Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 68
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 9

(9) Entwurf zu einem Landhause aus gerauhten Backsteinen in Doppelformat.

Tonschlämme wird dann das Ganze soweit wieder vereinigt,
daß die Haltbarkeit gewährleistet wird. Fig. 15 und 16 veranschau-
lichen diese Arbeitsvorgänge. Beide Verfahren bieten in rein
maschinenmäßigem Betriebe reichliche Gelegenheit für zufällige
Verschiedenheiten des Aussehens und ergeben Steine von außer-
ordentlicher Kraft der Erscheinung, in denen wir eine wert-
volle Bereicherung der architektonischen Ausdrucksmittel er-
blicken dürfen. Freilich bedürfen sie besonderer architektonischer
Behandlung, damit der Eindruck allzu großer
Derbheit vermieden wird.

Zu ganz unerträglichen Wirkungen würde
hier vor allem der im sonstigen Backsteinbau
herrschende Grundsatz führen, daß jede Schicht
in sich ein abgeschlossenes Glied der Formen-
welt bildet. Es ist vielmehr darauf zu sehen,
daß die Gliederungen nur einen Teil der Stein-
höhe einnehmen, wodurch zugleich der Vorteil
gewonnen wird, daß die neben ihnen am selben
Stein stehen bleibenden aufgerauhten Flächen-
teile zu dem Eindruck beitragen, daß Gliede-
rung und Fläche vollständig miteinander ver-
wachsen und verschmelzen. Auch wird man
gut tun, alle Gliederungen flach und mit ge-
ringer Ausladung, dabei aber scharf und fein
zu formen, um durch ihre spitzigen, klaren
Lichter und Schatten zu dem tiefen rauhen
Flächenton einen Gegensatz zu gewinnen, der
ebenfalls zur Milderung des derben Aussehens
beiträgt. Das Mittel, solche Gliederungen an
den gerauhten Steinen anzubringen, bietet sich
in dem mittelalterlichen Verfahren, die Form-
steine mit Draht freihändig nach Lehren zu
schneiden, worüber weiterhin Näheres mitgeteilt
werden wird. — Noch mehr als diese Behand-
lung der Gliederungen wird die gelegentliche
Einfügung von feinen Zierstücken, die eben-
falls nach mittelalterlicher Technik an die luft-
trockenen oder »lederharten« Steine sehr schön
angeschnitten werden können, beim Beschauer
den Eindruck befestigen, daß die rauhe Derb-
heit der Flächen künstlerischer Absicht dient.—

Auch das übliche Längenformat der Steine wird
man für dieses neue Material gern auf etwa
30 cm vergrößern, um ein angenehmeres Ver-
hältnis von Länge und Höhe der Steinflächen
herzustellen. Unsre Fig. 10 bis 14 geben Bei-
spiele, wie man sich die Formgebung unter
Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte in der
Gesamtwirkung wie im einzelnen denken kann, Einzelheiten zu (9).

ohne daß damit der Möglichkeit vorgegriffen sein soll, daß
von andrer Seite vielleicht noch ganz andre Wirkungen aus der
Eigenart der neuen Steine entwickelt werden. Es dürfte aber
schon aus diesen wenigen Versuchen erhellen, daß die Ver-
wendung solcher rauhen Steine eine ganze Anzahl bisher un-
bekannter Ausdrucksmöglichkeiten bietet, worin für den schaffen-
den Künstler ein starker Anreiz gegeben ist, sich mit dem
neuen Baustoff zu beschäftigen.

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