Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 54
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 7

Einzelne solcher künstlerischen Selbstzwecke sind natür-
lich immer vorhanden; von einzelnen Individuen ausgehend
entstehen zu jeder Zeit einzelne künstlerische neue Eigen-
werke. Um aber einen neuen allgemeinen Stil zu zeitigen,
müssen auch die neuen künstlerischen Selbstzwecke allgemein
werden. Der neue Zweck, der hier nur zum Ausdruck kommen
kann, entspricht denn auch regelmäßig einer in sich abge-
schlossenen Kultur, die in allen ihren Gliedern einig ist und
in dieser Einigkeit keinen Widerspruch mehr duldet. Es sei
daran erinnert, daß nach der Glaubensspaltung Deutschland
sich auch stilistisch getrennt hat. ln Zukunft wird sich wohl
eine neue große Kultur erst wieder vollenden, wenn der Kampf
gegen das Mittelalter auch geistig endgültig ausgefochten
sein wird; dann werden wir gewiß auch zu einem neuen Stil
gelangen.

Die beiden bedeutendsten Stile, welche die Welt gekannt
hat, entsprechen den großen Kulturepochen des Griechentums !
und der mittelalterlichen Hochkirche. Die andern Stile stehen
diesen beiden an Bedeutung nach und sind, abgesehen von
der Renaissance, mehr dekorativer Art. Der künstlerische Ge-
halt der Renaissance war die Abkehr vom Mittelalter zu Gunsten
einer idealen harmonischen Individualität. Einen hochkünst-
lerischen Stil hat sie daher nur da zu schaffen vermocht, wo
diese Kultur der Renaissance die Geister erfaßt hatte; dies ist
in Deutschland weniger der Fall gewesen als in Italien. Die
Renaissanceidee entartete später in den Kult der Einzelperson
und deren Vergötterung durch den Absolutismus; so spiegelt
sich denn im Barock das im 16. Jahrhundert emporgekommene
Fürstentum und im Rokoko die glänzende Höhe des im 17. Jahr-
hundert entwickelten Absolutismus. Man kann hier deutlich
sehen, wie die Stilbildungen zwischen den Epochen liegen;
darauf wird weiter unten noch zurückzukommen sein.

Die darauf folgenden mehr oder weniger von einem schlichten
Klassizismus getragenen Stilphasen sind wieder bürgerliche
Reaktion gegen die allzu leicht gewordene Hofluft des 18. Jahr-
hunderts gewesen. Wir sind damit wieder in Deutschland in
unser ureigenstes Element gekommen. Soll uns nun der
neue Stil aus dem Bürgerlichen wieder hinausführen? Ich
glaube, das würde unsern Stil wieder entnationalisieren. Wir
sind ein bürgerliches Volk und werden es hoffentlich auch
bleiben. An der Grundlage des Bürgerlichen wird also für
unsern neuen Stil ein für allemal festzuhalten sein. Der vierte
Stand pocht heute laut an alle Pforten. Mit den Kulturver-
änderungen, die er später hervorbringen wird, muß er notwendig
auch einmal eine der zukünftigen Stilbildungen beeinflussen.
Heute aber auf ein Zukunftsbild stilistische Ideen gründen zu
wollen, hieße natürlich ohne jede Grundlage völlig in die Luft
bauen.

Wenn nun ein neuer allgemeiner künstlerischer Stil immer
eine fertig gewordene, hinter uns liegende Kultur spiegeln muß,
so ist es klar, daß Stilbildung nur Sache reifer Künstler sein
kann, welche eine Zeit gesehen und begriffen haben, um sie
dann zum Ausdruck zu bringen. Bewußtes Arbeiten in dieser
Richtung ist dabei nicht einmal nötig, wenn der Künstler sich
mit seiner Zeit identifiziert.

Nur von solcher gereiften Seite ist etwas zu erwarten,
nie vom Launenhaften, wie es der sehr richtig so genannte
»Jugendstil« gewesen ist, dem die Unreife auf der Stirne stand.

Es wäre natürlich für einen einzelnen, noch dazu prak-
tischer Tätigkeit mehr oder weniger fernstehenden Mann an-
maßend, hier praktische Wege weisen zu wollen. Deswegen
darf die Auskunft, die ich doch zum Schluß nach dieser Seite
hin noch geben muß, nicht anders genommen werden als rein
exemplarisch, wie man sich auf der Grundlage des oben Ge-
sagten vielleicht in Deutschland die Anbahnung eines neuen
künstlerischen Stils in unsrer Zeit denken könnte.

Die Möglichkeit, in absehbarer Zukunft einen neuen großen
Stil hervorzubringen, hatte ich abgewiesen, weil die Kultur, die
einem solchen zu Grunde liegen müßte, noch nicht vollendet
ist. Wir leben heute unbestreitbar in einer Übergangszeit.

