Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

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ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 10

Zu Karl Schäfers Gedächtnis.

Im Mai dieses Jahres verschied nach langer schwerer Krankheit der
Oberbaurat Professor Karl Schäfer in Karlsruhe. Die Technische Hoch-
schule Badens verlor mit ihm einen ausgezeichneten Architekturlehrer, das
Fach einen seiner besten Vertreter.

Wenn es lohnt, dem Wirken eines bedeutenden Mannes nachzu-
gehen, so besonders bei diesem großen Geiste, dessen Lebensarbeit wie
die keines andern zeitgenössischen Architekten der Allgemeinheit zu gute
gekommen ist. Ohne sein Wirken wäre an die heute schon weit gediehenen
Bestrebungen, deutsche Art in der Baukunst zu pflegen und an die Über-
lieferung wieder Anschluß zu suchen, nicht zu denken. Es darf dreist be-
hauptet werden: die ersten Anregungen zu all dem hat Schäfer durch
Worte und Werke gegeben. Die Schilderung seines Schaffens wird daher
zugleich zu einem Bericht über die Hauptziele der deutschen Baukunst
von heute.

Schäfers Jugend fällt in die Zeit der ersten Versuche, die auf eine
Wiederbelebung der nordischen mittelalterlichen Kunst abzielen. In seiner
Geburtsstadt Kassel genießt er den Unterricht Ungewitters, wächst außer-
ordentlich rasch zum eigenartigen Künstler heran und schafft schon selb-
ständig in Jahren, in denen andre noch die Schulbank drücken. Was
er aber in diesen Jugendjahren fertig bringt, trägt nicht etwa die Merk-
male knabenhafter Unreife, sondern könnte seiner Vollkommenheit wegen
von dem erfahrensten Künstler herrühren. Mit achtzehn Jahren schon ver-
öffentlicht er Aufsätze über Zweige des mittelalterlichen Kunstgewerbes,
und lehrt an der Baugewerkschule in Holzminden. Seine Lehrbefähigung
kann er in höherem Sinne und seinen Anlagen besser entsprechend mit
vierundzwanzig Jahren bewähren, als er zum Nachfolger Ungewitters er-
nannt, an der Kasseler höheren Gewerbeschule Architektur unterrichtet.
Nur zwei Jahre verharrt er in dieser Stellung; die Verwandlung dieser
Anstalt in eine gewöhnliche Gewerbeschule zwingt ihn, seinen Abschied
zu nehmen. Er wird Universitätsarchitekt in Marburg. Bis 1877 ist er in
diesem Amte tätig, aus dem er scheidet, um im Ministerium der öffent-
lichen Arbeiten in Berlin als technischer Hilfsarbeiter zu wirken. Er ist
jetzt vierunddreißig Jahre alt. Was hat er bis dahin schon alles geleistet!
Nicht nur die Zahl, sondern auch die Mannigfaltigkeit der Werke erfüllt
mit Bewunderung. Paderborn, das ihn mit zwanzig Jahren einige Zeit
hindurch als Gehilfen Güldenpfennigs sieht, stellt den Mittelpunkt seines
frühesten Wirkens dar. Es sei hier nur neben einigen Bauten geistlichen
und weltlichen Charakters an die Wiederherstellung des Domes erinnert.
Viele Orte der Diözese weisen große und kleine Arbeiten von ihm auf;
die Ausmalung der Kirche Busdorf in Paderborn, Fachwerkbauten auf
Schloß Hinnenburg bei Brakei, Möbel und Kirchengefäße. In Kassel ent-
stehen nach seinen Plänen Wohnhäuser, Grabmäler, Wiederherstellungen
von Kirchen dort und in andern Orten Hessens, in Marburg die Universität,
das botanische Institut, viele Wohnhäuser, das Geschäftshaus des Rechts-
anwaltes Grimm, ein Schloß und viele Arbeiten des inneren Ausbaues,
wie Glasfenster, Wandmalereien und Orgelbühnen. Die Grundrisse sind
klar und nach großen Gesichtspunkten geordnet, und die Gestaltung des
Geländes findet so starke Berücksichtigung, daß Schäfers Werke wie die
Universität Marburg in dieser Beziehung geradezu Vorbilder geworden
sind. Er verwendet jeden Baustoff, wird immer dessen Eigenart gerecht
und erreicht damit eine Mannigfaltigkeit im Ausdrucke seiner Architektur,
die erstaunlich ist, zumal wenn man daran denkt, daß diese Arbeiten vier-
zig Jahre zurückliegen. Heute erscheint vielen selbstverständlich, was da-
mals erst errungen werden mußte.

