Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

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Architektonische Rundschau

2. Beilage zu Heft 12. 1908

Alleinige Inseratenannahme bei Rudolf Mosse, Annoncen-Expedition für sämtliche
Zeitungen Deutschlands und des Auslandes, Stuttgart, Berlin, Breslau, Dresden,
Düsseldorf, Frankfurt a. M., Hamburg, Köln, Leipzig, Magdeburg, München,
- Nürnberg, Prag, Strassburg, Wien, Zürich -

Insertionspreis 25 Pf. für die
□ viergespaltene Petitzeile □

Von der Nordseite des Straßburger Münsters.
Nach Aufnahme der Kgl. Meßbildanstalt in Berlin.

Entstehen und Vergehen der historischen
Bauformen.

(Fortsetzung.)

Wir können diese Auflösung des Materials von ihren ersten ein-
fachen Anfängen in den Baugliedern verfolgen. Zuerst wird die Öffnung
in der Wand durch eine einfache Schmiege eingefaßt, das Material also
weggeschnitten, genau im Gegensatz zur antiken aufgelegten Einfassung
der Öffnungen. Die Schmiege läßt die damit eingefaßte Öffnung nach
außen und innen größer erscheinen, als sie ist, und erweitert den Licht-
einfall. Die Öffnung wird im frühen Mittelalter nur klein angelegt, aber
an verschiedenen Stellen der Wand verteilt, während in der Antike, wie
im Orient zum Teil noch heute, der Lichteinfall nur durch die zu diesem
Zweck groß angelegte Tür erfolgt. Beispiele sind der Bacchustempel in
Baalbek, die Hagia Sophia in Konstantinopel und die Kirche zu Mittelheim a.Rli.

Bei diesem einfachen, aber entscheidenden Schritt verbleibt es in der
neuen Kunst recht lange, stellenweise bis zum 12. Jahrhundert. Dann tritt
zuerst ein neuer Ausdruck der von Kräften durchzogenen Wand auf: der
Rundstab eingefaßt durch Hohlkehlen, stets profiliert aus dem Quadrat
heraus in Kreisbogenstücken, niemals aus freier Hand. Von hier aus ent-
wickelt sich die Profilierung in schnellem Fortschreiten immer reicher,
wie aus einem Vergleich der Portale an der Elisabethkirche in Marburg
und an den Domen zu Straßburg und Köln zu ersehen ist.

Der Spitzbogen stellt sich als Ausdruck der von unten nach oben
verlaufend gedachten Kräfte ganz von selbst ein beim Aufreißen mit dem
Zirkel und ist keineswegs das alleinige Kennzeichen des sogen. Spitzbogen-
stiles. Zuerst tritt er, sozusagen, ganz schüchtern auf, gezeichnet aus
zwei nahe beieinander liegenden Mittelpunkten, so in Mschadda. Auch
bei den Arabern, den Indern ist er gebräuchlich, ohne daß da eine Weiter-
bildung im Sinne des Mittelalters zu finden wäre, das ihn zum frucht-
barsten Ausdruck des im Bauwerk wirksam gedachten Kräftespieles ge-
macht hat.

Der Strebebogen ist entstanden aus den Strebemauern und Strebe-
pfeilern durch folgerichtige Fortnalnne des Materials an den Stellen, wo
es neben den von unten nach oben ziehenden Stützlinien überflüssig war.
In Heisterbach stehen noch volle Strebemauern zur Aufnahme des Gewölbe-
schubes, in Marienstatt tritt der Strebebogen als Träger des Systems sogar
in der Westfront auf, am prächtigsten in den Querschiffendigungen am
Dom zu Köln.

