Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 89
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 11

Beschränkung auf die bürgerliche Baukunst unter Aus-
schluß des Monumentalbaus, aber mit besonderer Betonung
der sachgemäßen inneren Ausstattung jedes Gebäudes.

Als selbständige Gruppen sind angegliedert eine Ausstel-
lung des Stuttgarter Gewerbevereins, die Ausstellung
der Vereinigten Möbelfabriken Stuttgarts, beide in
besonderen Gebäuden, und eine Architekturausstellung
der württembergischen Architekten, die im großen
Saale der Gewerbehalle untergebracht ist.

Als Ausstellungsplatz stand der sehr günstig im Herzen
der Stadt und in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs gelegene
Platz der Gewerbehalle mit dieser selbst und der angrenzende
hintere Teil des durch seinen schönen Baumbestand aus-
gezeichneten Stadtgartens zur Verfügung. So war für die zu
errichtenden Wohnhausbauten eine zwanglose malerische An-
ordnung zwischen altem Baumbestand rings um den kleinen
Teich möglich, in zwar naher, aber doch den Verhältnissen
der Wirklichkeit für kleinere Landhäuser und Arbeiterwoh-
nungen durchaus entsprechender Nebeneinanderstellung, die
zugleich anmutige Gruppenwirkungen ergab und aus diesem
Zusammenwirken am besten die Vollwertigkeit und Eben-
bürtigkeit der einzelnen Leistungen beurteilen läßt.

Die größere Halle für die Möbelausstellung wurde gegen-
über der Gewerbehalle errichtet und zwischen beiden fanden
die Bauten für technische Vorführungen Platz. In der Ge-
werbehalle reihen sich rings um die Architekturausstellung
Kojen mit Zimmereinrichtungen und Einzelausstellungen der
Gruppen der Bautechnik und des Baugewerbes, sowie von Ver-
lagswerken und Bureaumaterialien.

Von dem freien Platz zwischen Gewerbehalle und Möbel-
halle bietet sich zunächst der Blick auf eine anziehende Gruppe:
in der Mitte das Doppelwohnhaus für Arbeiter der Firma
Ulrich Gminder in Reutlingen von Prof. Theodor Fischer, rechts
das kleinere, ebenfalls von einem kleinen Hausgarten um-
schlossene Arbeiterhaus der Württembergischen Cattunmanu-
factur in Heidenheim (Architekt P. J. Manz in Stuttgart) und
links das Gemeindehaus des Vereins für ländliche Wohlfahrts-
pflege in Stuttgart (Architekten Klatte & Weigle), das mit seinen
zwei rechtwinklig gestellten Flügeln zugleich eine kleine Platz-
anlage andeutet.

Das Doppelwohnhaus von Prof.Theodor Fischer (Tafel 86)
gibt ein Musterbeispiel der Bauweise, in der in den letzten Jahren
nach seinen Plänen eine große Arbeiterkolonie für die Firma
Gminder ausgeführt worden ist. Es ist für zwei verschieden
große Haushaltungen bestimmt, von denen jede eigenen Eingang
und eigenen Nutzgarten hat. Für die größere Familie, eventuell
mit Schlafgängern, sind im Erdgeschoß eine große Wohnküche,
ein Wohn- und ein Schlafraum und im Dachgeschoß zwei
Schlafstuben und eine Kammer bestimmt. Die kleinere Woh-
nung umfaßt im Erdgeschoß eine kleinere Küche und ein
größeres Wohnzimmer, das vom Kochofen mitgeheizt wird,

1 eiterhaus der Württemb. Cattun-

manufactur Heidenheim.
Wohnküche.

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Arbeiterhaus der
Württemb. Cattu n-
manufactur Heidenheim.

Architekt: P. J. Manz
in Stuttgart.

Architekt: P.J. Manz
in Stuttgart.

und im Obergeschoß je einen
Schlafraum für Eltern und Kinder.
Disposition und Ausstattung der Räume sind durchaus zweck-
entsprechend und anheimelnd. Das Äußere ist mit dem kräf-
tigen, schattenspendenden Dach wirkungsvoll gestaltet, die Far-
benwirkung durch Verwendung altersdunkler Biberschwänze
geschickt und doch wahrheitsgemäß gesteigert.

Das Arbeiterhaus von Manz für die Württembergische
Cattunmanufactur soll nach der Ausstellung in deren in den
letzten Jahren entstandene Arbeiterkolonie übertragen werden.
Es ist für eine Familie mit kleinen und erwachsenen Kindern
bestimmt und enthält deshalb im Erdgeschoß Küche und
Wohnraum, unmittelbar ineinander übergehend und mit Herd-
ofen, zwei Schlafstuben und Abort, im Obergeschoß noch
zwei Schlafstuben, eine Kammer und einen Taubenschlag
und im Untergeschoß Waschküche, Holzraum u. s. w. Der
schmucke, gut eingerichtete Bau beweist haushälterische Ver-
wendung bescheidener Mittel. Der ringsumlaufende Garten-
streifen ist von A. Lilienfein & Sohn ganz zweckentsprechend
als Nutzgärtchen angelegt und mit den für den Haushalt
wünschenswerten Gemüsen und Küchenkräutern besetzt,
wobei doch für freundliches Aussehen und passenden Blumen-
schmuck gesorgt ist.

Das Gemeindehaus (Tafel 86 u. S. 90) ist im Auftrag
des Vereins für ländliche Wohlfahrtspflege in Württemberg als
Beispiel gedrängter Anordnung und praktischer Raumausnutzung
in der den Anforderungen einer kleineren Landgemeinde ent-
sprechenden Größe errichtet. Das ganze Gebäude ist aus Kalk-
sandsteinen und Fach werk hergestellt, so daß es an einem
andern Ort wieder aufgebaut werden kann.

Den Hauptraum bildet ein durch die offene Vorhalle zu-
gänglicher Saal mit Bühne bezw. Podium. Er soll als Ge-
meindesaal und für die Kleinkinderschule, sowie für leichtere
Turnübungen dienen. Die Bänke sind verstellbar, so daß sie
auch für Erwachsene bequem sind. Daneben liegt mit be-
sonderem Eingang und Abort ein Zimmer für den Jünglings-
verein. Die Trennungswand zwischen beiden Räumen ist
schallsicher, aber leicht wegnehmbar, so daß sie auch gemein-
sam, für Lichtbildervorträge u. s. w. benutzt werden können.
Ein kleiner Raum enthält mustergültige Turngeräte, ein andrer
Verbandzeug und Geräte zur ersten Hilfe bei Unglücksfällen.
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