Was hat Schäfer befähigt, diese Wege einzuschlagen und sie sicher
zu wandeln? Nur allein sein begeistertes unermüdliches Studium der alten
Bauwerke. Wie selten ein Künstler hat er in einer Zeit, als Italien das
einzige Land der Sehnsucht war, sein Vaterland durchstreift, mit scharfem
Verstände die Bauten bis ins Kleinste durchforscht. Seine vielen Skizzen-
bücher geben Zeugnis, wie er gearbeitet, ln jeder Zeit seines Lebens
hat er die verschiedenen Erscheinungen der Baukunst studiert, mit pein-
lichem Fleiße und der allergrößten Genauigkeit gezeichnet und gemessen;
er ist auf diese Weise hinter die Eigenschaften der Baustoffe gekommen,
hat aus ihnen die Art ihrer Behandlung und ihrer Verbindungen abgeleitet
und auf solche Weise die alte Handwerksüberlieferung wieder gefunden.
Durch Vergleichung guter und schlechter Werke fand er zugleich einen
ausgezeichneten Maßstab für das Ganze und das Einzelne. Sein dadurch
gebildetes und gefestigtes Gefühl bewahrte ihn vor der kritiklosen Nach-
ahmung alter Motive.

In dem bisher geschilderten Abschnitte seines Lebens hat er die
großen Schätze gesammelt, die er von nun an mit verschwenderischen
Händen an seine Schüler austeilte. Mit seinem Eintritte in den Lehr-
körper der Technischen Hochschule zu Berlin beginnt seine Wirksamkeit
ins Große und Weite.

Sein Name wird dem großen Kreise der jungen und alten Fachge-
nossen bekannt und wert. Er liest ein Kolleg über Konstruktionen und
Formen der mittelalterlichen Baukunst, über Holzbau und inneren Ausbau
und richtet dazu Übungen im Entwerfen ein, von denen die in drei Bänden
gesammelten Studienentwürfe Zeugnis geben. Die Gründe für die beispiel-
lose Wirkung seiner Lehrtätigkeit liegen in seiner einzigartigen Persön-
lichkeit. Künstlerisches Können, umfassendes Wissen auf jedem Gebiete,
gepaart mit liebenswürdiger und geistvoller Vortragskunst wird selten
wieder in dem Maße bei einem Lehrer gefunden werden. Sein Vortrag
ist immer lebendig und im höchsten Grade anschaulich; was gesagt
werden muß, wird ohne Phrase und Umschweife dem Hörer vermittelt;
die Sprache ist nicht dialektfrei, sie verrät immer sein hessisches Heimat-
land, gelegentlich durch prächtige Einfälle, Witz und Spott gewürzt. Die
in den Vorträgen des Architekturlehrers eine große Rolle spielenden
Skizzen an der Tafel sind in ihrer Art Meisterwerke von Klarheit und
Sicherheit. Der ganze Stoff steht dem Vortragenden ohne Heft oder Vor-
bereitung zur Verfügung. Kein Wunder, daß seine Vorträge den Hörsaal
füllen, daß sie gleicherweise alt und jung anziehen! Wie im Vortrage,
so vermeidet er auch in den Übungen schematische Behandlung; Vorlagen
gibt es da nicht.

