Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 10

angebracht an der Hauptkrone im Schiff
48 Lampen, auf den Emporen 54, auf dem
Orgelchor 7, an Wandarmen der Emporen 20,
unter den Emporen 32 und auf der Kanzel
2 Lampen; zusammen 163. 47 Lampen dienen
zur Beleuchtung der Eingänge, Vorhallen und
Nebenräume.

Dagegen ist die kürzlich fertiggestellte,
von Baurat Astfalck erbaute Passionskirche
am Marheinekeplatz, eine Zentralanlage mit
1026 Sitzplätzen, mit quadratischem Mittel-
raum von rund 13,5 m Seitenlänge und vier
6,5 m tiefen Kreuzarmen, deren Kuppelmitte
i. L. 30 m über dem Fußboden liegt, nicht
durch Kronleuchter und Lampengruppen er-
leuchtet, sondern durch halbzerstreutes Licht
aus 8 Bivoltalampen von etwa 900 NK- Diese
hängen in einem Kreise von 1,5 m Durch-
messer von der Kuppelmitte herab und sind
durch einen schalenförmigen Schirm von 4 m
Durchmesser abgedeckt. Der Lichtschirm ist
auf der unteren Seite mit Glasmalerei ge-
schmückt, auf der oberen (Innen-) Seite mit
Milchglas ausgelegt, um die Reflexwirkung
zu steigern. Die Bemalung zeigt vier breite
konzentrische Ringe, die durch 12 von der
Mitte aufsteigende Streifen in ebensoviel Fel-
der geteilt werden. Gegenstand der von Baurat
Astfalck entworfenen und von der Deutschen
Glasmosaik-Gesellschaft Puhl & Wagner aus-
geführten Darstellung ist das Firmament mit
seinen Sternbildern, stilisierten Regenbogen
und Wolkenbildungen, denen feine Gold- und
Silberschichten perlmutterartige Tönungen ver-
leihen. Die von den Lichtbögen ausgehenden
Strahlen werden fast sämtlich an die Decke
und von dieser nach unten zurückgeworfen.
Die über der Orgel befindliche Wölbung wird
durch zwei verdeckt angebrachte Bivoltalampen
erhellt und wirft ebenfalls die Lichtstrahlen
nach dem Schiff zu zurück. Die Emporen, die
Eingänge, Treppenhäuser und Nebenräume
sind durch 75 Tantallampen von je 25 NK be-
leuchtet. Die Anlage wurde ebenso wie die der Reformations- und der
Marthakirche durch die Siemens-Schuckert-Werke ausgeführt.

Zum Vergleich angestellte Messungen ergaben in der Melanchthon-
kirche eine mittlere Beleuchtungsstärke von rd. 12,5 Lux*), in der Heilig-
Kreuzkirche am Blücherplatz, die durch 338 offene Schmetterlings-Gas-
brenner beleuchtet ist, von 6,3 Lux

Leuchter.

Entwurf vonj. M. Gradl in Stuttgart.
Ausgeführt von A. Irion daselbst.

und in der
13,5 Lux.

Passionskirche von

Urkundliches vom Städte-
bau. Daß die wundervolle indivi-
duelle Schönheit alter Städte nicht
»geworden« ist, wie die bequeme
Ausrede lautet, sondern daß sie
auch planmäßig und mit Bewußt-
sein entwickelt wurde, dafür hat
Prof. Heinrich Tscharmann unlängst
im »Kunstwart« ein prächtiges Be-
weisstück mitgeteilt. In einer 1592
erschienenen Schrift erwähnt der da-
malige Rektor zu Annaberg im Erz-
gebirge, Paulus Jenisius, besonders
zwei bei der 1496 erfolgten Grün-
dung der Stadt beobachtete Vor-
sichtsmaßregeln: »Bei Abziehung

