Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

Seite: ag
DOI Heft: 10.11588/diglit.27776.17
DOI Seite: 10.11588/diglit.27776#0233
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/architektonische_rundschau1908/0233
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 2

Donaugebiet. Mit Ausnahme von Würzburg, Hamburg und Magdeburg, wo
der Verkehr mit den Slawen schon früh zu Städtebildungen führte, bestehen
bis ins 12. Jahrhundert nur Marktansiedlungen bei den Königspfalzen und
den Sitzen der Geistlichen und Fürsten mit ausschließlich handel- und
gewerbetreibender Bevölkerung. So bestand Goslar, bevor es gegen Mitte
des 12. Jahrhunderts Stadt wurde, aus 4 Einzelgebilden, der königlichen
Pfalz mit dem Dom, der Ansiedlung der Bergleute (Frankenberg), der An-
siedlung der Bergunternehmer (Bergedorf) und der kaufmännischen Markt-
ansiedlung. Der Grundriß solcher Marktansiedlungen ist nur selten mit
Sicherheit festzustellen. Nur im braunschweigischen Flecken Gittelde ist
uns ein solcher deutlich erkennbar erhalten, dessen ziemlich regelmäßig
reihenweise Anlage der Höfe mit regelmäßigem Umriß als planmäßige
Gründung von 965 anzunehmen ist.

Die Städtegründungen beginnen mit Freiburg i. Br., das 1120 von
Bertold von Zähringen mit Mauern, festem Grundriß und gemischter Be-
völkerung gegründet wurde. Dann folgen rasch aufeinander Bern, Lübeck,
Stendal, Schwerin, Leipzig u. s. w. Bisher ist gar nicht beachtet, daß im
13. — in Thüringen schon in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts —
auch westlich der Elbe eine geradezu massenhafte Neugründung von
dynastischen Städten einsetzt, die an Bedeutung hinter der gleichen Be-
wegung des Ostens keineswegs zurücksteht. Meist erfolgt die Stadtanlage
neben einer älteren Ansiedlung, die entweder außerhalb der Stadtmauer
fortbesteht oder ihre Bewohner an die neue Stadt abgibt.

Wie bei den Stadtgründungen des 13. Jahrhunderts östlich der Elbe
läßt sich die planmäßige Gründung auch bei den Städten westlich der
Elbe an der Übereinstimmung der Hauptgrundrißformen nachweisen. Für
das ganze 12. Jahrhundert sind zwei Grundrißformen bezeichnend, die
später verschwinden, beide gekennzeichnet durch ovale Umrißlinien mit
Mauer und Graben und an dieser innen entlanglaufender Straße und durch
eine stark ausgesprochene geradlinige Längsachse (Heerstraße).

Bei dem einen Typus sind die beiden Stadthälften zwischen Haupt-
straße und Mauerstraße durch Querstraßen aufgeteilt, die annähernd recht-
winklig auf jene stoßen, so daß eine Art Rückgrat mit beiderseitigen
Rippen entsteht. Die Nebenstraßen sind unter sich nur durch mehr ge-
legentliche Zwischengäßchen für Fußgängerverkehr und mit den Haupt-
toren an den Enden der Hauptstraße nur durch diese verbunden. Häufig
ist die mittlere Querstraße eine zweite Heerstraße mit zwei weiteren Toren.
In Lübeck besteht die Hauptachse aus zwei ziemlich dicht nebeneinander
laufenden Straßen.

Bei dem anderen Typus sind die Nebenstraßen zwischen der gerad-
linigen Hauptachse und der gebogenen Umrißlinie gebogen geführt, etwa
wie die Meridiane auf projizierten Landkarten. Sie treffen sich vor dem
Innentor spitzwinklig fni't der Hauptstraße. Bei kleineren Städten dieser
Art fehlt wohl auch die Hauptachse (Wittenberge a. E.). Die Querachse
erweitert sich häufig zu einem Markt und zur Aufnahme der Stadtkirche.
In Braunschweig findet sich dieser Typus dreimal nebeneinander in drei |
Anlagen Heinrichs des Löwen, in der erweiterten Altstadt, dem Hagen und !
der Neustadt, deren Straßen alle gegen das älteste Petritor zusammenlaufen. |

