Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 36
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 5

Abb. 2. Schlößchen Alt-Richmond bei Braunschweig. Architekt: Karl Christoph

zielung eines günstigeren Vergleichsmaßstabes, wie ihn z. B.
die alten Dome in den zierlichen Galerieen der Kreuzgänge,

in den kleineren
Friedhofkapel-
len daneben und
in den beschei-
denen Häusern
der nächsten
Nachbarschaft
besaßen.

In dem Wett-
bewerb um die
Wiederbebau-
ung des Mün-
sterplatzes in
Ulm*), den man
im 19. Jahrhun-
dert durch die
verhängnisvolle
»Freilegung«
gänzlich maß-
stablosgemacht
und verödet hat,
zeigtdermitdem
dritten Preisaus-
gezeichnete Ent-
wurf ebenfalls solche symmetrische Vorhofanlage mit Arkaden.
Ungezwungener schmiegen sich den vorhandenen Straßenzügen
die mit dem ersten und zweiten Preise gekrönten Entwürfe an.
Dadurch ergibt sich in scheinbar selbstverständlicher Weise
der künstlerische Vorteil einer Schrägstellung des Zuganges zu
dem vorhofähnlichen Münsterplatze, wodurch für den Ein-
tretenden eine körperlichere Wirkung des über Eck gesehenen
Turmes und ein stärkerer Kontrast von monumentaler Architektur
des Gotteshauses und von bescheidener Bauweise der umliegen-
den Bürgerhäuser erzielt wird. Um noch ein eigenartiges Bei-
spiel von der
Schrägstellung
eines Bauwer-
kes gegenüber
dem Zugänge
zu geben, sei auf
das anmutige,
bescheidene Ba-

Wilhelm Fleischer (1769).

SSre/fp Strasse
mit dem , Vföfaintjet
in 'jßraunscjjwe'uj.

Abb. 6.

*) Veröffentlicht
in der »Süddeut-
schen Bauzeitung
1906, Nr. 50 ff., und
in einem Sonder-
heft der »Bauzei-
tung für Württem-
berg, Baden, Hes-
sen, Elsaß-Lothrin-
gen« 1906, Nr. 43.
Vergl. auch Deut-
sche Bauzeitung«
1906, Nr. 45 ff.

rockschlößchen Alt-Richmond bei Braun-
schweig (Abb. 2 u. 3) hingewiesen, das
Karl Christoph Wilhelm Fleischer für die
Herzogin Augusta 1769 erbaute. Durch
die Übereckstellung tritt der Bau mit seinen
beiden in Licht und Schatten kontrastie-
renden Seitenflächen dem Eintretenden
möglichst körperlich entgegen. Die vor-
gelegten Rundbauten und die Abrundun-
gen der zwei andern Gebäudeecken mil-
dern den sonst wohl etwas zu scharfen
Eindruck der mit der Kante vorspringen-
den Vierecksmasse des Kerns.

Vielleicht wurde die Schrägstellung
des Baues deshalb so gewählt, damit
man von dem westlichen runden Garten-
saale aus einen möglichst freien Blick er-
hielt über die etwa 10 m tiefer liegenden
weiten Wiesengründe jenseits der Oker, die am Fuße des Parkes
entlang fließt. Der in die Mitte des Baues gelegte Speisesaal
mußte sehr hoch gezogen werden, um noch hohes Seitenlicht
durch einen Aufbau über dem Hauptdache zu erhalten, war
aber dadurch im Sommer angenehm kühl*).

Als ein schönes Gegenstück in klassizistischer Auffassung
kann die 1805 von Peter Josef Krähe für einen Kaufmann Krause
erbaute Villa Holland in Braunschweig gelten (Abb. 4 u. 5).

Die zu beiden Seiten dem Hauptgebäude vorgelagerten
niedrigen, mit Halbsäulenarkaden geschmückten Stall- und
Remisenbauten schließen symmetrisch einen Vorhof ein, welcher
mit den monumentalen Torpfeilern und Eisengittern einen
äußerst vornehmen, beinahe fürstlichen Eindruck macht. Es
ist erstaunlich, mit wie einfachen architektonischen Mitteln
dieser Eindruck erzielt ist. Man beachte das vollkommene
Verzichten auf Umrahmungsprofile an den Fenstern der Villa,
was dem Charakter des Verputzbaues auf das Beste entspricht.
Um so wirkungsvoller kommt dadurch der sparsam angebrachte
Schmuck zur Geltung.

*) Ausführlicheres über dieses anziehende Bauwerk findet sich in Die
Denkmalpflege«, VIII. Jahrgang 1906, No. 13.

Abb. 7. Der Flohwinkel in Braunschweig.

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