Der Anfänger wird sofort in den Arbeitsbetrieb des Architekten ein-
geweiht; er arbeitet selbständig nach gewähltem oder vom Lehrer
gestelltem Programme und zeichnet im Maßstab 1:50. Dieser Maßstab
verhindert unklare oder skizzenhafte Ausführung und zwingt den Schüler
zur Vertiefung seiner Studien. Vorgeschrittene fertigen Entwürfe zu farbigen
Dekorationen, Glasfenstern, Ausstattungsstücken für Kirche und Wohnhaus
im großen Maßstabe, oft in der Größe der Ausführung. Der Zeichensaal
gleicht in der Mannigfaltigkeit der Arbeiten dem Atelier eines auf allen
Gebieten tätigen Architekten. Mit Vorliebe wird die gotische Kunst ge-
pflegt, offenbar, weil sie durchaus konstruktiv ist, und in nordischen Breiten
entstanden und entwickelt, sich am besten unsrer Lebensweise und unserm
Klima anpaßt. In ihrem sparsamen Wirklichkeitssinne eignet sich diese Kunst-
sprache wie keine andere zum Studium der Baukunst für die heutige
Jugend. Es wird aber auch die deutsche Renaissance in den Bereich der
Übungen einbezogen, ebenso wie die Vorstufe der Gotik, die romanische
Bauweise. Die Darstellung bleibt bescheiden und sachlich; malerische
Zutaten sind verpönt, die Federzeichnung beherrscht das Feld.

Einen gewöhnlichen Sterblichen würde das in der geschilderten
Weise geführte Lehramt voll beschäftigt haben. Schäfer aber hat noch
Kraft zu vielen anderen Unternehmungen. Er wird ein gefeierter Gelegen-
heits- und Vortragsredner in den Berliner Fachvereinen. Abende, die ihn
als Redner sehen, gehören zu den großen und machen volle Häuser.
Sein drastisches Eingreifen gibt Vorträgen anderer oft eine ungewollte
und fruchtbringende Wendung. So sollten z. B. im Kunstgewerbeverein eines
Abends Erzeugnisse der modernen Töpferei als Vorbilder vorgezeigt und
besprochen werden. Schäfer läßt die Töpfe heimlich mit Wasser füllen;
als der Redner sie vorzeigen will, haben sie alle Wasser durchgelassen
und geben nun Anlaß zu einer gründlichen Belehrung Schäfers über die
notwendigsten technischen Grundlagen der Töpferei.

Seine Veröffentlichungen unterbricht er nicht; ja, sie mehren sich,
als er in den Jahren 1884 bis 1887 als zweiter Schriftleiter des Zentral-
blattes der Bauverwaltung und der Zeitschrift für Bauwesen wirkt.

Und als Hilfsarbeiter im Ministerium der öffentlichen Arbeiten nimmt
er selbständig an den meisten großen Aufgaben der preußischen Kirchen-
bauverwaltung teil und leitet privatim die Wiederherstellung der Kirchen
zu Münchenlohra und Swinemünde. In Wort und Schrift bemühte er
sich, nationalen Techniken Eingang zu verschaffen, die unnötige Ein-
führung ausländischer Baustoffe zu verhindern. Es sei hier nur an seine
Aufsätze über die deutsche Schieferdeckung erinnert. Der Geist, der heute
das Berliner Ministerium der öffentlichen Arbeiten leitet, ist ohne Schäfers
Wirken undenkbar.

