Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 24.1908

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1908

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 12

Schülerarbeiten der Lehrwerkstätten für Kunstschlosserei und Metallbearbeitung
der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Elberfeld.

Tagewasser geschützt, seine bearbeitete Oberfläche. Die sogen. Einsätze,
das allmähliche Wegnehmen des Materials nach »Maß und Gerechtigkeit«
aus dem kubischen Stein, war hier ungleich müheloser, als namentlich in
Deutschland, wo der harte Sandstein mehr Arbeit erforderte. Einigen Ein-
fluß auf die Bauformen wird man dem Material einräumen müssen. Das
Spiel mit Richtscheit und Zirkel ging in Nordfrankreich schneller als anderswo
und zeitigte eine Frühreife in den hochragenden Kathedralen, die als der
den andern Ländern vorausgehend kunsthistorisch festzustellen, erst dem Deut-
schen Mertens gelungen ist. Der deutsche Steinmetz begünstigte zur gleichen
Zeit noch die einfacheren Bildungen. Die Gotik Frankreichs und der sogen.
Übergangsstil Deutschlands sind gleichzeitige Triebe desselben Stammes.

Das Ornament erfährt von Anfang an eine ganz andere Auffassung,
als in der Antike. Hier formt es die Bauglieder an sich, die Profile; die
Säule, die Gesimse sind im Körper nachgebildete Pflanzenformen,
ln dieser Verwendung bleibt das Pflanzenornament stets stilisiert, nur da,
wo es als Verzierung von Flächen auftritt, in Friesen oder an Gefäßen, wird
es naturalistisch wiedergegeben. Die gotische Kunst benutzt die Pflanzen
nur zum Schmuck der nach geometrischen Gesetzen gebildeten Körper der
Bauglieder, und darum sind sie von Anfang an höchst naturalistisch nach-
gebildet. Sie sind nur angeheftet oder wachsen frei heraus. In den
edelsten Schöpfungen der Gotik sind die großen Hohlkehlen mit ganz frei
hinterarbeiteten Blättern geschmückt. Die Endigung der Dienste und
Pfeiler wird beim Übergang in die Gewölberippe durch einen lose aufge-
legten Blätterkranz hervorgehoben, der in den ersten Zeiten der entwickelten
Gotik nicht einmal durch die schmalen Gliederungen, Rundstäbchen unten
am Stiel, Deckplatte oben, eingefaßt ist und getreue Nachahmungen der
Blätter und Blüten heimatlicher Gewächse gibt. Im 14. und 15. Jahr-
hundert erst arten sie in krause, durcheinander geschlungene Gewächse
aus, die zwar große Kunstfertigkeit, aber wenig Verständnis für den Zweck
der Zierformen des architektonischen Werkes bekunden.

Die geistige und kirchliche Richtung war zu Beginn des 16. Jahr-
hunderts eine andre geworden. In Italien erzeugte der steigende Reich-
tum das Bedürfnis nach Entfaltung von Pracht und bedurfte andrer Aus-
drucksmittel, die aus dem Studium der dort massenhaft erhaltenen Reste
der vorchristlichen Zeit sich ganz von selbst darboten. Der Umschwung
vollzog sich um so leichter, als die Lücke zwischen der Blütezeit heid-
nischer und päpstlicher Macht nur durch die einfachen Erstlingswerke
christlicher Kunst, die prächtigen, aber in der Erfindung nüchternen Basiliken
ausgefüllt worden war und der beginnende frühromanische Stil in seinem
streng logischen Aufbau von den Italienern unverstanden blieb. Die Nach-
barländer, wo die Kunst mit dem Christentum überhaupt erst eingezogen
war, folgten willig. Während die auf christlichem Boden aufgegangene
Kunst fast ein Jahrtausend gebraucht hatte, die Antike zu überwachsen,
erlag sie selbst deren Wiedererwachen in wenigen Jahrzehnten. Technisch
erklärbar wird diese merkwürdige Erscheinung durch das Auftreten der
vervielfältigenden Künste. Holzschnitt und Kupferstich verbreiteten bald die
neue Kunst in alle Werkstätten.

An neuen Elementen hat die Renaissance den alten Formen so gut
wie nichts hinzugefügt. Beispielsweise kommen in den gewaltigen Bauten
von Baalbek, aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., Ornamente vor, die ebensogut
in das 15. Jahrhundert passen. Es ist der Akanthus und immer wieder
der Akanthus, der mit wenig Beiwerk an Ornament und Profilen die ganze
architektonische Welt beherrscht bis zum beginnenden 20. Jahrhundert.