Es wäre vielleicht hier vorerst noch dem Einwand zu be-
gegnen, ob wir denn dieser Übergangszeit entsprechend keinen

Übergangstil erlangen könnten. Die Frage, in welche Zeit ein
Übergangstil fallen kann, ist nicht leicht zu beantworten.
Seine Voraussetzung ist wohl immer, daß die neue Kultur
irgendwo schon vollendet dasteht und auch schon ihren künst-
lerischen Ausdruck zu bilden begonnen hat. Beeinflußt diese
neue Kultur dann eine noch bestehende ältere, so gibt es
Übergangstile. Sie sind also Erscheinungen, die unter den
augenblicklichen Verhältnissen gänzlich ausgeschlossen sind.

Die praktische Frage, die uns bleibt, ist die Frage nach
der Grundlage, auf der im künstlerischen Sinne heute auf-
gebaut werden kann; die Frage ist objektiv und subjektiv
zu stellen; einmal nach dem Alten, von dem ausgehend die
Änderung Platz greifen soll; dann nach dem Neuen, womit
man das Alte verändern will.

Eine stilistische Grundlage, auf der wir weiter bauen
könnten, ist uns nun merkwürdigerweise verloren gegangen
durch die Unterbrechung, die der Zusammenhang der Stile im
Anfänge des 19. Jahrhunderts erfuhr. Diese Unterbrechung ist
auch eine Illustration des enormen Bruchs mit der Vergangen-
heit, den die französische Revolution veranlaßte. Aber inter-
essant ist hier, daß jede Wiederanknüpfung an das Alte unter-
blieb. Der Widerwille gegen die eben beseitigte Empirekultur,
die allgemeine Erschöpfung nach zwanzig furchtbaren Kriegs-
jahren sind die Hauptgründe dafür gewesen; es war ähnlich
wie nach dem 30jährigen Kriege, nur daß diesmal die Nation
fehlte, von der man entlehnen konnte.

Die wiedererwachende deutsche Nation sah damals mit
Schmerzen auf ihr dahingeschmolzenes Erbe. Kaum mehr
war gerettet als ein wunderbarer Idealismus; mit diesem ging
man nun daran, das Alte zurückzuerobern. Was seit einem
Vierteljahrtausend verfallen und verloren war, wollte man
wiederaufbauen und wiedergewinnen. Kein Volk hat sich auf
geistigem Gebiete vor allem seine Vergangenheit so zurück-
erobert wie das deutsche; aber auch die Waffen haben
rühmlich mitgesprochen und das Werk auch äußerlich zu
Ende geführt. Äußerlich ist das Reich wiedererstanden und
die Kaiserherrlichkeit; innerlich sind wir hoffentlich auf dem
Wege, wieder Vollgermanen zu werden mit eigener kräftiger
Kultur.

Wollen wir nun einen eigenen Stil entwickeln, so müßten
wir an unsre Vergangenheit anknüpfen in den Zeiten, in denen
sie ihren eigenen vollendeten künstlerischen Ausdruck gefunden
hat. Der romanische Palatialbau wird immer die prächtigste
Form des deutschen Saalbaus bleiben, das spätgotische Bürger-
haus die reizendste Form des Privatbaus. Es soll damit nun
keineswegs gesagt sein, daß wir wieder romanisch oder gotisch
bauen sollen; nein, aber man könnte bewußt auf den dort
gegebenen künstlerischen Grundlagen Weiterarbeiten. Wir
würden so wieder richtige künstlerische nationale Fußpunkte
bekommen für die glänzende Entfaltung des Reichsgedankens
wie für das wunderbare Emporblühen der bürgerlich deutschen
Kraft in unsrer Zeit. Auf die Einzelformen kommt es dabei
nicht an; sie sind unwesentlich im Vergleich zu dem zu er-
strebenden künstlerischen Zusammenhänge. Dabei versuche
man möglichst erst einmal alle malerischen Extravaganzen bei-
seite zu lassen; man lege sich Selbstzucht auf und suche auf
der neuen Grundlage erst einmal zu klassischen Bildungen zu
gelangen, unabhängig vom alten Detail nur im künstlerischen
Sinne der Alten. Die formale Gestaltung ist sekundär und
ergibt sich von selbst, wenn ein großer Meister erst den
künstlerischen Hebel zum Neuen in Bewegung zu setzen ver-
mochte.

Die Vereinigung beider künstlerischen Gedanken könnte
dann eine ungeahnte Menge von Neubildungen erstehen lassen.
Alle öffentlichen Bauten fast, besonders aber die kleineren Rat-
häuser könnten in der Verquickung beider Gedanken eine Menge
reizvoller Probleme geben; das Bürgerhaus selbst würde gut
dabei fahren, wenn ein etwas stolzer festlicher Raum die Zwecke
des Speisesaals und der heutigen Diele in sich vereinigte;
welchen Reiz müßte solch geöffneter Saal erst in freiliegenden
Landhäusern besitzen, die so erst zu einer wirklichen Ver-
wertung einer schönen Lage auch für das Innere des Hauses

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