Einige Bauaufträge gaben seinem starken Geist weitere Beschäftigung,
so das Geschäftshaus der Equitable-Gesellschaft in Berlin und einige
andre, die er in Verbindung mit dem Unterzeichneten ausführte. Es ent-
stehen der Wiederherstellungsbau der St. Johanniskirche und das Wohn-
haus Giesecke in Neubrandenburg, der Turm der altstädtischen evange-
lischen Kirche in Thorn, Schloßgut Rahmholz, Villa Moser in Zehlendorf,
Haus Hartung in Charlottenburg, und einige Konkurrenzen, die, mit Aus-
nahme einer für den Dom in Bremen, für das Kreishaus in Zell a. Mosel
und eine Kirche bei Trier, alle ohne Erfolg bleiben. Der Meister auf dem
Gebiete der Kirchenbaukunst bekommt in Berlin, das gerade in jenen
Tagen eine riesige Tätigkeit im Kirchenbau entfaltet, keinen Auftrag. Das
hat er schwer und bitter empfunden und das bestimmte ihn, 1894 dem
Rufe an die Technische Hochschule in Karlsruhe zu folgen.

Dort eröffnet sich seinem Schaffen ein reiches Feld, von Behörden
und Privatleuten werden ihm Neubauten und Wiederherstellungen über-
tragen. Es entstehen die altkatholische Kirche samt Pfarrhaus und der
»Kühle Krug« in Karlsruhe, die Universitätsbibliothek in Freiburg, viele
Brauereibauten, von Wiederherstellungen Jung S. Peter in Straßburg, der
Friedrichsbau zu Heidelberg, die Westfront am Dome zu Meißen. Der
Ausbau des Heidelberger Schlosses ist der Anlaß, daß sein Name, bisher
nur in Fachkreisen berühmt, auch allen andern geläufig wird, die der Kunst
nahestehen.

Wer Schäfers Wirken und Bedeutung recht verstehen will, muß tief
in sein Wesen eindringen. Zu leicht wird der junge Künstler von der
reichen formalen Begabung dieses phantasievollen Bildners gefangen und
vergißt darüber den Kern, dem inneren Aufbau zu folgen. In der Be-
handlung der historischen Baukunst kam seine Anschauung in dieser Hin-
sicht klar zu Tage. Bei der Entwicklung des gotischen Gewölbes aus
dem römischen Kreuzgewölbe, bei der Umwandlung des romanischen
Rundbogenfensters in das rechteckige des gotischen Profanbaues und vielen
andern Gelegenheiten wies er immer auf die veränderten Bedingungen
hin, die den Fortschritt verursachten und so die neue Form schufen. Der
Mann, der so über das historische Werden der Kunst dachte, konnte über
ihre Weiterentwicklung nicht anders gesinnt sein. Sein eigenes Schaffen
liefert den Beweis. Er schuf von innen heraus, dabei allen Bedürfnissen
und Errungenschaften der Neuzeit, soweit sie ihm der Beachtung würdig
schienen, Rechnung tragend. Er hat zuerst am Equitablehaus den grani-
tenen Pfeilerbau ausgeführt, so eigentlich den Grund legend für das moderne
Geschäftshaussystem. Seine Kirchen waren weiträumig und, wenn evan-
gelisch, dessen Wesen angepaßt. Darum sehen auch seine Neuschöpfungen,
wenn auch vom alten Geiste durchdrungen, nicht aus wie Bauten aus ver-
gangener Zeit. Er wählte alte Stilformen in strenger Harmonie und Rein-
heit und verdammte alle Stilmengerei, mit der der Anschein des Neuartigen
bewirkt werden soll, aufs höchste. Und hier sehen wir den Weg, auf
dem wir, vorwärtsschreitend, ihm folgen sollen. Die unerschöpflich reiche
Hinterlassenschaft unserer Väter sei unser Hauptstudienfeld! Aber nicht
kritiklos oder peinlich nachahmen sollen wir, auch nicht die äußerlich
malerische Wirkung alter Werke zu erreichen suchen, nicht Formen allein
übernehmen; den Geist jener Alten sollen wir zu erfassen suchen, die vor
eine Aufgabe gestellt, auf dem Boden alter Handwerksüberlieferung vor
allem andern die logischen Notwendigkeiten bedachten und so Neues,
für ihre Zeit Charakteristisches entstehen ließen.

Dresden, am 5. Juni 1908. Hugo Hartung.
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