Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 84
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ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 11

Wandelgang des Hauptrestaurants.

Architekt: Professor Emanuel von Seidl
in'München.

Betritt man durch die der Stadt zugekehrten Portale das
Ausstellungsgebiet, so schließen links niedrige Verwaltungs-
gebäude, weiter das überaus reizvolle Künstlertheater (Tafel 81)
und ein Kaffeehaus, rechts ein mächtiger Hallenbau
mit großen Wanddurchbrechungen und geradeaus
ein die beiden Gruppen verbindender Säulengang
diesen ersten, räumlich außerordentlich großen Hof ab.
Gärtnerischer Schmuck, plastisches Bildwerk verbinden
Boden und aufstrebende Mauermassen. Der Eindruck
ist vornehm, gemessen. Der Park zur Rechten, dessen
Wipfel über die Mauermassen herüberragen, kommt,
das ist vortrefflich gemacht, sozusagen nur an-
deutungsweise zur Wirkung. Mit voller Kraft gelangt
die kompakte grüne Laubmasse erst zur Geltung^
wenn man vom ersten Hof durch den Bogengang
die weiter rückwärts liegende Partie betritt. Gerade-
aus der mächtige Hallenbau I mit überhöhtem Mittel-
teil, rechts, durch eine flache Treppenanlage, flankiert
von ein paar riesigen liegenden Steinböcken, zugäng-
lich, Halle II und dieser gegenüber, durch weiß-
gestrichenes Gitterwerk und einen davorliegenden,
durch kleinere Treppenanlagen außerordentlich an-
mutig gegliederten, etwas höher als die »Avenue«
gelegten Fußweg von letzterer getrennt, die prächtige
grüne Mauer des Bavariaparkes. Die Steigerung des Bildes
vom ersten Hofe durch die Arkaden und im dahinter liegenden

Teil ist künstlerisch vollwertig. Natürlich sind alle
möglichen, die Wirkung mehrenden, das Bild be-
reichernden Mittel hier angewendet. Man hat nirgends
das Gefühl, als seien alte Bestände mit neuen in Ein-
klang zu bringen gewesen, vielmehr wirkt das Ganze
selbstverständlich, wie aus einem Gusse. München
hat allen Grund, auf diese Leistung stolz zu sein,
zeigt sie doch und das ist ganz außerordentlich
zu begrüßen —, daß aus jenen Gebieten, die bisher
Münchens Ausstellungen im wesentlichen beherrsch-
ten und von der Anerkennung der Berechtigung der
»angewandten Kunst« wenig durchsetzt waren, der
Jungbrunnen der Isarstadt keineswegs allein gespeist
wird.

Gerade der Umstand, daß hier die Architektur
wieder als Führerin auftritt und zwar in einem Ge-
wände, das allen überflüssigen Flitters bar, nicht den
»malerischen« Effekt allein anstrebt, sondern eine
gewisse sachliche Strenge betont — er ist von außer-
ordentlicher Bedeutung, ein Gegenbeweis ausgiebig-
ster Art zu dem geflügelten Worte vom »Niedergange
Münchens als Kunststadt«. Ja, wenn alle Prophe-
zeiungen zuträfen! Schon das in immer vollkommenerer Weise
sich anlassende Stadtbild im Ganzen mußte längst jedem Klar-
sehenden unzweifelhafte Perspektiven, auch ein Urteil, er-

Foyer des Künstler-Theaters.

Architekt: Professor Max Littmann in München.

m

PI •

Festsaal des Hauptrestaurants.

öffnen darüber, was es in München außer der Malerei sonst
noch gebe. Man braucht nur die Volksschulgebäude zu studieren

und das, was sie an Wollen um-
schließen ! Der Städte sind im Reich
nicht gar viele, die auf gleicher
Höhe stehen wie München und
die schön sind wie Isarathen. Da-
mit sollen die Schattenseiten nicht
verhehlt sein: wo viel Licht, da
gibt’s auch intensive Schlagschatten
und einer davon, ein starker, heißt
Wohnungsnot der Minderbemittel-
ten. Vielleicht bringt eine künftige
Ausstellung einmal die weitaus-
holenden Mittel zur Darstellung,
die in dieser Richtung sich ent-
wickeln müssen, soll Kultur nicht
etwas sein, das nur bestimmten
Teilen der Bevölkerung zu gute
kommt.

Noch ein paar Schritte über die
Passage zwischen Halle I und den
Parkanlagen hinaus — das präch-
tige Bild klingt in niedrigeren Ge-
bäuden, Post, Journalistenräum-
lichkeiten, Polizeigebäude, lauter


Architekt: Professor Emanuel von Seidl in München.

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