Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 49
DOI Heft: 10.11588/diglit.27776.10
DOI Seite: 10.11588/diglit.27776#0059
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1908/0059
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 7

Aufnahmen aus der Bretagne.

Von George Lefort, Diplom-Architekt.

Hierzu 24 Federzeichnungen.

= u' ni —


die Bretagne führt unsre
Fahrt, in die drei bretonisch
sprechenden Departements
Finistere, Cotes-du-Nord und Morbihan
auf der Nordwestspitze Frankreichs, in
ein Land, dessen Granitboden Eichen-
wälder bedecken.

Schlechte Verkehrswege, eine andre
Sprache und die Abgeschlossenheit des
keltischen Gebiets boten eben-
. soviele Bollwerke, an denen
fremder Einfluß und fremde
Gedanken sich brachen. Die
stumme Sprache seiner Denk-
mäler beweist uns das deut-
lich auf Schritt und Tritt.

Weit entfernt sind wir hier
von den großen Schulen archi-
tektonischer Kunst, die in der
öiberg zu Quiiinen (Fmistere). Normandie, in der Champagne

und der Picardie zu so reicher Blüte sich entfalteten, noch
weiter von dem, was man als Stil zu bezeichnen pflegt. Und
ebensogroß ist die Unsicherheit, wenn wir, an-
gezogen durch den Reiz einer Gruppierung, ge-
fesselt von den zierlichen Verhältnissen einer
Tür, der merkwürdigen Anlage eines Altars oder
der Kühnheit einer Turmspitze, versuchen, für
die Baugeschichte eine sichere Zeitbestimmung
zu gewinnen.

Nach den beiden schönen und formen-
reinen Kathedralen von Quimper
und St. Pol-de-Leon gibt es durch
das ganze Land nur gleichsam
eine Nachlese und erst aus dieser
Ausbeute gewinnen wir bestimm-
teren Anhalt.

Überall ist der Granit das
Material, wie der Baugrund, auf

dem alles steht. Bald ist er hart Kirche und Ölberg zu Confors (Finistere).


wie Metall (der von Kersanton) und läßt sich zu dem reichsten
Bildwerk verarbeiten, zu feinem Spitzenwerk ausschneiden und
gestattet so zarte Reliefdarstellungen, wie die an der Vorhalle
der Kirche von Ploermel. Bald zeigt
er — und das ist das häufigere —
lockeres, bröckligeres Gefüge, das
nur gröbere, gleichsam nur ange-
deutete oder abgenutzte Profile
zuläßt, die für die bretonische Ar-
chitektur so bezeichnend sind.

Aber gleichviel, ob hart oder
weich, überall hat er sich bald
unter dem feuchten Hauche des
Seewinds in ein Gewand von
Moos und Flechten gehüllt, das
ihm schnell die Patina älterer Bau-
denkmäler verleiht, doch zugleich
die Bestimmung der Erbauungs-
zeit unsicherer macht.

Wenn nun auch, genau ge-
nommen, keine genügend scharfe
Unterscheidung nach den Stil-
formen der verschiedenen Zeiten möglich ist,
so kann man doch bei vielen Bauwerken die
Einflüsse feststellen, welche die Erfindung der
sie entwerfenden Künstler leiteten. Es
scheint, daß die Künstler hier, fern von
dem Einfluß der Kritik, in ruhiger Abge-
schlossenheit, ihrem Stift und der Phan-
tasie freien Lauf gelassen haben, indem
sie von dem anderswo empfangenen star-
ken Eindrücke nur eine Erinnerung be-
wahrten. Das widerspenstige Material
zwang sie, diese Erinnerungen in eine
andre Ausdrucksweise zu
übertragen: das Ergebnis ist
reizvoll und überraschend.

Nach allen Richtungen
hat brünstige und aufrichtige

Brunnen im Kirchhof zu Loguivy-Plougras
(Cotes-du-Nord).

— r-r CD»


49
loading ...