Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 73
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 10

Realschulgebäude in der Emserstraße in Rixdorf.

Große Berliner Kunstausstellung 1908.

Architekt: Stadtbaurat Reinhold Kiehl in Rixdorf.

Das öffentliche Gebäude im Stadtbild.

Kultur, an dem unsre Zeit krankt, Mangel an Takt, an sicherem
natürlichem Empfinden ist die Hauptursache der Mißerfolge und
der künstlerischen Unfruchtbarkeit unsres neuzeitlichen Städte-
baus. Ihm vor allem fällt die Verunstaltung und Vernichtung
köstlicher alter Städtebilder durch rücksichtslose Neubauten
zur Last.

Taktlos erscheint uns heute die Aneinanderreihung protziger,
sich übertrumpfender Mietpaläste, von denen jeder einzelne viel-
leicht vor wenigen Jahren noch als erfolgreiche Leistung be-
wundert wurde. Selbst das einzelne Haus, obwohl es Privat-
eigentum ist, muß über die Sicherheitsvorschriften der Bau-
polizei hinaus auch in künstlerischer Hinsicht der Gesamtheit
sich unterordnen, gleichwie die Erfüllung wichtiger künstleri-
scher Lorderungen für das Gesamtbild durch verständnisvolles
Entgegenkommen der Baupolizei ermöglicht werden sollte. Be-
deutungsvoll erscheinen daher die neuerdings hier und da
hervorgetretenen Versuche, ganzen Straßenzügen und Bau-
quartieren wieder ein wohltuend einheitliches künstlerisches
Gepräge zu geben, das den Bauten der letzten Jahrzehnte in-
folge des Formenüberschwangs und der Sucht nach gegen-
seitiger Überbietung leider gänzlich fehlt. Mag ihr Erfolg,
namentlich da, wo sie auf baupolizeiliche Überwachung und
Korrektur der Baupläne gestützt wurden, noch vieles zu wün-
schen lassen, immerhin eröffnet sich damit ein hoffnungsvoller
Ausblick auf allgemeinere Berücksichtigung einer ungemein
wichtigen, bisher nur allzusehr vernachlässigten Aufgabe der
Städtebaukunst.

Nicht das einzelne Haus, mag es an sich noch so her-
vorragend sein, sondern erst das Zusammenwirken einer ganzen
Gruppe gibt ein Straßenbild, und eine Reihe solcher Straßen-
und Platzbilder wiederum bestimmt das Stadtbild, den bezeich-
nenden Eindruck der ganzen Anlage. So kann ein künstlerisches
Gesamtbild auch durch die geschickte Aneinanderreihung von
an sich ziemlich unbedeutenden Gebäuden entstehen, während
andrerseits das Nebeneinanderstellen von Bauten, deren jeder
ein bedeutsames Werk ist, noch lange keine künstlerische Ein-
heit zu ergeben braucht.

Nicht ängstliche Stilanlehnung und Übereinstimmung der
Einzelformen also, sondern richtiges Empfinden für das an der
gegebenen Stelle Schickliche und verständnisvolle Wahrung
des Gesamtumrisses müssen die Grundlagen abgeben zur Er-
haltung und Neubildung schöner Straßen- und Stadtanlagen.
Innerhalb solcher Begrenzung wird dann auch das selbständige

Neuschaffen in eigenen Formen zur Befriedigung neuzeitlicher
Bedürfnisse ganz von selbst vor Überschwang und Ent-
gleisungen bewahrt bleiben.

Je klarer diese scheinbar selbstverständliche Erkenntnis
allen beim Städtebau beteiligten, insbesondere den beschließen-
den Gemeindevertretern, zum Bewußtsein kommt, desto mehr
wird auch die Überzeugung durchdringen, daß bei den öffent-
lichen Gebäuden noch weit mehr als bei einem beliebigen
Privathaus ihr Zusammenhang mit der Umgebung und ihre
Bedeutung als Teile des großen Ganzen berücksichtigt werden
müssen. Gerade die bedeutendsten öffentlichen Gebäude
glaubte man ja erst recht unabhängig behandeln zu können,
gleichwie man fälschlicherweise die hervorragendsten Schöp-
fungen alter Zeiten durch Freilegung, also Lostrennung von der
mit ihnen verwachsenen Umgebung, zu reinerer und stärkerer
Wirkung zu bringen vermeinte.

Jetzt möchte man schon gern die klaffenden Lücken wie-
der schließen, um die mutwillig zerstörte Einheitlichkeit und

Wettbewerb für das Stadthaus in Bremen. Architekt: Professor Emil Högg, Direktor
Blick in den kleinen Hof. des Gewerbemuseums in Bremen.

Große Berliner Kunstausstellung 1908.

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