Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 53
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 7

Alter Turm in Lesneven (Finistere).

nis mehr
möglich
seinundich
kann fort-
fahren.

Was der
Mensch
rein zweck-
bewußt in
der geeig-
netsten
Form aus
dem geeig-
netsten Ma-
terial her-
stellt, was
also in jeder
Beziehung
dem Zweck
entspricht,
für den es
gemacht ist,
das hat An-
spruch auf
die Be-
zeichnung stilrein. Solche Dinge werden nun heute wieder
in erfreulicher Menge geschaffen und die Freude an ihnen ist
sogar ein typisches Merkmal unsrer praktischen Zeit. Unsre
Lehrer sind in dieser Beziehung besonders
die Engländer gewesen, bezeichnenderweise
ein Volk, dessen Kultur dem Sinnlichen
abgewandt ist und ohne entwickelten Sinn
für das Künstlerische. Dieser reine Stil ist
nun nicht das, wonach gestrebt wird, wenn
nach dem neuen Stil gesucht wird. Man
braucht diesen reinen Stil ja nur ernstlich
zu wollen, um ihn zu besitzen; er ist erlern-
bar und nur logische Konsequenz. Er
schafft unendlich viele richtige neue Varie-
täten, aber den Anblick unsrer alten Welt
von Grund auf zu verändern vermag er
nicht. Und das erwarten doch wohl viele
vom neuen Stile.

Um etwas Neues zu schaffen, hat man
seine Zuflucht zum Malerischen genommen;
mit malerischen Mitteln aber Neues zu
schaffen ist nicht möglich. Indem man das
sinnliche Element der Gegensätze mit dem
reinen Stil verquickt, läuft man Gefahr auf
Wege zu kommen, die sich tot laufen. Mit
malerischen Elementen nimmt der reine
Stil an sich immer Elemente in sich auf,
die ihm widersprechen; werden sie dann zu stark, so muß er zu
Grunde gehen.

Es ist unmöglich, mit bewußt malerischen Tendenzen einen

neuen Stil inaugu-
rieren zu wollen,
und es ist höchst
bezeichnend für das
Stadium der ganzen
Angelegenheit,
wenn heute die
große Menge ge-
rade der modernen
Schule zu
Füßen liegt,
die sich al-
len Ernstes
Mühe gibt,
durch Pfle-
ge des Ma-
lerischen

Alte Häuser in Josselin (Morbihan).


Altes Haus zu Plounerin (Cötes-du-Nord).

den »neuen
Stil« von hin-
ten her in die
Welt zu set-
zen. Denn die
malerische
Phase eines
Stils ist immer
seine End-
phase. Als
konkretes Bei-
spiel könnte
auch die jetzt
so beliebte
Diele heran-
gezogen wer-
den, die aus
rein maleri-
schen Grün-
den ihren Ein-
gang in das
moderne deut-

sehe HaUS °'6- St. GeorgskaPeUe in Ploumanac’h (Cotes-du-Nord).

funden hat. Daß sie im deutschen Hause ein nicht entwick-
lungsfähiges Element geblieben ist, hängt eben mit diesen
Gründen ihrer Erscheinung zusammen.

Der reine Stil wie die malerischen Abwandlungen des-
selben enthalten noch keine künstlerischen Elemente oder doch
nur in Modifikationen, auf die hier einzugehen zu weit
führen würde.

Eine Maschine ist ein Kunstwerk insofern sie kunst-
reich ist; sie ist aber nicht künstlerisch. Sie kann über
einen nüchternen Zweck, der sie völlig beherrscht,
nicht hinaus; sie ist daher wohl ein reines stilistisches
Gebilde, vermag aber nie mitzurechnen für den neuen
Stil, den wir suchen, und der nur durch künstlerische
Elemente erreichbar ist. Auch malerische
Werke sind im allgemeinen nicht künst-
lerisch, wenn auch die malerischen Ele-
mente, auf denen ihr Charakter beruht,
so zu eignen Nebenzwecken heranwachsen
können, daß sie künstlerischen Selbst-
zwecken verwandt werden. Beide, der
reine wie der malerische Stil, vermögen
daher nichts Neues zu bilden, wie es jeder
künstlerische Gedanke mit Leichtigkeit
zu tun vermag; an den wenigen Bei-
spielen hatten wir es schon gesehen.
Der hinzutretende künstlerische Gedanke
schuf aus der Decke das Gewand, aus
der Stütze die Säule; aus der unwirtlichen
Burg das romantische Ritterschloß; den
Fuß des Leuchters verwandelte er in die lichtspendende Gott-
heit selbst. Ein neuer Stil ist daher nur zu erreichen durch
eine neue künstlerische Umbildung des Vorhandenen eben-
so wie auch alle früheren Stile geworden sind.

L.krfoo t'-i'S-nC —

l— CZ

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