der Gassen einer Stadt, sonderlich
im Gebirge, müssen verständige
Baumeister besonders auf zweierlei
sehen, erstlich, daß dieselben an-
sehnlich breit werden zur Erhaltung
reiner Luft, und zweitens, daß die-
selben etwas in die Krümme gehen,
um einigermaßen den Winden zu
steuern, welche sonst im Gebirge
sehr heftig und ungestüm sind.
Denn wo solches bei Anlegung
einer Stadt nicht in acht genommen
wird, tun die Winde den Leuten
auf den Gassen nicht geringe Hin-
dernisse. Es dient auch solche Un-
geradheit der Gassen den Städten
an sich zur Zierde, indem es da-
durch den Anschein erhält, als wäre
alles voller Häuser und Gebäude.
Es haben also die ersten Bau-
meister, welche den Umfang der
Stadt Annaberg und die Richtung
der Gassen bestimmten, dieses sehr
weislich beobachtet. Denn die
Gassen sind meistenteils etwas ge-

*) Lux — 1 Meterkerze, d. h. die
Helligkeit, die 1 NK auf einer in 1 m Ent-
fernung senkrecht zum Lichtstrom gestellten
Fläche hervorbringt.

Landhaus des Fräulein Itschert in Vallendar.

Wohnzimmerfenster. Zu Tafel 79.

Architekt: Willy Bock in Coblenz.

Wohnhaus in New York, 35 East 68 Str. Architekten: Carrere & Hastings in New York.
Aus »House and Garden«.

bogen, welches denen, die bei ungestümem Wetter auf den Gassen gehen,
wohl zu statten kommt.«

Eine Vermittlungsstelle zwischen Erfindenden und Aus-
führenden hat der Verein für deutsches Kunstgewerbe in Berlin einge-
richtet, um den Erfindenden Gelegenheit zu geben, ihre Entwürfe anzu-
bieten, und den Ausführenden, sich
die ihnen zusagenden Kräfte aus-
zusuchen. Der hierfür eingesetzte
Ausschuß fordert zu bestimmten
Zeiten Entwürfe und Abbildungen
ausgeführter Arbeiten für bestimmte
Gebiete ein, deren Annahme seiner
Beurteilung unterliegt. Die ange-
nommenen Arbeiten werden in der
Geschäftsstelle gegen geringe Ge-
bühr zur Einsicht ausgelegt.

Der 9.Tag für Denkmalpflege
findet am 24. und 25. September in
Lübeck statt. Auf der Tagesord-
nung stehen folgende Vorträge:
Ministerialrat Kahr, München:
»Die neuerlichen Verwaltungsmaß-
nahmen auf dem Gebiete der Denk-
malpflege in Bayern«; Geh. Hofrat
Prof. Dr. Gurlitt, Dresden: »Frei-
legung und Umbauung alter Kir-
chen«; Prof. Dr. Cie men, Bonn:
»Schutz der Grabdenkmäler und
Friedhöfe«; Direktor von Bezold,
München: »Die Erhaltung von Gold-
schmiedearbeiten«; Baurat Gräb-
ner, Dresden: »Beispielepraktischer
Denkmalpflege aus neuester Zeit«;
Baudirektor Baltzer, Lübeck; »Ver-
suche zur Erhaltung des Lübecker
Stadtbildes«; Amtsrichter Dr. B re d t,
Barmen: »Über Ortsstatute«; Prof.
Dr. Weber, Jena: »Städtische

Kunstkommissionen«; Baudirektor
Hamann, Schwerin: »Wismar und
seine Bauten«. — Am 26. September
schließt sich daran eine Dampf-
schiffahrt nach Wismar. Während
der Tagung findet in der Katharinen-
kirche eine Ausstellung von Auf-
nahmen von Lübecker Baudenk-
mälern und Plänen zur Erhaltung
des Stadtbildes, sowie von Urkun-
den zur Geschichte Lübecks statt.
Die Teilnahme am Denkmalpflege-
tag steht jedem frei (Kostenbeitrag
5 Mk.). — Am 23. September geht
die Jahresversammlung des Bundes
Heimatschutz voraus.
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