Jahrhunderte die
Fensterfläche immer mehr gewachsen ist, zeigen die übrigen Erker.
Ist es ein Wunder, wenn der ganze Straßenzug durch solch ein stark
hinausspringendes Gebilde ein eigenartiges Gepräge erhält? Wer
würde heutzutage die nötige Unbefangenheit besitzen, etwas Der-
artiges zu wagen ? Und wie traulich muß die Raumwirkung der Stuben

sein, in deren
einspringenden
Winkel sich der Er-
ker (Abbildung 1)
einschmiegt, der in
seiner überaus reiz-
vollen Eigenart, mit
dem unregelmäßi-
gen Grundriß und
dem hochanstre-
benden Spitzdach
eindringlich dartut,
daß auch im
18. Jahrhundert die
alte volkstümliche
Überlieferung noch
in voller Kraft wirk-
sam war.

Und was für ma-
lerische Motive ha-
bensich in den klei-
neren Orten des
Oberelsaß erhalten!
Das beweist der
Renaissancebrun-
nen am Dolter zu
Reichenweier
(dem alten Doppel-
tor gegen Hona-
weier) ebensowohl
wie der Marktbrun-
nen zu Tiirkheim
und der stattliche
Hof in Ammersch-
weier mit seinem
Laubengang!

O. Becker.

8. Zwei Häuser in Ammerschweier.

Beschreibung der Abbildungen.

Tafel 25 — 27. Evangelische Kirchen in Altenritte, Bar-
ranowen, Stendsitz, Silz-Hauland, Neu-Kloster und Heidersbach.
Kgl. Preußisches Ministerium der öffentlichen Arbeiten. Hochbau-
abteilung. Oberleitung: Geh. Ober-
baurat Hoßfeld. (Von der Großen
Berliner Kunstausstellung 1907.)

Zum Artikel auf Seite 25.

Tafel 28 u. 29. Landhäuser
von Professsor Richard Berndl
in München.

Das Jagdhaus des Grafen A.
ist zur größeren Bequemlichkeit für die
großen Jagden im Jagdrevier selber er-
richtet. Ein Vorhof zur zeitweiligen Un-
terbringung der Hunde ist angeordnet.

Das Haus enthält einen großen Speise-
saal und eine Reihe von Schlafräumen
für die Jagdgäste. Das Dach ist mit ge-
dämpften grauen Ziegeln eingedeckt und
von einem Dachreiter bekrönt, der zu-
gleich Glockenturm ist, um den ver-
späteten oder verirrten Jagdgästen durch
Läuten ein Zeichen geben zu können.

Landhaus G. in Wolfratshauseu. . ~ . . ,_, . ..

Bei dem stark hügeligen Gelände wurde

versucht, das am Abhange des Berges zu erbauende Haus fest in die Land-
schaft einzufügen; daher die Terrassenanlagen gegen das Tal und gegen die
heraufführende Straße. Auch die Gartenanlage wurde in zwei Terrassen ge-
teilt, um die Erdmassen leichter verteilen zu können. Das Dach ist mit hell-
grauen, gedämpften Ziegeln eingedeckt, der Putz weiß. Das Haus enthält
außer dem Atelier fünf Zimmer, Küche und Bad, deren Verteilung aus
dem Grundriß ersichtlich ist.

Das Landhaus W. in Starnberg erhebt sich auf dem vielleicht
aussichtreichsten Punkt der Hügel des Starnberger Sees, zwischen Mühltal
und Starnberg neben einem kleinen Buchenwäldchen mit mächtigen Bäumen.
Das Gelände fällt stark ab. Das Haus enthält fünf Zimmer, Küche und Bad.
Gegen den See zu ist eine offene Vorhalle mit Terrasse angeordnet, die
gegen Westen durch den vorgezogenen Gebäudeflügel geschützt sind.

Landhaus Fugei in Solln. Diebeiden zusammengehörigen Land-
häuser Fugei und Muth in Solln sind zu einer einheitlichen Gruppe zu-
sammengezogen. Bei beiden Häusern ist aus den Bedürfnissen der Bauherren
heraus die Grundrißanlage entwickelt. Es ist auf eine hübsche Ausgestaltung
der Treppenhäuser das Hauptaugenmerk gerichtet worden, da für die übrige
Ausstattung kein großer Aufwand gemacht werden konnte. Beide Häuser
sind in hellem Putzbau mit roten Ziegeldächern hergestellt.

Das Landhaus C. in Seefeld wird an dem herrlich gelegenen Pilsen-
see bei Seefeld erbaut, der von hohen Hügeln eingeschlossen ist. Es ent-
hält außer einer Reihe von Zimmern gegen Osten eine offene Vorhalle
zum Garten und im Dachraum einen größeren Musikraum. Die Außen-
seiten werden in weißem Rauhputz hergestellt, das Dach mit roten Biber-
schwänzen eingedeckt. Berndl.

7. Hof in Ammerschweier.

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