Ein dritter Typus, der erst im 13. Jahrhundert westlich und östlich der j
Elbe massenhaft auftritt, aber schon für Leipzig (zwischen 1156 und 1170)
und thüringisch-hessische Städte im 12. Jahrhundert angewandt ist, erscheint [
erheblich regelmäßiger. Das Ganze wird durch gerade, rechtwinklig sich j
kreuzenden Straßen in rechteckige Häuserblöcke geteilt. Der Unterschied
zwischen Haupt- und Nebenstraßen ist verwischt, so daß nicht mehr die |
Straßenzüge, sondern die sorgfältig rechteckig gelegten Häuserblöcke als
Hauptsache bei der Planung erscheinen. Man kann darin wohl eine Beein-
flussung durch antike Stadtpläne, wie sie seit Hippodamus von Milet (im
5. Jahrhundert v. Chr.) immer wiederkehren, sehen, die durch die Kreuzzüge
vermittelt sein dürfte. Als Nebenform erscheinen Städte mit rechteckigem
Umriß in der Form eines römischen Lagers (Jena).

Eine vierte Art bilden die von besonderen Geländeverhältnissen be-
stimmten Grundrisse.

Bedeutungsvoll für die Geschichte der Städte ist die Erkenntnis, daß
allgemein der Gesamtgrundriß eher da war als die Häuser und die Be- j
wohner, und daß nicht das Emporstreben der Städte, sondern der Wille
und die Voraussicht der Dynasten die Städte geschaffen hat, in welche
die Bürgerschaft hineingewachsen ist.

Die anschließende Besprechung brachte noch mannigfaltige lehrreiche
Ergänzungen von Einzelheiten durch Cornelius Gurlitt u. a. Geh. Oberbaurat )
Stübben führte aus, daß die größere Unregelmäßigkeit der älteren An- j
lagen wohl nicht absichtlich oder aus künstlerischer Überlegung entstanden I
sei, vielmehr durch Beibehaltung alter Wege, durch Ortseigentümlich-
keiten, Fehler im Abstecken und vielfache Veränderungen im Lauf der |

Rathaus in Schlüchtern. Architekt: Oberbauinspektor Emil Lang

in Kolmar.

Jahrhunderte durch Um- und Wiederaufbau, dann endlich durch Willkür
und spätere Kunstübung, die aus unbewußter Empfindung und aufmerk-
samer Beobachtung hervorgegangen ist. Manche Städte haben erst in der
Renaissancezeit ihre volle Schönheit erlangt. Rücksichten auf Verkehrs-
fragea in unserem Sinne und Hygiene waren im Mittelalter unbekannt.
Er schloß mit dem nachdrücklichen Hinweis, wie falsch es ist, die Fest-
legung von Fluchtlinien den Tiefbauämtern zu überlassen, zu deren fest-
gelegten Plänen die Architekten dann den körperlichen Aufbau erfinden
sollen.

Zur Vorbereitung auf den Ausflug am folgenden Tage schilderte dann
Prof. Wickop-Darmstadt an der Hand reichen Bildmaterials die geschicht-
liche Entwicklung Wimpfens und seine Bauten*). Zugleich wurde den
Teilnehmern eine im Auftrag der hessischen Regierung von Prof. Kautzsch
verfaßte Festschrift überreicht: »Die Kunstdenkmäler in Wimpfen a. Neckar«,
eine treffliche, reich mit Zeichnungen und Photographieen ausgestattete Arbeit.

Den Beschluß bildeten Mitteilungen von Prof. Dehio-Straßburg über
das Fortschreiten des »Handbuchs der deutschen Kunstdenkmäler« und
von Prof. Stiehl-Berlin über die Vorbereitungen zu dem Sammelwerk
deutscher Bürgerhäuser.

Als Ort für die nächste Tagung ist Lübeck gewählt.

Am dritten Tage führte ein Extrazug die Teilnehmer nach Wimpfen,
dessen malerische Herrlichkeit sich bei herrlichstem Herbstwetter im vollen
Glanze darbot. Die fachmännische Führung hatten Oberbaurat Hofmann
und Regierungsbaumeister Zeller aus Darmstadt, sowie Prof. Wickop-

*) Vergl. Heft 7, Jahrgang 1906 unsrer Rundschau.

Pttitv*


’-QSleu1

"40
loading ...