Das Maßwerk entsteht ebenfalls durch Beseitigung der nicht zum
Bestand des Bauwerkes notwendigen Wandflächen. Es beginnt mit Durch-
brechungen in den als dünne Wand in größere Öffnungen eingesetzten
Bogenfeldern, stets in Form von Kreisbogen oder deren Zusammen-
stellungen. Die Mittelpunkte geben regelmäßige Vielecke, die in den ein-
facheren Formen als Dreipaß und Vierpaß bekannt sind. Mit dem weiteren
Fortschritt verschwindet die dünne Steinplatte ganz, und aus den übrig
bleibenden alten Pfosten wachsen die jungen für das füllende Maß-
werk heraus und aus diesen wieder die Nasen, so daß der freie Raum da-

zwischen nirgends zur gähnenden Leere wird. Ganz im Anfang der Ent-
wicklung ist diese Leere noch sehr auffällig, wie bei den letzten Römerbauten
und der Hagia Sophia. Die mächtigen im Halbkreis geschlossenen Fenster-
öffnungen werden da ungeschickt durch zwei Pfosten der Breite nach geteilt,
um halbdurchsichtige, mit kleinen Öffnungen versehene Marmorplatten
aufzunehmen. Das Mittelalter verwendet eine Art Mosaik aus bunten
kleinen Scheiben mit Bleiverbindung, die stets so gezeichnet ist, daß die
Pfostenteilung in den großen Teilungen verschwindet und im Maßwerk
des Bogenfeldes ausklingt, mit Harmonie in allen Ecken und Winkeln.

Für das absatzweise Aufsteigen und die obere Endigung der größeren
Bauglieder hat die mittelalterliche Baukunst die schräge Abdeckung, den
Wasserschlag, als Zweckmäßigkeitsform, die der antiken Kunst ganz fremd
ist. Die Form aber ist an sich die Verneinung des der ganzen Kunst
innewohnenden Gedankens des Aufstrebens. Dieser Widerspruch wird
gelöst durch eine Kunstform, die an Zierlichkeit und Kraft des Ausdrucks
ihresgleichen sonst nicht hat. Das ist die Fiale. Überall wo es gilt, der
Begegnung eines von oben kommenden Druckes mit dem Aufstreben von
unten Ausdruck zu geben, endigt der stützende Teil in einer Fiale als
äußeres Zeichen eines Überschusses der aufstrebenden Kraft gegen die
niederdrückende, vergleichbar den höchsten freischwebenden Tropfen eines
Springbrunnens. In der Fiale, in der Kreuzblume des eine äußerste Voll-
endung der Fiale darstellenden durchbrochenen Turmhelmes strebt das
herrlichste Menschenwerk zum Himmel.

Wir erkennen daher in der Anwendung der unveränderlichen Gesetze
der Geometrie und Zahlenlehre die zweite Wurzel der architektonischen
Formenbildnng, deren Herrschaft in einem heute der Kultur entfremdeten
Erdenwinkel beginnt und sich in einer Pracht und Herrlichkeit entfaltet,
welche an Reichtum und Zahl die Werke der ersten Wurzel weit übertrifft
und trotzdem früher vertrocknet, als diese.

Einzelne Vorstöße hat die neue Wurzel schon früh in das Gebiet
der antiken Formensprache gemacht. Dahin gehören der Tempel der
Minerva medica, das Pantheon, der Palast des Diokletian in Spalato und
eine Reihe anderer, dadurch gekennzeichnet, daß ihre Umfassungsmauern sehr
stark, aber durch Ausnischungen strebepfeilerartig aufgelöst sind. Die voll-
ständig mit Richtscheit und Zirkel gezeichneten Profile treten mit aller
Bestimmtheit auf an dem Prachtbau in Mschadda und am Denkmal des
Theodorich in Ravenna. Letzteres ist auch vielleicht das erste Beispiel des
von Zwergsäulchen getragenen Umganges an den Kirchen des 12. Jahr-
hunderts, besonders am Rhein.

So sehen wir, wie Stamm und Zweige aus der zweiten Wurzel die
der ersten allmählich durchdringen und umwandeln, zuerst auf dem gemein-
schaftlichen Boden der römischen Kulturwelt, und dann mit der Ausdeh-
nung auf die Völker germanisch-fränkischen Ursprungs völlig selbständig
herrschen. Ihre höchste Blüte erreichte sie zuerst im nördlichen Frankreich
und das ist kein Zufall, da dort ein Material zur Verfügung stand, wie es
nicht oft in der Natur vorkommt. Der Kalkstein des Pariser Beckens ist
anfänglich weich und leicht zu bearbeiten, läßt sich hobeln und sägen,
erhärtet aber an der Luft und bewahrt, nur einigermaßen vor aufschlagendem
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