Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 74
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 10

Entwurf für ein Museum in Wiesbaden. Architekt: Ernst Rentsch in Berlin.

Große Berliner Kunstausstellung 1908.

die gerade aus dem nahen Anschluß der Umgebung hervor-
gegangene Steigerung des Maßstabes wiederzugewinnen, und
hoffentlich ist auch die Zeit bald endgültig vorüber, wo man
mit dem neuen »gotischen« Rathausbau die köstlichen alten
Fachwerkhäuser rings um den Markt rücksichtslos totschlägt
und kommende Protzenbauten der Warenhäuser schon im
voraus an Masse und Umfang zu übertrumpfen sucht.

Dazu wird es freilich noch mancher gründlichen Klärung
der Begriffe bedürfen, mancher tiefgreifenden Änderung in der
Auffassung der künstlerischen Aufgaben, welche die öffent-
lichen Gebäude im Stadtbilde erfüllen sollen. Ein Hinweis
darauf erscheint um so nötiger, als ihre Gestaltung ja den ver-
schiedenartigsten Einwirkungen unterliegt.

Vergleichen wir zunächst ihre Art, Stellung und Bedeutung
in alten Städten mit derjenigen in der heutigen Großstadt, so
ergeben sich manche einschneidende Unterschiede.

Das Gesamtbild der alten Stadt wird beherrscht von we-
nigen, meist schon an Größe überwiegenden öffentlichen Ge-
bäuden: Kirchen, Rathaus und Tuchhalle. Diese bilden den
Mittelpunkt der ganzen Anlage, die charakteristischen Gruppen,
denen das übrige sich unterordnet.

Sie waren zugleich auch die Mittelpunkte der gemeinsamen
geistigen und sozialen Interessen, Sitz und Verkörperung der
herrschenden Macht, die Glanzleistungen künstlerischen Könnens
und damit der vollwichtige Aus-
druck der Bedeutung der Stadt.

Die Einheitlichkeit der In-
teressen und der großen, ganze
Jahrhunderte beherrschenden
Gedanken ist dahin. Unsre öf-
fentlichen Gebäude sind nicht
mehr die Brennpunkte aller In-
teressen. Vielleicht trägt das
nicht unwesentlich dazu bei,daß
sich keine so ausgesprochene
Eigenform für sie entwickeln
will, wie für das mittelalter-
liche Rathaus, daß ihnen die
Selbstverständlichkeit und das
Selbstbewußtsein des Aus-
drucks fehlt, die wir an den
alten Rathäusern bewundern.

Mehr noch liegt das aber
an der Reichhaltigkeit und
Buntheit des Bauprogrammes,
das die heutigen Bauten er-

füllen sollen. Damit ist die Arbeit der Architekten im Vergleich
zu früher ungemein erschwert, denn ungleich vielseitiger sind
die Aufgaben der ihrer innigen Geschlossenheit entkleideten
Gemeinwesen geworden, immer mannigfaltiger die Bedürfnisse
der riesenhaft anwachsenden Bevölkerung, denen öffentliche
Gebäude verschiedenster Art, zum Teil in vielfacher Wieder-
holung möglichst gleichmäßig über alle Stadtgebiete verteilt,
zu genügen haben.

So ist eine Überfülle neuer Bauaufgaben entstanden, für
die ein wirklich bezeichnender künstlerischer Ausdruck, der
keinen Zweifel an ihrer Bestimmung läßt, bisher noch nicht
allzu oft gefunden ist. Vor allem aber ist das altüberlieferte
Bauprogramm des Rathauses durch das Anwachsen der viel-
verzweigten Stadtverwaltung zu einem so ungeheuerlichen
Umfang angeschwollen, daß eine so einfache und klare Lösung,
wie bei den alten Bauten, von vornherein ausgeschlossen er-
scheint. Ja, die Vielseitigkeit der Erfordernisse, die Zahl der
unter ein Dach zu bringenden Räume ist so groß, daß die
künstlerische Bewältigungsmöglichkeit in der bisher angestrebten
Form eines Riesenbaus überhaupt fraglich wird.

Wie soll wohl bei solchem Konglomerat verschiedenartigster
Bestandteile eine den Zweck und die Bedeutung des Gebäudes
klar und überzeugend ausdrückende Form zu stände kommen?

Ja, als ob es noch nicht genug wäre, mit der Zusammen-

schachtelung der verschieden-
sten, einander widerstreitenden
Repräsentations-,Verwaltungs-,
Beratungs-, Bureau-, Archiv-
und Wachräume, zu denen wo-
möglich noch einige Samm-
lungszimmer für städtische und
Vereinssammlungen, einige
Dienstwohnungen, ein paar
Arrestzellen und ganz gewiß
ein herrlicher Ratskeller mit Zu-
behör kommen, hat man in den
letzten Jahren ja noch mehr-
fach weitere interessante Ver-
schmelzungen versucht, wie
»Rathaus mit höherer Töchter-
schule«, »Rathaus mit Stadt-
theater und Konzertsaal« u.s. w.
Eine so gewonnene »malerische
Gruppierung« gibt allerdings
willkommene Gelegenheit,, alle
möglichen Motive und Motiv-

Entwurf für ein Museum in Wiesbaden. Architekt: Ernst Rentsch

Großes Vestibül. in Berlin.

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