Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 11

Hessische Landesausstellung für freie und angewandte Kunst

in Darmstadt 1908.

[enn ein Obstbaum in üppigen Jahren besonders reiche
WM& Ernte gebracht hat, so ruht er im nächsten Sommer
und sammelt wieder
Kraft und Saft zu neuem Segen.

Ein kluger Gärtner vermeidet
es, durch künstliche Mittel die-
sen Willen der Natur gewalt-
sam zu durchkreuzen.

Der junge Fruchtbaum
unsrer deutschen angewandten
Kunst hat seit einem Jahrzehnt
unermüdlich eine Überfülle
goldner Äpfel auf uns herab-
geschüttelt. Auch ihm müßte
nun eine Zeit der Ruhe und
Erholung vergönnt sein.

Seit Darmstadt 1902 das
»Dokument deutscher Kunst«
schuf, traten sich die Ausstel-
lungen, die seine Anregungen
aufnahmen und weiterspannen,
förmlich auf die Fersen, bis
schließlich die Ausstellung
Dresden 1906 alles bisher Ver-
suchte und Erreichte in einer
so erschöpfenden, großzügigen
und reifen Form zusammenfaßte, daß eine Steigerung, eine
Überbietung zunächst nicht mehr möglich schien. Vielmehr
drängte sich angesichts der Dresdner Ausstellung die Über-
zeugung auf: hier ist eine starke, sichere Stellung erkämpft; sie
muß gefestigt und ausgebaut werden; hier müssen wir rasten,
ehe der Siegeslauf weiter gehen kann!

Wahre Kunst — wir haben das heute leider vergessen reift
langsam. Es sind der neuen Formgedanken so viele unter die
nervös gewordene Künstlerschaft und das verblüffte Publikum
geworfen worden, daß eine Generation fleißiger Menschen zu
tun hätte,-sie zu ordnen, auszudeuten, abzuklären. Aber nein!
wir sollen noch keine Ruhe haben. 1907 brachte zwei und
1908 gleich ein kleines halbes Dutzend angewandter Kunst-
ausstellungen im deutschen Sprachgebiet. — Was lehren sie?
Daß die Phantasie unsrer Künstler müde geworden ist und
daß ihnen Erfreuliches nur noch da gelingt, wo sie in ge-
wissenhafter Selbstbeschränkung und Selbstbeherrschung ihre
besten Ideen auf die bescheidenen Ansprüche des täglichen
Lebens anzuwenden sich bemühen. Wo aber über diesen Rahmen

Portal der Architektur-
ausstellung.

hinausgegangen wird, wo Neues, Verblüffendes, Großes geboten
werden soll, da versagen die Kräfte. Schade, daß das zum

Teil auch von der Darmstädter
Ausstellung gesagt werden
muß! — Sie ist trotz ihrer ge-
waltigen Anstrengungen und
trotz der edlen Absichten ihres
kunstsinnigen Protektors kein
neues »Dokument« geworden,
kein Merkstein der Entwick-
lung, wenigstens nicht der Ent-
wicklung in die Höhe.

Die Ausstellung besteht
in der Hauptsache aus Olbrichs
Gebäude für freie Kunst mit
dem seitlich vorgelagerten
»Hochzeitsturm«; — aus Albin
Müllers Gebäude für ange-
wandte Kunst mit Garten und
Architekturausstellungsbau
und endlich aus einer Anzahl
eingerichteter Einzelhäuser,
worunter die Kleinwohnungen
die wichtigsten sind. Sie
rühren her von den Architek-
ten Wienkoop, Metzendorf,
Rings, Mahr & Markwort, Walbe, Olbrich, Sutter und Gewin.
Fuchs zeigt einen Architekturgarten und Dr. von Grolman

Architekt: Professor Albin Müller
in Darmstadt.

Arbeiterhaus für die Möbelfabrik
Ph. Merkel, Dalsheim.
Wohnküche.

Architekt: Josef Rings
in Darmstadt.

Arbeiterhaus für die Möbelfabrik
Ph. Merkel, Dalsheim.

Architekt: Josef Rings
in Darmstadt.

führt eine Anzahl Grabsteine
als bisherigen Erfolg seiner Be-
mühungen um die Gesundung
unsrer Friedhofskunst vor. —* * 4 * 1 *-■

Olbrichs Kunsthaus mitsamt dem Turm bleibt dauernd
als Erinnerungsbau bestehen. Die kühn und malerisch auf-
getürmte Gruppe beherrscht das ganze Ausstellungsbild durch
ihre Lage und die Wucht ihrer Massen. Doch steht die Durch-
bildung, namentlich im Innern, nicht auf derjenigen Höhe,
die man von unsrem elegantesten Raumkünstler zu erwarten
gewohnt ist. An dem trotz seiner Verwandtschaft mit nord-

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