Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 91
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 11

Sommerhaus. Architekten: Stahl & Bossert in Stuttgart.

hat kräftige Bemalung und dunkle Balkendecke erhalten. Im
ländlich gehaltenen Wohnzimmer sind die Wände mit einer
durch buntes Schnitzwerk versehenen Vertäfelung, die Fenster
mit Bleiverglasung versehen. Im Speisezimmer sind die Wände
mit buntem Stoff zwischen weißen Stäben bespannt, darüber
zieht sich eine ruhige, mit breiter Goldleiste eingefaßte, grau-
getönte Fläche ringsum und darüber wölbt sich leicht die in
Weiß und Gold gehaltene Decke.

Vom Weinhaus durch eine Wiesenfläche getrennt steht
das Arbeiter wohn haus, das
die Beratungsstelle für das Bauge-
werbe für den Geh. Kommerzienrat
Junghans (Vereinigte Uhrenfabriken
von Gebr. Junghans & Thomas
Haller, A.-G. in Schramberg) er-
richtet hat (S. 90). Das von Re-
gierungsbaumeister Schuster unter
Oberleitung von Direktor Schmohl
entworfene Häuschen ist am Berg-
abhang eines Schwarzwaldtales
stehend gedacht und lehnt sich des-
halb in seinem Äußeren mit dem
großen weitiiberstehenden Dach,
dem Sockel aus Buntsandstein, der
Schindelverkleidung, der Freitreppe
und der farbigen Behandlung der
Fensterläden und Blumenbretter an
alte Schwarzwälder Bauernhaus-
typen an.

Die Freitreppe führt zum Vor-
platz mit Treppe, von dem zwei
Stuben, Küche und Abort direkt zu-
gänglich sind. Beide Stuben haben
kleine Ausbauten, die Wohnstube
mit erhöhtem Fenstersitz, dieSchlaf
stube zur Aufstellung des Kinder-
bettes. Im Obergeschoß nimmt eine.

Laube die ganze Breite der Vorder-
ste ein, dahinter liegen drei Kam-
mern. Das nach hinten in den Berg
einschneidende Untergeschoß wird
in Wirklichkeit Waschküche, Ge-
räte-, Holz- und Kohlenräume ent-
halten. Die Beheizung des ganzen
Hauses geschieht durch einen von
der Küche aus zu beschicken-
den Zentralluftheizungsofen in der

Wohnstube.

Die ganze Ausstattung ist
schlicht und zweckmäßig und atmet
eine heitere Farbenfreudigkeit.

Unmittelbar daneben, ebenfalls mit dem Giebel nach vorn,
steht das schwäbische Sommer- und Ferienhaus von
Regierungsbaumeister R.Dollinger(S.92). Auch dieses knüpft eng
an die heimische Bauweise an mit seinem altschwäbischen Fach-
werkgiebel. Im Erdgeschoß liegt der große gemeinsame Wohn-
raum, durch einen gemauerten Bogen geteilt und mit Erker und
gemütlichen Sitzplätzen ausgestattet. Auf der geräumigen Veranda
können die Mahlzeiten in freier Luft eingenommen werden;
sie vermittelt den Zugang zum Garten. Das Obergeschoß enthält
drei Schlafräume für fünf Betten und Bad. Unter dem Dachfirst
ist Platz für Hängeboden, Kofferraum und Dienstbotenkammer.
Im Untergeschoß ist ein Kellerraum und eine Holzlege anzu-
nehmen. Die innere Einrichtung ist der Bestimmung des Sommer-
hauses entsprechend einfach und gefällig gehalten. Die Baukosten
würden je nach den örtlichen Baupreisen und der inneren Aus-
stattung ohne Möbel und Einrichtung 7—8000 Mk. betragen,
also auch für mäßig Begüterte immerhin zu erschwingen sein.

So ist auf engem Raum eine ganze Reihe tüchtiger Leistungen
nebeneinander gestellt, die wohl als vorbildlich für die gestellten
Aufgaben gelten können, zweckentsprechend im Grundriß wie
in der Gestaltung der Räume und schlicht und sachgemäß im
Aufbau. Besonders erfreulich ist die durchweg solide Aus-
führung der Arbeiten im Innern wie Äußern, lehrreich vor allem
die verschiedene Ausbildung der Wohnküche. Wie im Äußern
ungesucht der Anschluß an überlieferte Bauweise gefunden ist,
so ist auch die farbige Behandlung des Innern und der Möbel
bei aller Selbständigkeit und Frische doch wohltuend ruhig
und sachgemäß. Nirgends sind gewagte Stimmungsexperimente
mit Farben gemacht wie anderwärts, wo alle Räume von
Arbeiterhäusern in derselben kräftigen Farbe gehalten sind.

Vorhalle in der Gewerbehalle.

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Architekten: Eisenlohr & Weigle, Oberbauräte in Stuttgart.
Ausgeführt von Felix Müller in Stuttgart (Vertreter von Villeroy & Boch in Mettlach).
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