Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 52
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 7

Eingangstor zum Herrschaftshaus von Ouernachannay (Cötes-du-No rd).

Gedanken über den neuen Stil.

Von A. von Hofmann.

llerorten erwartet man einen neuen Stil, der da kommen
w«yL\v soll, unsrer Zeit einen eigenen künstlerischen Ausdruck
zu geben. Die besten Kräfte setzen sich ein und
die verschiedensten Wege werden betreten, ihn zu erreichen;
das Ergebnis bleibt aber immer dasselbe; es ist Neues, aber
kein neuer Stil, was zu Tage tritt.

Da kommen einem denn Bedenken, ob man sich auch
allseitig klar ist über das, was wir schon besitzen, und über
das, was uns fehlt. Ob ferner auf dem Wege zu letzterem
nicht Bahnen begangen werden, die nicht auf die Anfangs-
phasen, sondern zu den Endphasen des Stiles führen und folg-
lich Ergebnisse zeitigen, die nicht mehr entwicklungsfähig sind.
Ob nicht vielleicht das wesentlichste Element eines neuen
Stils, seine künstlerische Seite im höheren Sinne, von manchen
ganz außer acht gelassen werde.

Dabei wäre vielleicht auch noch zu erwägen, inwieweit
die Voraussetzungen eines neuen Stils im alten historischen
Sinne heute überhaupt gegeben sind.

Alle diese Punkte werden wir im folgenden berühren
können; sie liegen von selbst am Wege jeder Betrachtung der
künstlerischen Seite eines neuen Stils, der die folgenden Zeilen
in aller Kürze dienen sollen. Zuerst müssen wir uns natür-
lich darüber klar sein, was wir unter künstlerisch verstehen
sollen.

Bei allem, was der Mensch schafft, konkurrieren drei Dinge:
der auf einen greifbaren Zweck gerichtete Verstand, die Gegen-
sätzen nachstrebenden Sinne und der auf das Wesen der Dinge
gehende freie menschliche Geist. Diese drei Quellen unsres
Schaffens stehen in einem bestimmten Verhältnis zueinander.
Das heißt: erst auf der Grundlage des reinen Stils, der Ver-
standessache ist, werden durch Elinzutreten sinnlicher Elemente
malerische Modifikationen möglich; erst zu diesen beiden Formen
der Darstellung, der stilreinen an sich oder in ihrer malerischen
Abwandlung, vermag endlich der freie menschliche Geist noch
künstlerische Elemente hinzuzutun. Einige einfache Beispiele
sollen dazu dienen, dieses Verhältnis klar vor Augen zu führen.

Will jemand z. B. nicht nackt gesehen werden, so hüllt
er sich in ein Tuch, eine allerdings sehr primitive, aber durchaus
stilreine Bekleidungsform. Der sinnlich veranlagte Naturmensch
wird nun seine Freude an einem möglichst bunten Tuche
haben; die Farbengegensätze fallen in die Augen und er mit.
Dem Menschen auf einer dritten höheren Stufe endlich wird
es aber nicht genügen, entweder nicht oder nur als buntes
Tuch gesehen zu werden; er fügt zu dem alten Zweck des
Bedeckens den neuen Zweck, das Wesen seiner Gestalt doch

zu erkennen zu geben; auf diesem Selbstzweck beruhen die
Anfänge des künstlerischen Bekleidungsstils.

Es genügt ferner für eine Leuchte oder eine Lampe, daß
die Lichtquelle einen sicheren Fuß habe. Macht man diesen
dann breit und sinnenfällig und fügt man noch einen großen
abstechenden Schirm hinzu, so wird die Lampe malerisch.
Bildet man aber den Fuß z. B. als eine Idealfigur, welche das
Licht trägt, so wird ein neuer Gedanke, die Auffassung des
Lichts als ein höheres Gut, zum hinzutretenden künstlerischen
Selbstzweck erhoben. Erst ein dem Leuchten an sich fremder
Gedanke vermag die Lampe künstlerisch zu gestalten.

Die Freistütze eines wagrechten Balkens ist als einfacher
Pfeiler durchaus stilgerecht und geeigneter Schmuck kann den-
selben leicht auf die Stufe des Malerischen heben. Erst wieder
wenn ein neuer Gedanke hinzukommt, die Darstellung eines
inneren Kräftespiels durch Entasis oder Verjüngung, durch
welche sich der Pfeiler gewissermaßen in ein lebendes Wesen
verwandelt, erst dann wird der Pfeiler zur künstlerischen Stütze,
der Säule.

Als letztes Beispiel sei die Burg genannt. Als rein mili-
tärischer Stützpunkt war sie im Mittelalter ein nüchternes Zweck-
gebilde, welches allerdings in seinem Mauerkranz und seiner
Turmentwicklung viele malerische Elemente in sich trug. So
hat man denn später ganz von selbst die Burgenarchitektur
in rein malerischem Sinne weiterentwickeln können. Aber die-
selbe kann auch künstlerisch werden, wenn sie als Abbild
wohlfundierter alter Herrenpracht auf stolzer Höhe auftritt;
dies ist der Selbstzweck, der künstlerischen Burgenbau zu
schaffen ver-
mag.

Nach die-
sen Beispie-
len wird
wohl in Be-
zug auf die
Bedeutung,
dieich im fol-
genden den
Ausdrücken
stilrein, ma-
lerisch und
künstlerisch
beilegen
werde, kein
Mißverständ-

52

Kloster in Sainte-Anne-d’Auray
(Morbihan).
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