Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 37
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 5

Bei Aneinanderreihung einer größeren Zahl von Häusern
an einer Straße ergeben sich mannigfaltige Wechselwirkungen
von Zugangsrichtung und Stellung der Bauten, in günstiger oder
ungünstiger Weise, je nachdem. In den älteren deutschen
Städten und Städtchen begegnen wir nicht selten in schräg-
geführten Straßen einer treppenförmigen Absetzung der ein-
zelnen Häuser. Ein schönes Beispiel der Art bietet der viel-
leicht wegen der mehrfachen einspringenden Winkel so ge-
nannte »Flohwinkel« in Braunschweig (Abb. 6 u. 7). Aus
dem Plane (Abb. 6) ist deutlich der günstige Einfluß zu
ersehen, welchen die Abtreppung auf die körperliche Erschei-
nung der einzelnen Häuser ausübt. Der praktische Vorteil
einer an der Vorsprungseite möglichen Fensteranordnung und
eines Vorplatzes in dem einspringenden Winkel tritt in Ab-
bildung 7 augenfällig zu Tage. Vielleicht haben die Vorzüge
solcher Abtreppung den Architekten Henard veranlaßt, für die
künftige Bebauung der äußersten Boulevards von Paris »Säge-
straßen« (Boulevards ä redans triangulaires) (siehe Abb. 8) vor-
zuschlagen. Man könnte diese Anordnung als einen in das
Akademische und Schematische übersetzten und ausgedehnten
»Flohwinkel« bezeichnen. Die Abmessungen sind dabei aller-
dings so groß gedacht, daß in den vorplatzartigen einspringen-
den Dreiecken Bäume stehen können.

In seinem anderen Vorschläge der »Zahnstraße« (Boule-
vard ä redans, Abb. 9) zielt Henard ebenfalls auf eine günstigere
Wechselwirkung von Bauwerk und Zugang ab. Wer die bis-
her üblichen neueren Straßen von Paris mit ihren langen ge-
radlinigen Häuserreihen von fast gleicher Hauptgesimshöhe
kennt, der wird verstehen, wie Henard durch diese Monotonie
zu seinen Verbesserungsvorschlägen sich veranlaßt gefühlt hat.
Man erinnere sich nur der. »berühmten« Avenue de l’opera, je-
ner zu Garniers
prunkvollem
Bau der Gro-
ßen Oper füh-
renden Haupt-
zugangsstraße,
die gerade in
deren Haupt-
achse angelegt
ist, in einer
Länge von bei-
nahe einem
Kilometer, in
stets gleichblei-
bender Straßen-
breite und mit
fast gleichmäßi-
ger Höhe der

Abb. 5.

Häuser. So behält man also aus großer Ferne als point de
vue immer dasselbe Bild und dieselbe Umrahmung vor Augen;
das wirkt auf die Dauer nicht kurzweilig, sondern ermüdend
und wir sind nicht erfreut, erst nach endloser Wanderung,
ohne eine Abwechslung des Straßenbildes, das Ziel zu erreichen,
welches wir schon so lange vor Augen hatten. Kürzere gerad-
linige Straßen, die auf ein schönes Bauwerk zuführen, können
dagegen ein sehr gutes, in sich geschlossenes Bild ergeben.

Es darf als eine große Errungenschaft des letzten Jahr-
zehntes angesehen werden, daß den ästhetischen Fragen des
Städtebaues ein erhöhtes allgemeines Interesse entgegengebracht
wird. Kommt es doch für die Wirkung eines Bauwerkes in
erster Linie darauf an, wie es zu seiner Nachbarschaft steht
und stimmt und welche Stellung der Beschauer dem Bauwerke
gegenüber einnehmen kann. Für den schaffenden Architekten
wird es stets die erste Pflicht bleiben, auch in diesen Fragen
zunächst die praktischen Bedürf-
nisse fest ins Auge zu fassen, und
die Stellung von Zugang, Bauwerk
und Umgebung möglichst aus der
Eigenart der Aufgaben heraus zu
entwickeln und den gegebenen ört-
lichen Verhältnissen anzupassen.

Nicht in willkürlicher Laune wird
der tüchtige Baukünstler einer un-
motivierten malerischen Wirkung
zuliebe die Straßenführungen und
Platzanlagen planen. Trotzdem wird
er — sofern er ein voller Künstler ist — das Zweckmäßige
mit dem Schönen zu verbinden suchen. Durch verstandes-
mäßige Arbeit allein lassen sich die großen Fragen des Städte-
baues nicht befriedigend lösen. Und daß die künstlerische
Empfindung einer sonst guten Lösung keinen Abbruch tut,
sondern im Gegenteil sie zu steigern vermag, das haben neuer-
dings die Arbeiten von Theodor Fischer, Henrici, Pützer u. a.
bewiesen.

Deshalb ist es unerläßliche Pflicht des schaffenden Archi-
tekten, neben dem Studium der technischen Grundlagen die
künstlerische Phantasie nicht verkümmern zu lassen, sondern
sie in gesunder Weise zur höchsten Entfaltung zu bringen.
Wirkliche Kunst wird vor unvernünftigen Künsteleien, aber
auch vor kurzsichtiger Philisterei bewahren.

Fehler, die im Städtebau gemacht werden, lassen sich
nachträglich nicht mehr mit dem Gummi wegradieren.

Es ist erstaunlich, mit welch feinem Takt und künstlerischem
Empfinden unsre Altvordern in den meisten Fällen das Richtige
trafen. Es sei hier nochmals (vergl.Jahrg. 1907, Heft3, Abb.8 u.9)
kurz hingewiesen auf die in älteren Städten so häufig gewählte
Stellung von Kirchen und öffentlichen Gebäuden in der Ecke

Abb.8.

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