Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 92
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 11

Schwäbisches Sommer- und Architekt: Richard Dollinger

Ferienhaus. in Stuttgart.

Nicht auf der gleichen Höhe steht leider das Haus des
Stuttgarter Gewerbevereins, dessen Äußeres nicht zum klaren
Ausdruck des Inhalts geworden ist und mit den unorganisch
zusammengestellten Motiven und »stilistischen« Ornamentzu-
taten noch an die Bauweise erinnert, deren endgültige Über-
windung die Bauausstellung bezweckt.

Das als »Haus zum Brunnen« bezeichnete Cafe weist
eine seltsame Mischung fremdartiger Motive auf, die in dieser
Umgebung unnatürlich erscheinen müssen. Auch das prunk-
voll ausgestattete Innere läßt die reife Abklärung und sorgfäl-
tige Durchbildung der Einzelheiten vermissen, die bei den Ar-
beiter- und Landhäusern bei aller Einfachheit fast durchweg
zu Tage tritt.

Von den technischen Vorführungen dienenden Einzelbauten
sind zunächst die drei Eisenbetonbauten der Firmen Wayß &
Freytag, Rek und Böhmler zu erwähnen. Sie verweisen nach-
drücklich auf die ungeahnte Entwicklung vollständig neuer Bau-
formen und Raumgebilde, die wir von dem Eisenbetonbau er-
warten dürfen; damit ist wohl die einschneidendste und zugleich
entwicklungsfähigste Umwälzung unsres Bauwesens angedeutet.

Die Eisenbetonhalle von H. Rek ist ein auf sechs Eisenbeton-
pfeilern ruhender Hallenbau mit Dachbindern in flacher Bogen-
form von 13 m Spannweite. Die Firma Wayß & Freytag hat eine
9,5 m lange, 15,8 m breite und 8,7 m hohe Halle erstellt. Die
vier Binder haben einen Abstand von 2,7 m, auf welche Ent-
fernung die darübergespannte Dachhaut aus Eisenbeton sich
frei trägt. Otto Böhmler zeigt die bereits mehrfach auf Bahn-
höfen ausgeführte einstützige Perronhalle, deren Dach ohne
Kragträger nach beiden Seiten je 4 m weit ausladet.

Im Innern der Halle von Wayß & Freytag zeigt die Material-
prüfungsanstalt der Kgl. Technischen Hochschule
ihre Einrichtungen für Untersuchungen von Zement, zur Her-
stellung von Versuchskörpern aus Beton mit und ohne Eisen-
einlagen, zur Ermittlung der Zug- und Druckfestigkeit von Beton,
Steinen u. s. w., wie zur Untersuchung von Eisenbalken.

Ein weiterer in technischer Beziehung bemerkenswerter
Bau ist dasTektonhaus derWürttemb.Tektonwerke, G.m.b.H.,
von Baurat Karl Hengerer. Tekton ist ein neuer Baustoff, be-
stehend aus Holz, das nach seiner Längsfaser in eine wie Beton
abbindende Masse untrennbar eingebunden ist. Die Masse er-
hält denselben Dehnungskoeffizienten wie Holz. Erstere nimmt

die Druckspannung, letzteres die Zugspannung auf. Die Bau-
teile werden in der Fabrik getrocknet und auf dem Bau ein-
fach zusammengesetzt. So läßt sich in außerordentlich kurzer
Zeit ein vollständig trockenes Haus aufstellen. Den Beweis dafür
lieferte Baurat Hengerer, indem er das ganz aus Tekton her-
gestellte Haus kurz vor Eröffnung der Ausstellung in zwei
Arbeitstagen fertig aufrichten ließ. Tekton ist nagelbar und
bietet gute Isolierung für Wärme und Schall.

Nahe dem Gemeindehaus steht ferner ein kleiner Bau aus
Duroplatten (einer besonderen Art von Gipsbauplatten)
des Duroplattenwerks Konstanz, G. m. b. H. Auch dieses
Material soll raschere und trockene Bauausführung durch Er-
sparnis des Verputzens ermöglichen. Die je nach der Ver-
wendungsart in Größen bis zu 6 qm und in Stärken von 1 bis
15 cm hergestellten Platten sind säg- und nagelbar, halten An-
strich und Tapeten und wirken schalldämpfend und isolierend
gegen Temperaturunterschiede. Sie werden zur Bekleidung
innerer Wände (auch gegen äußere Feuchtigkeit), zur Verschalung
des Holzwerks in Fachwerkwänden, zur Herstellung freitragender
Zwischenwände, rißfreier Decken, zur Verkleidung von Shed-
dächern u. dergl. empfohlen, vor allem als Unterlage für Lino-
leum, das sofort darauf verlegt werden kann. Die Druckfestig-
keit wird auf etwa 146 kg qcm angegeben. Die Fugen werden
mit sattem Gipsleim gedichtet. Auch Wandplättchen und Orna-
mente werden aus Duromasse hergestellt.

Das Wiirttembergische Teer- und Asphaltgeschäft
W i 1 h e 1 m V o 1 z hat einen offenen Pavillon mit von acht Säulen
getragener Kuppel geschickt und wirkungsvoll in Form und
Farbe aus seinen Erzeugnissen aufgebaut Die aus Abortabfall-
rohren bestehenden Säulen stehen auf einem Boden aus Asphalt-
platten, die Kuppel ist mit Asphaltpappe gedeckt. Im Innern
sind die weiteren Erzeugnisse aufgestellt.

Von besonderer Bedeutung für Stuttgart, das noch keine
allgemeine Kanalisation besitzt, ist die Vorführung einer bio-
logischen Kläranlage im Anschluß an die Bedürfnisanstalt;
zur Beobachtung des Betriebes ist zwischen Klärgrube und
Abortraum ein Zwischengeschoß eingeschoben.

Das Ziegelwerk Höfer & Co., G. m. b H., in Stuttgart-Berg
hat an und in seinem inmitten der Parkanlage des Stadtgartens
errichteten Ausstellungsbau seine mannigfachen trefflichen Er-
zeugnisse, Klinker, Verblender, Handstrichsteine, Formsteine,
engobierte Biberschwänze, Fußbodenplatten, Glasuren, Radial-
und Kanalisationssteine vorgeführt.

In einem Schulpavillon von der A.-G. für Holzbearbeitung
Ferdinand Bendix Söhne in Berlin zeigt das Hochbauamt Stuttgart

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Tektonhaus.

Architekt: Baurat Karl Hengerer in Stuttgart.
Ausführung: Wiirttemb. Tektonwerke G.m.b.H.
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