Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 85
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 11

äußerst reizvollen Kleinbauten,
aus und drüben ist der Torbau
zum Pschorr-Ring. Links aber
zieht sich die breite Avenue
weiter, immer eingefaßt vom
Grün der Bäume. Ein weites,
reichlich mit Bildwerk einge-
faßtes Brunnenbecken, in das
brausend die zugeführten Was-
ser niederstürzen, bildet den
Abschluß des Parkbildes. Jen-
seits dieses mit außerordent-
lichem Geschmacke in die land-
schaftliche Umgebung einge-
fügten Bassins und seiner
Kaskaden öffnet sich der Blick
auf eine prächtige, weite, baum-
umstandene Wiese. Rechts, er-
höht, steht Emanuel von Seidls
imponierender Restaurations-
bau (Tafel 82), an den sich rechts
und links in geschwungener
Linie Hallen mit kreisförmigen
Pavillonabschlüssen angliedern.

Es ist die brillante Fermate der
abwechslungsvollen Reihung
von Eindrücken, die sich vom
ersten Moment des Betretens
der Ausstellung einstellen. Jen-
seits, nach dem Vergnügungs-
parke hin, stehen noch ein paar
Gebäude, deren großer Reiz auf ihrer Einfachheit beruht. Es
ist das Wirtshaus »Zum weißen Rößl«, eine überaus anmutige
Schöpfung von Architekt Franz Zell (Tafel 83), die zeigt, was man
aus einem einfachen Landwirtshaus machen kann, wenn man
das Zeug dazu hat. In England gibt’s solche, und zwar nicht
wenige.— Und weiter wären noch zu nennen die von Richard
Riemerschmid ausgeführten Oartenstadthäuser, wie sie in
Hellerau bei Dresden in größerer Zahl entstehen sollen, ein
erster Versuch, die wirkliche Gartenstadtidee zur Durchführung
zu bringen. Es werden ja auch in München Annoncen und
Zeitungsnotizen gedruckt, die von der Etablierung von »Garten-
stadtquartieren« allerlei verlauten lassen. Wie es um die Sache
in praxi steht, kann jeder beurteilen, der da weiß, daß es rings
um München keinen Fußbreit Boden mehr gibt, der nicht
bereits der Terrainspekulation verfallen wäre. Aber Spekulation
und Gartenstadt, wirkliche Gartenstadt in sozialem Sinne, das
sind Dinge, die sich nicht zusammenreimen. So kommt es,
daß die Münchener Ausstellung eines Beispieles aus Sachsen

bedurfte, um zu zeigen, wie
so was eigentlich aussehe.

Was die Innenarchitektur
betrifft, so ist natürlich bei den
Hallen, die in größere und
kleinere Abteilungen getrennt
sind, davon nicht viel zu sagen,
es sei denn, daß man von die-
sen Teilen, bei denen Zimmer-
ausstattungen der verschieden-
sten Güte zur Vorführung ge-
langen, im einzelnen spreche.
Das muß der ausführlichen
Chronikschreiberei überlassen
werden. Manches davon hätte,
ohne daß damit dem Ausstel-
lungsbild Schaden erwachsen
wäre, in Wegfall kommen kön-
nen. Manches ist gut und
manches, jetzt, Anfangs Juli,
noch nicht vollendet, ja noch
nicht begonnen! Warum wer-
den solch Unpünktlichen nicht
Bedingungen gestellt, die ihnen
klar machen, was »Verpflich-
tung« heißt! Einer der ohne
Zweifel anziehendsten Teile der
Ausstellung, die kirchliche Ab-
teilung, verspricht sehr viel —
vorerst stolpert man beim Be-
gehen der Räume noch über
allerlei aufgeschichtetes Baumaterial. Von den Schiffsräumen
aber ist noch gar nichts zu sagen. Nun — der Wert der
Ausstellung liegt ja nicht, wie Deutschlands Zukunft, auf dem
Meere. Was sie an neuen, bedeutsamen Gedanken, an künst-
lerisch wertvollen Schöpfungen, an starken Errungenschaften
(siehe vor allem die Ausstellung der Münchener städtischen
Volksschuleinrichtungen, der Fortbildungs- und Gewerbe-
schulen) bietet, ist so viel, daß es auf die paar Lücken wirklich
nicht ankommt. München hat wieder einmal gezeigt, auf welch
reichem Boden seine Tätigkeit, durch keinerlei hemmende
Schranken eingeengt, sich frei aufbaut und daß es, trotz des
Wegzuges mancher vorzüglichen Kraft, nicht um Haaresbreite
in seinen Leistungen zurückgegangen, daß sogar reichlicher
Ersatz dafür vorhanden ist. Die Ausstellung, vor allem die
Ausstellungsbauten verdienen die Bezeichnung einer in jeder
Beziehung starken, künstlerischen Tat und bedeuten einen ganz
außerordentlichen Fortschritt baulichen Denkens.

Berlepsch-Valendäs, B.D.A.

Frühstückshalle.

Architekt: Richard Riemerschmid in München.
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