Fast jeder Kulturnation erwächst aus den beiden Wurzeln zeitweise
und abwechselnd ein eigenes Bäumchen, das aber überall fast gleichzeitig
zum Absterben kam. Das gotische hielt sich in England wegen dessen
Lage jenseits des Meeres am längsten.

An Wiederbelebungsversuchen hat es nicht gefehlt. Der Empirestil
ist der letzte Versuch, die antiken Formen wieder von innen heraus zur
Geltung zu bringen, und er hat es auf kurze Zeit erreicht, so weit die
kaiserlichen Adler getragen wurden. Die Schinkelsche Schule hat es nur
auf beschränktem Landgebiet zu einer so ausgesprochenen Eigenart ge-
bracht, wie das Empire, und sie war das Ende.

Ohne daß Künstler und Publikum es so recht merken, schaffen wir
schon lange und noch heute nur »stilgerechte« Nachahmungen. Da aber
Nachahmung immerhin Fleiß und Anstrengung voraussetzt, so greifen in
unsrer kurzlebigen Zeit viele junge Kräfte auf ihr eigenes Schönheitsgefühl
als die natürliche Wurzel zurück. Die angeborene Veranlagung wird
aber nicht mehr von Meister zu Meister ausgebildet und verschmäht die in
der Natur gegebenen Vorbilder, soweit sie geschichtlich geworden sind.

Das heutzutage erforderliche geringe statische Formengefühl lernen
manche jetzt aus Photographieen und Zeitschriften und das Gesehene
wird oft unverstanden und unverdaut zusammengerührt. Auch die Fratze
kommt dabei zum Vorschein. Zuweilen wird auch eine vorausgegangene
Formensprache wieder einmal Mode; wir erleben Entlehnungen vom Assyri-
schen und Spätrömischen so gut wie vom Empire- und Biedermeierstil.
Selbst ernstere Architekten schwimmen mit dem Strome und versuchen
nach der Laune ihres Bauherrn nebeneinander romanisch, gotisch, bieder-
meierisch u. s. w. zu bauen. Vielen aber ist jede Anlehnung an Herge-
brachtes ein Greuel. Und hier liegt die Ursache des eingetretenen Wandels:
An Stelle der beiden alten Wurzeln ist eine dritte Wurzel getreten, die
Willkür in Form und Aufbau, ein Ringen nach neuen Mitteln des Ausdrucks,
in dem manchmal auch die absolute Unfähigkeit obenauf kommt. Die
dritte Wurzel schießt ins Kraut! Ob Blüte und Frucht daraus erwächst,
weiß bis jetzt niemand. A. Meydenbaaer.

Notizen.

Josef M. Olbrich f. Am 8. August ist Professor Olbrich, erst
41 jährig, in Düsseldorf einer Blutzersetzung erlegen. Es ist ein eigenes
tragisches Geschick, das die Vorkämpfer der neuen Bewegung dahinrafft,
bevor sie ihr Streben ausgereift in Taten umsetzen konnten, die voll er-
füllten, was ihr Anfang zu hoffen berechtigte. Olbrich, aus Österreichisch
Schlesien gebürtig, bezog erst mit 23 Jahren die Wiener Akademie der
bildenden Künste. Der Rompreis ermöglichte ihm als Abschluß der Studien
eine Reise durch Italien, Frankreich und England. Aus dem Atelier Otto
Wagners bahnte ihm dann 1898 der Entwurf zum Wiener Sezessionsbau
den Weg zur Selbständigkeit. Gleich darauf erfolgte die Berufung nach
Darmstadt, dessen Künstlerkolonie ihm völlig freie Bahn für Entwicklung
und Schaffen bot. Ihr wurde er Mittel- und Festigkeitspunkt; sie vor allem
trifft deshalb der ungeahnte, plötzliche Verlust ihres Führers, dessen vor-
nehme elegante Salonkunst wienerischer Art eine hervorragende Type der
modernen Bewegung geworden war.

Der Deutsche Werkbund hat auf seiner in München abgehaltenen
1. Jahresversammlung über die Veredlung der gewerblichen Arbeit im Zu-
sammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk und über die Heran-
bildung des gewerblichen Nachwuchses im Kunstgewerbe verhandelt. Die
Vorträge und Aussprachen ergaben die übereinstimmende Meinung, daß nur
Qualitätsarbeit dem Volke wahren und dauernden Nutzen zu bringen und den
Markt zu behaupten vermag, während bloße mechanische Arbeit dem ehernen
Lohngesetz untersteht. Die Aufgabe der Schulen sei, die Leute zur Praxis

Schülerarbeiten der Lehrwerkstätte für Kunstschlosserei und Metallbearbeitung
der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Elberfeld.

(In der Mitte Leuchter aus Mannesmannrohr.)
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