Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: 101
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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 12

ermittelt und heraus-
gebracht habe. Er ist
nicht dänischer, son-
dern schwedischer
Herkunft, wohl kein
Grab- sondern ein
Denkstein, und stammt
aus der Zeit ums Jahr
1000. Er ist als stehen-
der Pfeiler gebildet;
vorn und an den Sei-
ten mit Schrift, hinten
mit Ornament über-
deckt. Er zeigt, wenig-
stens so wie er jetzt,
im beschädigten Zu-
stande, dasteht, kein
Kreuz, dagegen trägt
er in Runen die Angabe,
daß der zu feiernde
Held eirt Christ gewe-
sen. Dieses kleine
Werk scheint uns bei
seiner Durchbildung
(selbst die Kanten sind
als Rundstäbe geformt) ein recht vollendeter Ausdruck dessen, was
die germanische Kunst auf diesem Gebiete zuletzt erreicht hatte.

Man wird hier fragen, wo bleibt denn das Kreuz selbst
als Grab- oder Gedächtnismal, jenes Zeichen, das wir unsre
Friedhöfe so beherrschen sehen, daß es sich fast zur alleinigen
Anwendung durchgedrängt hat?

Man kann hierauf zunächst antworten: Das ist nicht so einfach
gewesen, Kreuze aus Findlingsblöcken zu bilden. Es wäre wirk-
lich schon eher Sklaven- als Herrenarbeit gewesen. Ferner
aber auch: Das Kreuz ist zwar als Denkmal des Erlösers und

35) Grabplatte des Gillaciarain in Clonmagnoise (Irland).
Abb. 35 bis 38 aus „The Architectural Review" (London).

der Erlösung das richtige Zeichen. Aber eben darum doch
kaum als Denkmal jedes auf dem Friedhofe Beigesetzten passend.
Insofern gehörte in eine Abhandlung über alte Grabmalkunst,
und besonders über Grabmalkunst der Germanen kaum eine

andre als ablehnende Betrachtung des Kreuzes.

) Kreuz auf dem Friedhof in Clonmagnoise (Irland).

Doch ist die
Frage immerhin
wert, daß sie eine
genauere Antwort
erhalte. Angesichts
der wahrhaft glän-
zenden Kunstent-
faltung, die sich in
den irischen und
schottischen mo-
numentalen Stein-
kreuzen zeigt * *),

*) Die etwa gleich-
zeitigen irischen Kirch-
hofs- und Gedächtnis-
kreuze tragen auf dem
Schaft meist in figu-
renreicher Darstellung
Szenen aus der Er-
lösungsgeschichte(vgl.
Architectural Review,
London 1906, Heft 1
und 3). Es wäre eine
verlockende Aufgabe,
hier einige dieser merk-
würdigen Gebilde vor-
zuführen, und verglei-
chend den Gang der
dortigen Entwicklung
zu verfolgen. Aberdas
kann nicht im engen
Raume dieser Abhand-
lung geschehen, doch
fügen wir für diejeni-
gen, denen diese Denk-
mäler nicht bekannt
sind, einige ausge-
wählte Beispiele (nach

will man wis-
sen, was denn
Skandinavien,
und im beson-
deren die jüti-
sche Halbinsel,
auf demselben
Gebiete gelei-
stet habe.

Da ist denn
kein Zweifel,
hätte es hier so,
wie dort, einen
zu jeder Ge-
staltung wohl
brauchbaren,
also auch zur
Betätigung der
Kunst in Be-
handlung der
Kreuzform an-
reizenden Stein
gegeben, dann
würde das von
Denkmälern
des frühen Mit-
telalters gerade-
zu angefüllte

Jütland auch ^6) Grabstein’auf dem Kirchhof in Fahan, County Donegal (Irland.)

solche erzeugt haben und heute noch aufweisen. In dem an
Steinarten reichen Norwegen gibt es wirklich noch eine Anzahl
alter steinerner Kreuze. Reizten die irischen Vorbilder nicht
dazu an, sie zu bilden, so war doch überhaupt der Gebrauch,
den Friedhof und geweihte Orte mit dem Kreuze zu bezeichnen,
es aufzurichten an der Stelle, wo ein Mord geschehen, ein
Märtyrer gestorben, einWunder vorgekommen ist, in der Christen-
heit so allgemein, daß er hier nicht ohne Wirkung und ohne
Zwang der Nachfolge bleiben konnte.

Er ist auch nicht ohne solche geblieben; es gäbt ein Bei-
spiel in Jütland
auf freiem Felde
bei Aastrup im
Sallinglande. Es
ist jedenfalls ein
Mordkreuz, nicht
groß (1 m hoch),
von gar beschei-
denerbodenstän-
diger Erschei-
nung, mit unsäg-
licher Mühe aus
dem Granit-
blocke herausge-
hauen (Abb. 33).

Es fehlt auch
nicht an einem
Seitenstücke von
noch bescheide-
nerer Art; auf
dem Friedhofe zu

38) Nördliches Kreuz auf dem Friedhof in Kilklispeen (Irland).

Architectural Re-
view, London 1906)
bei.Dasam reichsten
geschmückte Bei-
spiel irischer Kreuze
das berühmte
Ruthwell-Kreuz —
darf wohl allgemein
als bekannt voraus-
gesetzt werden (ab-
gebildet z. B. in
Franz Xaver Kraus,
Geschichte der
Christlichen Kunst
I, 613).

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