Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 45
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 6



schon genannten
Gebäuden der Koh-
lenhof (Ri) und
ein Werkstättenge-
bäude (T).

So ist die An-
ordnung klar und
übersichtlich, der
Verkehr geschickt
getrennt und ver-
teilt und die Bebau-
ung möglichst weit-
räumig mit vollster
Luft- und Lichtfrei-
heit. Die Frage, ob
die Kranken der
Das Rudolf Virchow-Krankenhaus. innern, der chirur-

Detail vom Treppengeländer eines Pavillons. gischen und der

Infektionsabteilung in einer kleineren Anzahl mehrstöckiger oder in einer
größeren Anzahl im wesentlichen einstöckiger Gebäude untergebracht werden
sollten, hat die städtische Krankenhausdeputation lange Zeit sehr eingehend
beschäftigt. Vor allem betonte Rudolf Virchow die Vorzüge der Ausführung
einer großem Anzahl voneinander getrennter eingeschossiger Kranken-
pavillons und setzte diese Trennung auch für die chirurgische Abteilung durch.

Die Krankenräume liegen sämtlich nach der Sonnenseite. Die größeren
Krankensäle haben durchweg zweiseitige Beleuchtung. Die Zufuhr von
Dampf und Warmwasser und von elektrischem Strom für Licht- und Kraft-
zwecke (Krankenaufzüge in den mehrgeschossigen Gebäuden) erfolgt vom
Maschinen- und Kesselhaus. Die Heizung ist Warmwasserheizung, die
Lüftung geschieht durch Druck- und Sauganlage. Das Wasser wird aus
eigenen Brunnen entnommen und enteisent und filtriert.

Die Architektur ist in schlichten Barockformen gehalten. Geschickte
Gruppierung und reizvolle Umrißlinien geben die Wirkung. Unruhige
Formen, stark bewegte Gliederungen und lebhafter Farbenwechsel in den
Flächen sind grundsätzlich vermieden. Dafür sind, wie unsre Beispiele

Das Rudolf Virchow-Krankenhaus.

Detail vom Treppengeländer eines Pavillons.

zeigen, wo es an-
gebracht schien,
bescheidene, aber
mit erlesenem Ge-
schmack und siche-
rem Gefühl für
das Empfinden der
Kranken gewählte
Schmuckformen
angebracht, kleine
anmutige Reliefs,
köstlich naive Git-
terfiguren und
harmlos lustigeMa-
lereien. Durch ge-
schickte Bepflan-
zung des ganzen
Geländes ist der
Eindruck überaus

freundlich gestaltet. Da die Krankenräume meist zu ebener Erde liegen,
können die Kranken leicht ins Freie gelangen. Jeder Krankenpavillon hat
an den Langseiten offene Liegeplätze, die durch Hecken von den Ver-
kehrswegen genügend abgeschlossen sind. Da alle Pavillons der chirur-
gischen und der Abteilung für innere Krankheiten an der breiten Haupt-
allee hegen, können ihre Insassen sich auf den schattigen Wegen längs
der mit Blumenbeeten geschmückten Rasenfläche ergehen und auf den
dort aufgestellten Bänken ruhen. Für Genesende bietet die schöne Park-
anlage auf der Südwestseite Gelegenheit zu längerem Aufenthalt im Freien
und zu größeren Spaziergängen. Außerdem sind inmitten des großen
Hauptgebäudes ein Schmuckgarten von 50 zu 100 m Fläche und innerhalb
der Abteilung für ansteckende Krankheiten besondere Gartenanlagen ge-
schaffen.

Der Bau ist am 6. Mai 1899 begonnen und am 1. September 1906
vollendet.

Die Gesamtkosten betragen für die Bauten und die sehr umfangreichen
Geländearbeiten 16 323 000 Mk., für das Inventar 2745000 Mk., zusammen
19068000 Mk. oder 8162 Mk. Baukosten und 1372 Mk. Inventarkosten für
1 Bett. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Kosten erheblich gesteigert
sind durch die völlig selbständigen Einrichtungen für den Betrieb (Maschinen-
und Kesselhaus, Wasserversorgung, Desinfektions- und Verbrennungs-
anstalt, die Eisbereitungsanlage, die auch die übrigen städtischen Kranken-
häuser versorgt), wie für die Krankenbehandlung und wissenschaftliche
Forschung (Operationshaus, Röntgenhaus, anatomisch-pathologisches In-
stitut, Badehaus
mit mediko-me-
chanischem In-
stitut, Apotheke),
schließlich durch
die Wohnge-
bäude der Di-
rektoren , Ärzte,
Beamten und
Schwestern, die
Kapelle, den
großen Park
u. s. w. Für die
einzelnen Pavil-
lons, die an Um-
fang und Ein-
richtung einem

Das Rudolf Virchow-Krankenhaus. Kreiskranken-

Detail vom Treppengeländer eines Pavillons.

viviv


Das Rudolf Virchow-Krankenhaus. — Tür eines Krankensaales.

haus entsprechen, stellen sich die Kosten auf 185000 Mk., also bei 46 (vorhan-
denen) Betten auf 4022 Mk., bei 56 (zulässigen) auf 3304 Mk. — Für das
vor 35 Jahren bei erheblich niedrigeren Baupreisen errichtete städtische
Krankenhaus am Friedrichshain betrugen die Kosten für 1 Bett 7535 Mk.

Die Irrenanstalt in Buch.

Für die im weiteren Umkreise von Berlin gelegene Irrenanstalt
in Buch hat die Zusammenfassung in größere Gebäude (für bis zu
175 Kranke) gewählt werden müssen, da eine Auflösung der Pflegehäuser
in zahlreiche kleinere Gebäude, die der Anstalt den freundlicheren Charakter
einer Villenkolonie gegeben hätte, bei der Zahl der unterzubringenden
Kranken die einheitliche Leitung und Betriebsführung unmöglich gemacht
haben würde.

Um so schwieriger war es, der Anlage trotz der notwendigen Abge-
schlossenheit das Unfreundliche, an den unfreiwilligen Aufenthalt der Kran-
ken Gemahnende zu nehmen und sie nach außen wie im Innern als einen
friedlichen und "wohnlichen Aufenthaltsort, als die Stätte menschenfreund-

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Das Rudolf Virchow-Krankenhaus.
Tür eines Krankensaales.

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