Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 71
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 9

mit Draht greifen um Profile u. dergl. zu
formen. Fig. 6 u. 7 zeigen, wie sich diese
scharfgezeichneten Formsteine kraft der
wechselnden Beleuchtung ihrer Flächen den
gerauhten Steinen ebenmäßig einfügen.

Der Backsteinbau hat eine lange Zeit
der Zurücksetzung hinter sich, zum guten
Teile deshalb, weil der handelsübliche Ver-
blendstein mit seinen glatten Flächen dem
fortschreitenden Kunstempfinden zuwider
war und die beteiligte Industrie es unter-
ließ, sich dem veränderten Geschmack durch
veränderte Arbeitsweisen anzupassen. Da
Handstrichsteine nur in beschränktem Maße
hergestellt werden und auf weitere Ent-
fernungen ohne übermäßige Kosten nicht
versandt werden können, so stand der Ar-
chitekt zumeist unter dem Zwange, glatte
Maschinenverblender zu verwenden oder
auf den Backsteinbau zu verzichten, und der
feiner Empfindende wählte zumeist letzteres.

Dieses Zwanges sind wir jetzt ledig. Da-
mit ist die Möglichkeit einer umfassenderen
künstlerischen Tätigkeit im Backsteinbau
wieder gegeben. Keine der vorgeführten Arbeitsweisen ist so

schwierig, daß sie nicht

auf jeder Verblendstein-
ziegelei ohne große Ko-
sten ausgeübt werden
könnte. Die Bereitwillig-
keit zu solcherVerbesse-
rung wird sich überall
bemerkbar machen, wo
sie mit Festigkeit ge-
fordert wird. Das be-
rechtigt zu der Hoff-
(i5) j nung, daß es in abseh-

barer Zeit gelingen wird,
den in künstlerischen
Kreisen allgemein ver-
haßten glatten Verblen-
der vollständig durch
Steine zu verdrängen,
die in ihrem Aussehen
dem gesunden Empfin-
den und der Natur des
06) Rohstoffes besser ent-

sprechen. Zu wünschen ist dabei, daß gleichzeitig Wert darauf
gelegt wird, die gar zu lebhafte und gar zu gleichmäßige

(13) Giebel der Marienkirche zu Salzwedel. 14. und 15. Jahrhundert.

Färbung vieler Verblendsteine durch mildere und weniger gleich-
mäßig gebrannte Töne zu ersetzen. Es ist das eine Forderung,
deren Erfüllung ebenfalls zumeist ohne Schwierigkeit möglich

ist, die nur gestellt zu wer-
den braucht, um befriedigt zu
werden.

Ein großer Vorteil für das
Landschaftsbild unsrer deut-
schen Gaue wird es sein,
wenn es gelingt, auf diesem
Wege die Anstände, die man
gegen den heutigen durch-
schnittlichen Verblendstein-
bau erhebt, zu beseitigen.

Viele Verunstaltungen maleri-
scher Gegenden und schöner
Städtebilder können so ver-
mieden werden. Zugleich
wird wieder die Bahn frei für
die allgemeinere künstlerische
Pflege eines Baustoffes, der (17>

der bodenständigen Monumentalkunst, wie dem ländlichen
Bauwesen weiter deutscher Landstriche dereinst das Gepräge
gegeben hat, dessen Zurückdrängung gerade im Sinne gesunder
Heimatkunst lebhaft bedauert werden muß.

\\. 6, <0 Cßtackoo.oth'öbts.

Das neue Ständehaus in Dresden.

Architekt: Professor Dr. Paul Wallot, Geheimer Baurat in Dresden.

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