Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 98
DOI Heft: 10.11588/diglit.27776.15
DOI Seite: 10.11588/diglit.27776#0108
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1908/0108
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 12

7) Aus der Kirche zu
Skjödstrup.

8) Von der Kirche zu
Thisted. Mit Runen.

9) Grabstein 11*) Von Skröbeleff 12) Von der Kirche 14) Grabstein des Dom-
von Gjemsing. auf Langeland. zu Weilby. herrn Atto (f 1217) aus der

Kirche zu Westerwig**).

16) Aus dem Dome
zu Rotschild
auf Seeland.

altgermanischen, sondern erst des vollendeten deutschen Wesens,
das schon von allen Seiten her seine Anregungen erfahren und
seine Erfahrungen gesammelt hatte. Von den Rittern darin
wissen wir, daß ihre Zeit nicht vor der des Rittertums liegen
kann; aber auch die Drachen mit Beinen, Flügeln und Schweif
sind Wesen, die, so urgermanisch sie uns scheinen, erst seit
dem 10. Jahrhundert sich zu den andern Tieren und Fabel-
wesen ihrer Vorstellungswelt gefunden und zu der Gestalt ver-

Gestaltung gekommen ist durch den nationalen Aufschwung
des Germanentums in Berührung mit den westländischen und
den christlichen Sagenkreisen und Religionsvorstellungen, und
in Anlehnung daran, und im Widerstreite dazu. Und was den
germanischen Tempel angeht, von dem manche die kräftigsten
Einwirkungen auf die kirchliche Baukunst in diesen Gegenden
ableiten wollen, so ist er doch selbst erst in die Erscheinung
getreten als Folge der Kenntnis christlicher Kirche und Christ-

5) Das sogenannte Bischofsgrab bei der Kirche zu Sjöring.

dichtet haben, in der sie nun einen Teil unsres Vorstellungs-
schatzes bilden.

Und so hat es denn eine germanische Kunst, die sich rein
aus und in sich selbst hätte entwickeln mögen, und die wir
erkennen könnten, indem wir etwa das Fremde an den Werken
_ hinwegnähmen, an welchen sie ihr Teil

hat, zu keiner Zeit gegeben; es wird
y" \ auch in Zukunft keine solche geben

L.._mm.J können.

Wollen wir, dies dahingestellt sein
lassend, uns bei dem Streben
nach Erkenntnis in die Fänder
weisen lassen, wo das Ger-
manentum, unbehelligt und für
sich, jahrhundertelang gelebt
und sich entwickelt zu haben
scheint, so wenden wir den
Blick nach Skandinavien, wo
die Edda niedergeschrieben
und die Runenschrift noch
heute nicht ganz erloschen ist.

Wir müßten uns aber belehren
lassen, daß die Runenschrift,
diese germanische Erfindung,
doch erst aus der Bekannt-
schaft mit den lateinischen
Schriftzügen erwachsen ist;
daß der deutsche Götterglaube
erst verdichtet und zu fester

13) Erhabener Grabstein vom
Dome zu Ripen.

Kirche

ruhnen.

licher Kultur. — Den Stoff zur Gewinnung solcher Erkenntnis
findet, wer danach sucht, reichlich geboten bei Sophus Müller
(Nordische Altertumskunde, Straßburg), und der Gang der Ent-
wicklung ist schön und klar dargelegt
in einem neu erschienenen Buche des
Professors zu Christiania L.Dietrichson:

>Vor Fädres Värk«, das in bequemer,
kurzer Darstellung die Vergangenheit
Norwegens auf dem Gebiete der Kunst
behandelt. Man kann wohl erwarten,
daß es auch deutschen Lesern
zugänglich werde. Wir sehen
hier dargelegt, wie nacheinander
die verschiedenen Kulturen, die
römische, irische, karolingische,
teils Vorbilder, teils Anregungen
geliefert haben, wie sich diese
der germanische Geist ange-
eignet, in sich wiedergespiegelt
und in seiner Weise neu aus
sich geboren hat, immer aus
ihren Wegen in seine eigen-
tümlichen Bahnen einlenkend,

17) Aus der
zu Seden auf

*) Das doppelte Kreuz bezeichnet hier,
wie öfters, das Grab als Doppelgrab, für Mann
und Frau.

**) Interessant ist es, mit diesem Kreuze
und den folgenden das Kreuz von Leitzkau zu
vergleichen (Abbild, in Ottes Kunstarchäol. und
Adlers Backsteinbauten), es mutet ähnlich an und
ist doch grundverschieden.

15) Grabstein auf dem Guts-
hofe Boiler im Kirchspiel Uth.
Gewidmet dem Petrus, Sohn
des Goti.

98
loading ...