Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 7

Frömmigkeit von Kirchturm zu Kirchturm den Weg bezeichnet
durch Ölberge, Kapellen, geweihte Brunnen, denen sie Wunder-
kraft zuschrieb. Dorthin strömte zu bestimmten Tagen der
Schwarm der Pilger und bald wuchs aus dem Boden eine Kirche,
sie aufzunehmen. So entstanden in jetzt kleinen und weltver-
gessenen Flecken gewaltige Bauten wie in Guimillau, Fampaul,
Sizun.

Woher kamen nun die Künstler, welche sie schufen?
Ihre Namen sind mit ihnen vergangen. Der erweckende Flauch
der Renaissance ist bis hierher gedrungen, aber auf dem Weg
über Spanien; so zeigt der Eingang des Friedhofs von Saint-
Thegonnec einen verschwenderischen Reichtum an Details, an
Kugelaufsätzen, der ganz kastilianisch ist, während in Pleyben
der reiche Sakristeianbau mit seinen gehäuften Kuppeln und
Kuppelchen an den Orient erinnert.

Brunnen, Beinhäuser, kleine Kapellen, Außenkanzeln, all das
Kleinwerk der großen kirchlichen Architektur ist hier mit wahrhaft
überraschender Freiheit und Mannigfaltigkeit der Erfindung be-
handelt, die mit ihrer Gedankenfülle unwillkürlich an unsre

Skizzen und Stu-
dienblätter erin-
nern.

Die Profan-
bauten — leider
sind nur wenige
Beispiele erhal-
ten, da die mei-
sten im Lauf
der Jahrhunderte
durch ihre je-
weiligen Besitzer
verunstaltet,
wenn nicht zer-
stört wurden
waren, wie das
Eingangstor von
Guernachannay
beweist, mit der-
selben künstleri-
schen Freiheit
entworfen. Von
den
zahl-
rei-
chen

unbedeutenden
Burgen sind nur
verstümmelte

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Brunnen Unsrer lieben Frau von
Drenec zu Benodet (Morbihan).

Trümmer
vorhanden,
die heute
als Scheu-
nen dienen.

So können
wir auf ihr
Aussehen
nur schlie-
ßen nach

den Kir- Kirche von St. Servais (Cotes-du-Nord).

chen, von

denen sie häufig ihre Architekturmotive entlehnten. Und die
sind im Überfluß vorhanden: jedes Dorf umschließt seine ganz
eigenartige. Das ist der überraschende Reiz, den es bietet, das
Land auf der Suche nach ihnen abzustreifen. Wie auf einer
Wanderung durch Umbrien erleben wir da, abgesehen von zu-
fälligen Hindernissen, selten eine Enttäuschung. Aber während
in Umbrien die Gotteshäuser oft unter elendem Dach hervor-
ragende Schätze bergen, umschließt in der Bretagne der reiz-
volle Granitbau nur ein armseliges Innere.

Niedrige Mauern, durch Widerlager gestützt, große Giebel,
ungeschickte Holzgewölbe, um die Räume durch große Dächer
zu überdecken, das sind die konstruktiven Eigentümlichkeiten,
die den Bauten der Bretagne die eigene Wirkung verleihen.

Zudem zwingt der von der offenen See herwehende Sturm dazu,
das aufragende Dach fest mit dem Boden zu verankern und ver-
bietet Aufbauten, die ihm Angriffsflächen gewähren. Und zum
Schutz gegen das regnerische Klima, das jedes andre Material,
das weniger widerstandsfähig ist als Granit, bald zernagen würde,
muß das Dach stark gegen den Boden herabgezogen werden.

Das sind die praktischen Nutzanwendungen, welche wir
von diesen Bauten ablesen. Sie entsprechen den gebieterischen
Anforderungen eines rauhen Klimas, und die Meister, welche
sie schufen, wußten ihnen gleichwohl all den Reiz zu verleihen,
der uns noch heut umstrickt.

So mögen diese wenigen Zeilen und Skizzen die Künstler
auf die Überlieferung dieses Landes hinweisen als auf eine
schätzbare
Quelle der
Anregung
und sie von
neuem da-
ran erin-
nern, daß
die Art des
vorhande-
nen Mate-
rials und
besondere
klimatische
Verhält-
nisse dem
Architekten
gewisse
Vorbedin-
gungen
auferlegen
für sein
Schaffen.

<&> <$> <$> Knochenhaus im Kirchhof von St. Jean-du-Doigt (Finistere).

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