Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 38
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 5

von Plätzen; als irgend ein Beispiel der Art diene Abbildung 10.
Wer Pläne zu »lesen« versteht, der wird ohne weiteres die
praktischen und künstlerischen Vorzüge erkennen, welche diese
Anordnung vor der in Abbildung 11 angedeuteten schemati-
schen Reißbrettlösung besitzt.

Welche Fülle interessanter Gesichtspunkte ergibt sich ferner
durch das Studium der Beziehungen zwischen den natürlichen

Richtungen der gro-
ßen Handelswege des
Mittelalters und den
Hauptstraßenführun-
gen unsrer alten Städte
wie Braunschweig,
Hannover, Leipzig, Re-
gensburg u.s.w. Oder
durch das Studium der Beziehungen zwischen Stadtplan und
sozialen Verhältnissen! Aber stets begegnen wir in den alten
Anlagen einer gesunden Natürlichkeit und Sachlichkeit der
Lösungen und gleichzeitig einem starken Schönheitsgefühl,
einem aus idealem Lokalpatriotismus entsprungenen Schön-
heitsbedürfnis.

Es wäre deshalb zu wünschen, daß bei den Aufnahmen
und Veröffentlichungen älterer und neuerer Bauwerke nicht
nur der Bau und seine Einzelformen, sondern auch stets die

Abb. 10.

Abb. 11.

Aites Wohnhaus in Bamberg.

Architekt unbekannt.

nähere und weitere Umgebung mit dargestellt würde in aus-
gedehnteren Lageplänen, Terrainschnitten mit Höhenangaben
und dergleichen Notwendigkeiten, welche in den bisherigen
Monographien von Bauten fast durchweg fehlen, welche aber
gerade für den entwerfenden Architekten von größter Be-
deutung sind. Das Übermaß von Veröffentlichungen schöner
architektonischer Einzelformen und der Mangel an Hinweisen
auf die Gesamtgestaltung von Straßen- und Platzgruppierungen
ist wohl nicht ohne schädlichen Einfluß gewesen bei der Ver-
häßlichung unsrer Städte. Wir dürfen freilich auch nicht ver-
gessen, daß in den letzten fünfzig Jahren unsre meisten Städte
so fabelhaft rasch anwuchsen, daß neben den enormen Einzel-
anforderungen kaum an ein künstlerisches Durcharbeiten der
Stadterweiterungspläne gedacht werden konnte.

Möchten deshalb in unseren Tagen alle berufenen Kräfte
sich zusammenschließen in dem Bestreben, unsere neuen Stadt-
anlagen wieder zu dem zu gestalten, was die alten Städte-
bilder uns vor Augen führen, zu einem harmonischen Kunst-
werk, welches der Mit- und Nachwelt eine erhöhte Daseins-
freude, einen dauernden veredelnden Genuß bereitet!

Die Fragen des Städtebaues gehören zu den komplizier-
testen und schwierigsten, welche an den Architekten heran-
treten. Um so wichtiger ist es, daß er von den verschiedensten
Seiten aus sie betrachten lernt im Hinblick auf verkehrstech-
nische, soziale, wirtschaftliche, gesundheitliche, aber auch
ästhetische Gesichtspunkte. Obwohl nun immer wieder das
Studium der Wirklichkeit in erste Linie gerückt werden muß,
so mag hier doch der Hinweis gestattet sein auf einige Ver-
öffentlichungen, welche zu weiteren Studien auf diesem Ge-
biete dienen können:

C. Sitte, »Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen . Wien
1889.

K. Hocheder, »Baukunst und Bildwirkung . München 1903, Südd. Ver-
lagsanstalt.

Buls, »Ästhetik der Städte . Übersetzung von Ph. Schäfer. Gießen 1898.
Stübben, »DerStädtebau«. Handbuch der Architektur IV, 9. 1890. 2. Auf-
lage 1906.

»Der Städtebau«, Monatsschrift für die künstlerische Ausgestaltung der
Städte nach ihren wirtschaftlichen, gesundheitlichen und sozialen
Grundsätzen. Berlin, seit 1904. E. Wasmuth.

C. Gurlitt, »Über Baukunst« (bei Julius Bard, Berlin; aus Muther, »Die
Kunst«),

Schultze-Naumburg, Kulturarbeiten IV, Städtebau. München 1907.
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Dresdener Neubauten.

Die Feuerwache der Vorstadt Strießen.

Die gewaltige Ausdehnung der Stadt nach allen Seiten und die Ein-
gemeindung der Vororte haben natürlich auch für das städtische Hoch-
bauamt eine Reihe bedeutenderer Aufgaben gebracht. So sind in letzter
Zeit für die Strießen-Blasewitzer Vorstadt eine große Bezirks-Doppelschule,
ein Gymnasium und eine Feuerwache gebaut worden, die als bezeichnende
Beispiele für die erfreuliche künstlerische Tätigkeit des Hochbauamts unter
Leitung des neuen Stadtbaurats Hans Erlwein gelten dürfen.

Die 27. Bezirks schule ist auf _L-förmigem Grundriß als zweibündige
Anlage mit nach rückwärts zwischen die Schulhöfe ausspringendem ein-
bündigem Mittelflügel in die Häuserreihe der Haydnstraße, einer mäßig
breiten Wohnstraße, eingebaut. Bot hier die künstlerische Gliederung der
langen und hohen, mit ihrem Fensterreichtum auf ein vielleicht allzu reich-
liches Bauprogramm hindeutenden Vorderfront nicht unerhebliche Schwierig-
keiten, so ergab auf der Rückseite der Mittelflügel mit der aus der Flucht
des Hauptbaues vortretenden, mit einer Terrasse bekrönten Turnhalle eine
gefällige Gliederung des Aufbaus. Die Fassaden sind in farbig behandeltem
Putzbau mit hellen Lisenen und tiefgelben Feldern ausgeführt. An der
Vorderfront sind der Mittelrisalit und die beiden Portale durch plastischen
Schmuck mit sinnigen figürlichen Darstellungen von Prof. Ernst Hottenroth
betont. Im Innern ist der Flur mit dem in die Halle des Flügelanbaus
gelegten Treppenhause der Knabenabteilung wirkungsvoll gestaltet und da
sowohl, wie in sämtlichen Räumen, durch gediegene, aber durchaus einfache
Ausstattung und durch ansprechende Farbengebung eine warme und be-
hagliche Stimmung erreicht, wie es für einen mit möglichster Einschränkung
der Kosten durchzuführenden Volksschulbau wünschenswert erscheint.

Besonders erfreulich ist die künstlerisch-zweckmäßige Ausstattung der
Feuerwache an der Schlüterstraße in Strießen, die für das weite
Vörstadtgebiet von Strießen, Gruna, Seidnitz und Strehlen und einen Teil
der Johannstadt bestimmt ist.

Die Wache ist als Vierfahrzeugwache besetzt. Die Pferdestände sind
zwischen den vier Ausfahrten unmittelbar an der Straße, die Fahrzeug-
halle dahinter und die Mannschafts-Tages- und Schlafräume darüber im
Obergeschoß angeordnet und mit der Fahrzeughalle durch Rutschstangen
verbunden. Bei Feueralarm öffnen sich selbsttätig zunächst die als Schiebe-
türen konstruierten Verbindungstore zwischen der Fahrzeughalle und dem

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