Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 87
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1908

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Heft 11

deutschen Torbauten fremdländisch anmutenden Turme springen
die Backsteinschichten unregelmäßig vor und zurück, um die
Flächen lebhafter zu gestalten. Bei einem sonst nach allen
Regeln der Baukunst aufgeführten Werke müßte die angestrebte
Wirkung wohl auch durch technisch gesündere Mittel erreicht
werden können.

Das Gebäude für angewandte Kunst läßt trotz energisch
einsetzenden Willens zur Bewältigung der großen Aufgabe
doch eine massenmeisternde Hand vermissen. Fast unorganisch
fügen sich die Bauteile an- und ineinander. Vollständig versagt
die Grundrißlösung. Dunkle Räume an schlecht beleuchteten
winkligen Korridoren — das ist kein Ausstellungsgebäude.
Die Lösung großer Architekturaufgaben hat eben ganz be-
stimmte Erfahrungen und Gesetze zur Voraussetzung, die vom
Fachmann in mühevollem Ringen erfaßt, durch künstlerische
Empfindung allein nie restlos ersetzt werden können. Unter
den etwa 80 Räumen dieses Hauses findet sich manche er-
freuliche Einzelleistung wie z. B. Schumachers Speisesaal,

Wienkoops Direktorzimmer nebst Vorzimmer (Tafel 85), Alfred
Kochs Speisezimmer, Bonatz’ Schwurgerichtssaal und andre
mehr.

Würdig und gut ist die Fassade der Architekturausstellung,
deren Inneres einen Überblick über die im Hessenlande wir-
kenden oder dem Hessenlande entsprungenen Kräfte gibt.
Werke von Ludwig Hoffmann und Messel zieren den Ehrensaal.

Olbrichs hessisches Ausstellungshaus, von außen eigen-
artig, sah ich leider nicht fertig. Unter den Einzelhäusern,
welche der Ernst Ludwigs-Verein, hessischer Zentralverein für
Errichtung billiger Wohnungen in Darmstadt, ins Leben rief,
fällt das von Wienkoop gebaute Haus Heyl durch seine ge-
sunde, ungesuchte Sachlichkeit und zweckmäßige Durchbildung
vorteilhaft auf. Mit mehr oder weniger Glück versuchen auch
die andren Häuschen das Problem der künstlerisch durchge-
bildeten Kleinwohnung zu lösen. Die Wohnküche kehrt da
erfreulicherweise in allerlei interessanten Varianten wieder. Wenn
dem gräßlichen kulturlosen Wohnelend unsrer Städte ein Damm
entgegengestemmt werden soll, so kann dies am wirksamsten
wohl nur durch die Vorführung von solchen Musterhäusern
geschehen, welche mehr als Wort und Schrift der Menge die
Augen öffnen über den unwürdigen Tiefstand ihrer Wohn-

Arbeiterhaus für zwei Familien der Firma
Cornelius Heyl in Worms.
Wohnküche.

Architekt: Arthur Wienkoop,
Direktor der Landes-Baugewerk-
schule in Darmstadt.

weise, und den Wunsch nach Besserem wecken. Kleinwoh-
nungskunst dieser Art kann man daher nicht oft genug an den
verschiedensten Stellen Deutschlands vorführen.

Regt sich irgendwo Lust und Trieb zu weiteren Ausstel-
lungsunternehmen, so müßten sie sich in dieser Richtung be-
wegen. Dann aber nur in denkbar reifster und sorgfältigster
Auswahl und Durcharbeitung! E. Högg.

Arbeiterhaus für zwei Familien der Firma
Cornelius Heyl in Worms.

Stube.

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Architekt: Arthur Wienkoop,
Direktor der Landes-Baugewerk-
schule in Darmstadt.
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